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Berlin-Wedding,
Kickboxstudio »Drachenhöhle«,
Montag, 28. Juli, 8:41 Uhr
S
cheiße, Alter!«, sagte Moewig laut und zog die Öffnung im Sandsack mit seinen blutverschmierten Händen noch etwas weiter auf. Plötzlich schoss ein regelrechter Blutschwall aus dem Inneren des Sacks und landete platschend auf dem abgewetzten Holzboden. Die blutige Flüssigkeit hatte sich wahrscheinlich am Boden des ledernen Sacks gesammelt.
Und dann geschah es: Der leblose, nackte und blutverschmierte Körper glitt mit einem glucksenden Geräusch aus dem Inneren des Sandsacks und schlug mit einem schaurig dumpfen Ton vor den beiden Männern auf.
»Fuck!«, entfuhr es Karol Mazur.
Der Kickboxtrainer und Moewig hatten beide instinktiv eine Art Kampfstellung eingenommen. Auch wenn innerhalb von Sekundenbruchteilen klar gewesen war, dass von dem leblosen Haufen Mensch vor ihnen auf dem Hallenboden keinerlei Gefahr ausging, konnte von Entwarnung noch keine Rede sein, und den beiden Männern war ihre Anspannung sichtlich anzumerken.
Der Körper des Mannes vor ihnen war bis auf eine blutverschmierte Unterhose unbekleidet. Seine Arme und Beine waren übersät von fliederfarbenen Blutergüssen, sein Oberkörper blutüberströmt, Ober- und Unterkieferpartie bis zur Unkenntlichkeit zertrümmert und Ober- und Unterlippe darüber grobfetzig zerrissen, sodass es so aussah, als
würde sein Mund ein stummes »Oh« formen. Einige Zähne des Toten steckten, als wäre eine Perlenkette gerissen und die einzelnen Perlen hätten sich wie kleine Geschosse verstreut, in dem rohen Fleisch der blutigen Wunde, wo sich zuvor sein Mund befunden hatte.
Moewig war trotz des grauenvollen Anblicks sofort wieder in der Lage, klar zu denken. »Wir fassen hier nichts an und rufen die Polizei«, sagte er, ohne den Blick von dem blutigen Körper auf dem Boden zu lösen.
»Nein, das geht nicht. Weißt du, was los ist, wenn die Bullen den hier bei mir in der ›Drachenhöhle‹ finden?«, erwiderte Mazur, dem jetzt der Schweiß das Gesicht herunterlief. »Dann kann ich den Laden dichtmachen. Vielleicht will mir auch irgendein Arschloch einen Mord in die Schuhe schieben. Weißt du, Lars, früher …«
»Okay. Dann schließ sofort die Eingangstür. Schau, dass du irgendetwas Schweres davorstellst, falls der Innenriegel bei dem Einbruch was abbekommen hat. Ich brauche Ruhe, um zu überlegen, was wir als Nächstes tun, und keine Störung durch irgendwelche neugierigen Besucher.«
Mazur sprintete durch den Raum und verriegelte krachend die Eingangstür mithilfe des schweren Riegels, der sich oben an der Innenseite befand und bei dem Aufbruch der Tür nicht beschädigt worden war. Als er zu Moewig zurückgekehrt war, war er außer Atem und rang nach Luft. Der Schreck schien ihm den Hals zuzuschnüren.
»Lars, was ist hier passiert?«, fragte er gepresst.
Moewig zuckte nur mit den Schultern. Er hatte im Moment noch keine Erklärung. Mit der Spitze eines seiner sowieso schon ruinierten Schuhe stupste er den Leichnam an, sodass dieser, fast ganz ausgestreckt, auf der Körperrückseite zum Liegen kam. Die linke Gesichtsseite war kaum noch zu erkennen, die linke Augenhöhle nur eine leere Öffnung, aus der goldgelbes Fettgewebe herausquoll. Das noch erhaltene, spaltbreit geöffnete rechte Auge starrte leer an die
Decke der ehemaligen Fabrikhalle, und Moewig registrierte, dass der Tote offensichtlich blaue Augen hatte.
»Kennst du ihn?«, fragte Moewig.
Mazur hatte offenbar Schwierigkeiten, sich den Toten genau anzusehen. Sein Atem kam stoßweise, und Moewig befürchtete, dass er sich übergeben würde. Nach einem kurzen Moment schien sich der Pole aber wieder unter Kontrolle zu haben und musterte mit stummen Blicken den übel zugerichteten Körper vor ihm.
Moewigs Blick fiel auf eine rötlich blaue Tätowierung in Form einer brennenden Fackel an der Innenseite des rechten Unterarmes, die sich erst bei genauerem Hinsehen von den fliederfarbenen Unterblutungen der Oberhaut abhob. Auch Mazur schien sie bemerkt zu haben und irgendetwas damit zu assoziieren, denn seine Gesichtszüge änderten sich augenblicklich von Entsetzen zu Erstaunen.
»Scheiße. Oh, mein Gott … ich glaube, ich weiß … ich meine, ich kann mir denken, wer das ist«, murmelte Mazur.
»Gut. Wer
ist es?«
»Moritz! Er heißt Moritz!«, rief Mazur und rannte in sein Büro.
Moewig folgte ihm, aber noch bevor er den Raum erreicht hatte, verließ Mazur ihn schon wieder, diesmal mit einer schwarzen Brechstange in der Hand, und steuerte auf die benachbarte Umkleidekabine zu, wiederum gefolgt von Moewig.
In der Umkleide, in der es noch stärker nach altem Schweiß roch als draußen in der Halle, blieb Mazur vor einer Reihe abgewetzter, verschlossener Metallspinde stehen, die den langjährigen Mitgliedern in seinem Studio vorbehalten waren. Dann trat er auf einen der mittleren Spinde zu und setzte das Brecheisen auf Höhe des kleinen Schlosses zwischen Spindtür und Verkleidung an.
»Er hat einen eigenen Schrank von mir bekommen. Ich bin nur leider nicht so gut organisiert. Keine Ahnung, wo ich den
Zweitschlüssel für seinen Spind habe«, wandte er sich erklärend an Moewig.
»Ich denke, das sollte lieber die Polizei …«, setzte Moewig an, doch da brach die Spindtür schon mit einem gewaltigen Krachen auf.
Mazur warf das Brecheisen zur Seite. Es landete mit einem dumpfen Poltern auf dem Linoleumboden, dessen ursprüngliche Farbe schon lange nicht mehr zu erkennen war. Er griff in den Spind hinein und zog eine dunkelblaue Sporttasche mit weißen Streifen heraus, die er Moewig kurz triumphierend entgegenhielt, ehe er sie auf einer der gegenüberliegenden Bänke abstellte.
»Karol, ich denke wirklich, das solltest du nicht tun. Die Polizei …«, gab Moewig erneut zu bedenken, aber Mazur schien fest entschlossen zu überprüfen, was sich in der Tasche befand. Er sah Moewig mit einem herausfordernden Blick an, dem daraufhin klar wurde, dass der Kickboxtrainer sein Selbstbewusstsein inzwischen vollends wiedergewonnen hatte und die Fäden in der Hand behalten wollte.
»Das ist hier der Wedding, Lars. Hier sollte man mindestens so viel wissen wie die Polizei, wenn nicht sogar etwas mehr. Außerdem bist du mein Zeuge.«
Der Reißverschluss machte ein surrendes Geräusch.
Mazur griff in die Tasche und förderte eine durchsichtige, mittelgroße Plastiktüte zutage. Darin befanden sich weitere kleine durchsichtige Plastiktüten, die Mazur vor ihnen auf dem speckigen Linoleumboden auskippte. Tabletten, Pillen, Gras, zahlreiche bräunliche Plättchen.
»Er hat Drogen gehortet. In meinem Studio!«, sagte Mazur mit grimmigem und zugleich erstauntem Unterton und schaute Moewig an.
»Und davon wusstest du nichts?«, wollte der ehemalige Fremdenlegionär wissen.
Der Pole schüttelte nur den Kopf.
»Okay. Wie gut kanntest du ihn? Ich meine, was zum Teufel ist hier los, Karol?«
»Ich weiß nur, dass er Moritz heißt. Oder sich zumindest als Moritz angemeldet hat. Für den Nachnamen müsste ich in den Unterlagen nachsehen. Spazierte hier vor ein paar Monaten rein, hat die Anmeldungspapiere ausgefüllt und wollte sofort einen eigenen Schrank. War dafür eigentlich nicht lange genug dabei. Aber er hat ein Jahr im Voraus bezahlt. Bar. Und noch was obendrauf gelegt. Er war nur sehr selten und unregelmäßig beim Training und hat es auch nicht richtig ernst genommen. War jedenfalls mein Eindruck. Jetzt erklärt sich einiges. Er hat hier in meiner ›Drachenhöhle‹ seine Drogen vertickt.«
Wieso wird die Leiche eines Typen, der Karols Studio als Drogenumschlagplatz – oder vielleicht auch nur zur Zwischenlagerung von Drogen – nutzt, so demonstrativ platziert, dass man sie sofort finden muss? Und warum haben sich der oder die Täter nicht für die Drogen in seinem Spind interessiert? Weiß Karol mehr, als er gerade gesagt hat? Ist das vielleicht eine Warnung, die direkt an Karol adressiert ist? Irgendetwas stinkt hier gewaltig,
dachte Moewig, aber er behielt seine Gedanken für sich.
»Und jetzt?«, wollte Mazur wissen.
Moewig fuhr sich mit der Hand über sein kantiges Kinn. Eigentlich hatte er schon vor ein paar Minuten, beim ersten Anblick der Leiche, genau gewusst, was in dieser Situation das einzig Richtige war.
»Jetzt werde ich mal kurz telefonieren«, entgegnete er, wischte sich seine blutverschmierten Hände kurzerhand an den Camouflage-Shorts ab und zog sein Handy aus der Hosentasche.
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