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Berlin,
Treptowers, BKA-Einheit »Extremdelikte«, Sektionssaal,
Montag, 28. Juli, 8:22 Uhr
A
ls Abel den Sektionssaal betrat, stieg ihm nicht nur der vertraute Geruch – eine Mischung aus Darminhalt, Blut und Desinfektionsmittel – in die Nase, sondern auch der Geruch nach verbranntem Fleisch, verkohlten Knochen und einem Hauch von Benzin. Scherz und Rath hatten bereits mit der Öffnung der Brusthöhle des auf einer Parkbank verbrannten Toten begonnen, um als ersten Schritt der Obduktion Lungengewebe für die Untersuchung auf Brandbeschleuniger bei Dr. Henry Fuchs im hauseigenen Labor zu asservieren.
Abel ging an den Kollegen vorbei zum zweiten der in einer Reihe nebeneinander angeordneten Sektionstische, zu der »lebenden Toten« aus dem Leichenschauhaus. Es schien auf den ersten Blick fast so, als sei die Frau nur kurz auf dem blanken Stahl des Obduktionstisches eingenickt. Sie lag völlig friedlich auf dem Rücken, ihr Kopf war zur linken Seite gekippt, die Lider waren geschlossen, und die grauen Haare lagen wie ein Kissen unter ihrem Kopf.
Fast so, als hätte sie ihren Frieden damit gemacht, dass der Tod es beim zweiten Anlauf doch geschafft hat, sie zu sich holen,
ging es Abel durch den Kopf.
Abel hatte der schmalen Akte entnommen, dass die Frau auf dem Sektionstisch, Theresa Maschewski, vierundsiebzig Jahre alt geworden war – fast fünfundsiebzig, wenn man berücksichtigte, dass
sie in vier Tagen Geburtstag gehabt hätte. Verwitwet, Rentnerin, wohnhaft in Berlin-Charlottenburg. Sie war zum ersten Mal gestorben, als Dr. Michael Heumann am 23. Juli ihren Tod im Rahmen eines Notarzteinsatzes in ihrer Wohnung feststellte. Das zweite Mal war Theresa Maschewski gestorben, als die behandelnden Ärzte einer Intensivstation des zur Charité gehörenden Virchow-Klinikums am nächsten Tag, dem 24. Juli, sie ein weiteres Mal für tot erklärt hatten.
Abel streifte sich die Einweghandschuhe aus festem, gelbem Gummi über. Sie komplettierten seine Arbeitskleidung im Sektionssaal: blauer, kurzärmliger Schlupfkasack, eine Hose in derselben Farbe und schwarze Gummistiefel.
Abel hatte beschlossen, bis seine Kollegin im Sektionssaal eintreffen würde bereits mit der äußeren Leichenschau zu beginnen, um keine Zeit zu verlieren. Erst dann würden sie beide mit der inneren Leichenschau beginnen.
Der Körper der Toten zeigte abgesehen von den Zeichen intensivmedizinischer Maßnahmen – von Heparin-Injektionen herrührende Nadeleinstichstellen in der Bauchhaut, in beiden Ellenbeugen liegende venöse Zugänge, ein zentraler Zugang in der Drosselvene an der linken Halsseite und ein Beatmungstubus, der aus ihrem Mund herausragte – keine Spuren einer äußeren Gewalteinwirkung. Nachdem Abel diese Details in sein Diktafon gesprochen und die Befunde mit einer der Digitalkameras, die zu diesem Zweck immer im Sektionssaal bereitlagen und deren Speicherkarten regelmäßig von Renate Hübner ausgelesen wurden, fotografiert hatte, zog er den Beatmungstubus mit einem schmatzenden Geräusch aus dem Mund der Toten.
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