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Berlin-Wedding,
Kickboxstudio »Drachenhöhle«,
Montag, 28. Juli, 8:25 Uhr
M
oewigs rechte Hand glänzte rötlich, als hätte er auf einem Klavier mit blutigen Tasten gespielt. Entgeistert streckte er sie Mazur, der mittlerweile zu ihm herübergekommen war, entgegen, während er mit dem Zeigefinger seiner linken Hand auf den Boden zeigte.
»Was ist denn das?«
Mazurs Blick senkte sich dorthin, wo sich die rostroten Sprenkel mittlerweile zu einer rotbraunen Lache von ungefähr zehn Zentimetern Durchmesser vereinigt hatten.
Die beiden Männer sahen sich schweigend an. Als Erster fand Moewig die Sprache wieder.
»Ich glaube«, flüsterte er, »jemand hat etwas mit diesem Sandsack angestellt. Das ist nicht gut.« Er sah sich in der Halle um. »Und du bist dir absolut sicher, dass niemand außer uns hier ist?«
»Ja, keiner da«, entgegnete Mazur, dem man ansah, dass er sich sichtlich unwohl fühlte.
Moewig trat noch einen Schritt näher an den Sandsack heran und erkannte, dass eine Seite zunächst aufgeschlitzt und anschließend mit wenigen groben Stichen wieder verschlossen worden war. Aus der Naht tropfte weiter rotbraune Flüssigkeit, wie aus einer übergroßen Operationsnarbe.
Mazur schien wie erstarrt.
»Karol, da ist etwas drin.« Moewig deutete kaum merklich mit dem
Kinn auf den vor ihm hängenden Ledersack. »Etwas ist da drin, was da nicht …« Moewig betastete den Sandsack mit beiden Händen an verschiedenen Stellen und prüfte auch das Gewicht des Sacks, indem er versuchte, ihn anzuheben, was ihm allerdings nur mit größter Anstrengung gelang, ehe er weitersprach. »Oder vielmehr ist da wohl ein Körper drin, der da nicht drin sein sollte.«
Mazur schluckte. Er schien wie in Trance. »Ein Körper? Was sagst du da?«
»Hast du ein Messer?«, wollte Moewig wissen, ohne auf Mazurs Frage einzugehen.
»Willst du den Sack aufschneiden?«, fragte Mazur.
»Wir sollten hineinschauen.«
Mazurs Gesicht war mittlerweile stark gerötet, und der Schweiß lief ihm an den Schläfen herunter. Er zögerte. Schien mit sich zu ringen, was jetzt das Richtige sei.
»Warte hier«, sagte er dann und eilte in sein Büro.
»Ich wüsste nicht, wo ich in der Zwischenzeit hingehen sollte«, murmelte Moewig vor sich hin und besah sich seine blutverschmierten Hände. Ein kurzer Blick in Richtung Eingangstür sagte ihm, dass sie immer noch allein im Studio waren.
Nur wenige Augenblicke später kehrte Karol Mazur mit einem Teppichmesser zurück, mit dem er üblicherweise Boxbandagen aufschnitt, wenn es mal schnell gehen musste.
»Und jetzt?«, fragte er, das Messer in der Hand.
Moewig trat einen Schritt von dem Sandsack zurück und damit auch aus der Blutlache. »Aufschneiden«, kommandierte er.
Mazur zögerte kurz, doch dann fuhr er die Klinge des Teppichmessers mit mehreren Klicks aus und setzte sie auf die provisorisch geschlossene Naht. Mit einem knackenden Geräusch löste die Spitze des Teppichmessers zunächst nur einen Faden der Naht, dann riss Mazur die Klinge mit einem fetzenden Geräusch ganz
nach unten in Richtung Fußboden.
Der Sandsack fing an, sich langsam um die eigene Achse zu drehen, und nachdem er eine ganze Drehung vollzogen hatte, kam die von Mazur geschaffene Öffnung wieder in das Blickfeld der beiden Männer.
Im Inneren des Sandsacks befand sich ein kopfüber zusammengekrümmter Körper, der einem Fötus in einem Uterus glich.
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