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Berlin,
Treptowers, BKA-Einheit »Extremdelikte«, Sektionssaal,
Montag, 28. Juli, 8:41 Uhr
V or wenigen Minuten war Sabine Yao im Sektionssaal erschienen und hatte sich grußlos und mit dem größtmöglichen Abstand zu Abel an einem der Sideboards aus Aluminium neben dem Sektionstisch platziert. Gedankenversunken war sie in die Akte Maschewski vertieft, und ihre Lippen schienen jedes Wort nachzuformen, das sie darin las.
Für Abel ein klares Zeichen, dass sie sich einerseits sehr auf den Inhalt der Akte konzentrieren musste, weil sie mit ihren Gedanken wahrscheinlich ganz woanders war, und andererseits kein Interesse daran hatte, von Abel in den gemeinsamen Fall eingewiesen zu werden. Erneut verfluchte er den Umstand, dass ausgerechnet er derjenige gewesen war, der Sabine Yaos Nichte rechtsmedizinisch untersucht hatte und nicht irgendein Kollege aus dem Landesinstitut oder dem Institut für Rechtsmedizin der Charité.
Doch es ließ sich nun nicht mehr ändern. Es gab kein Zurück mehr.
Es geht ihr nicht gut, sie hat Schatten unter den Augen, stellte Abel fest. Wie sich das bisher vertrauensvolle, kollegiale Verhältnis zu seiner langjährigen Kollegin weiter entwickeln würde, konnte er zum jetzigen Zeitpunkt nicht einschätzen, und eigentlich wollte er sich darüber im Moment auch keine Gedanken machen, denn jetzt hatten sie beide jede Menge Arbeit vor sich.
Abel räusperte sich geräuschvoll, doch Sabine Yao hielt den Blick stur auf die Akte gesenkt. Sie hatte sich scheinbar hastig umgezogen, denn mehrere lange Haarsträhnen waren aus ihrem sonst immer akkurat gebundenen schwarzen Pferdeschwanz gerutscht.
Erst als Abel sie direkt ansah, schenkte sie ihm ihre Aufmerksamkeit.
»Also, Sabine« – Abel räusperte sich kurz – »wir haben in der Frühbesprechung schon alle unsere Verwunderung über diesen Fall kundgetan«, sagte er und lächelte ihr zu. Ein Versuch, wenigstens für diese Sektion Frieden zu schließen.
Doch Sabine Yao starrte Abel aus blitzenden Augen an. Ein Blick, der nichts Gutes verhieß.
Abel ließ sich nicht beirren. »Was meinst du, warum hat der Notarzt eine so krasse Fehldiagnose hingelegt, als er den Tod dieser Frau attestierte?«
Bei einer Sektion war der fachliche Austausch zwischen dem ersten und zweiten Obduzenten unerlässlich. Nicht nur die Befunde wurden diskutiert, wenn die Organe fertig präpariert auf dem Sektionstisch lagen, auch im Vorfeld wurden Theorien, Ideen und erste Vermutungen, was sich zugetragen haben könnte, erörtert, um einen Ablaufplan für die Sektion zu entwerfen und die verschiedenen Überlegungen im Rahmen der Sektion abzuarbeiten. Wie Ballwechsel waren diese Gespräche in der Lage, den jeweils anderen zu geistiger Flexibilität anzuspornen.
Doch Sabine Yao nahm den Aufschlag nicht an. Fast beiläufig überprüfte sie den Sitz ihres Pferdeschwanzes und stellte fest, dass sich einige Strähnen daraus gelöst hatten, woraufhin sie ihre pechschwarzen Haare neu zusammenband. Dann entgegnete sie mit knappen Worten: »In einer Stunde wissen wir vielleicht mehr.«
Es entstand eine kurze, unangenehme Pause.
Dann lenkte sie immerhin noch ein: »Die Zeit zwischen Alarmierung und Eintreffen des Notarztes Dr. Heumann ist hier nicht ausschlaggebend. Dazwischen sind gerade mal neun Minuten vergangen. Es hat eben auch Vorteile, in der Nähe eines Krankenhauses zu wohnen.« Sie zog sich die gelben Sektionshandschuhe an.
Abel nickte. Die Vorgeschichte war an diesem Fall nicht das Besondere. Es war vielmehr der dritte Akt, der für Aufsehen sorgte. Abel nahm eines der Organmesser an der Klinge und hielt Sabine Yao den Griff hin. Weniger, um ihr zu bedeuten, dass sie mit dem Exenterieren, der Organentnahme, beginnen sollte, sondern vielmehr, um den physischen Abstand zwischen ihm und Yao wenigstens etwas zu verkürzen. Fast hatte er das Gefühl, er würde ihr symbolisch so etwas wie eine Friedenspfeife anbieten.
Doch Sabine Yao machte keine Anstalten, das Messer von Abel entgegenzunehmen, sondern sagte fast tonlos: »Und jetzt wird gegen den Kollegen Heumann wegen unterlassener Hilfeleistung ermittelt.«
»Ja, ich habe Frau Hübner gebeten, uns eine Kopie des ersten Totenscheines zu besorgen, damit wir überprüfen können, anhand welcher sicherer Todeszeichen er den Tod von Frau Maschewski attestierte«, entgegnete Abel.
Sabine Yao schien nur auf eine solche Bemerkung gewartet zu haben. »Genau. Und wenn dir danach ist, kannst du heute gleich wieder das Leben eines Kollegen zur Hölle machen«, blaffte sie ihn an.
Abel war sprachlos. Aber ehe er sich eine geeignete, versöhnlich stimmende Antwort überlegt hatte, spürte er, dass hinter ihm eine weitere Person den Sektionssaal betrat.
Abel drehte sich um. Er hätte sich in diesem Moment sogar über einen Besuch von Gevatter Tod persönlich gefreut, solange das die Situation im Sektionssaal irgendwie entschärft hätte. Allerdings war die sehr lebendige und unterhaltsame Person, die gerade den Saal betreten hatte, eine deutlich bessere Alternative.
»Fast immer dasselbe Bild, wenn ich Sie sehe, Dr. Abel. Immer stehen Sie neben einer Leiche. Egal, wann oder wo ich Sie antreffe. Gibt Ihnen das nicht zu denken?«, begrüßte Tekin Okyar ihn mit einem breiten Grinsen.
Okyar, der als Polizeischüler und ehemaliger Praktikant bei der Mordkommission mit Abel vor einigen Jahren an der Jagd nach dem Miles-&-More-Killer beteiligt gewesen war, hatte sein damals noch etwas unbeholfenes und naives Wesen längst abgelegt und sich zu einem geschätzten Mordermittler entwickelt. Diesen Eindruck unterstrich er seit einiger Zeit auch durch seinen Kleidungsstil. Der Endzwanziger trug ein weißes, maßgeschneidertes Hemd mit seinen dezent im unteren Drittel des Hemdes neben der Knopfleiste eingestickten Initialen TO und dazu Sneakers eines hochpreisigen italienischen Designers, wie das Logo an den Außenseiten der Schuhe verriet. Trotzdem war für alle, die ihn näher kannten, klar, dass Okyar immer ein Kreuzberger Junge bleiben würde. Was bei der Arbeit als Beamter einer der Mordkommissionen des Berliner LKA in der Hauptstadt nicht von Nachteil war.
Okyar begrüßte kurz Sabine Yao, die er von einer noch nicht allzu lange zurückliegenden Sektion kannte. Seinerzeit hatten Herzfeld und Sabine Yao einen jungen Mann obduziert, der von seinem Stalker, einem schrägen Berliner Lokalpolitiker, erst bestialisch getötet und dann von diesem in einem übergroßen Reisekoffer auf einer Sackkarre in der U-Bahn durch die halbe Stadt gefahren worden war.
Nun trat Okyar, der bei der Mordkommission für den Fall Theresa Maschewski zuständig war, an den Sektionstisch mit der Verstorbenen heran.
»Das ist sie also, die lebende Tote aus dem Leichenschauhaus?«
»Das ist sie«, bejahte Abel.
»Gut. Oder auch nicht gut«, sagte Okyar. »Ich habe den Notarzt, Dr. Heumann, für heute Nachmittag zu einer weiteren Vernehmung einbestellt. Körperverletzung mit Todesfolge durch Unterlassen nach Paragraf 227 Strafgesetzbuch oder sogar eine Tötung durch Unterlassen nach Paragraf 222 und Paragraf 13 Strafgesetzbuch stehen nach Ansicht der Staatsanwaltschaft gegen ihn im Raum. Ich kann nur hoffen, dass er nicht gleich mit den üblichen Staranwälten bei uns in der Keithstraße aufschlägt. Macht uns unsere Arbeit bekanntlich nicht leichter. Und wozu braucht man in solch einem Fall auch irgendwelche juristischen Winkelzüge? Dr. Heumann lag mit seiner Einschätzung der Lage ja wohl nachweislich falsch, als er die gute Frau statt mit dem Notarztwagen mit dem Leichenwagen abtransportieren ließ, oder?«
»Wir haben noch nicht angefangen«, entgegnete Sabine Yao schnippisch.
»Das tun wir jetzt aber«, sagte Abel und bedeutete seiner Kollegin mit einer Kopfbewegung, dass es nun an der Zeit war, das Organmesser, das er ihr vorhin vergeblich hingehalten hatte und das er zwischenzeitlich neben der Toten auf dem Sektionstisch abgelegt hatte, an sich zu nehmen und zu beginnen.
Ein weiterer bitterböser Blick traf Abel. Aber nach kurzem Zögern ergriff Sabine Yao das Messer mit dem schmucklosen grünen Plastikgriff und der zwanzig Zentimeter langen Stahlklinge schließlich doch und setzte die Spitze der Klinge in der Haut der Drosselgrube der Toten an, um über den großen Körperlängsschnitt die Brusthöhle und Bauchhöhle der Toten zu öffnen.
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