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Berlin,
Treptowers, BKA-Einheit »Extremdelikte«, Sektionssaal,
Montag, 28. Juli, 8:44 Uhr
D
ie blasse Haut der »lebenden Toten« aus der Leichenhalle wich vor der sie zerteilenden Klinge des Sektionsmessers zur Seite und hing jetzt wie faltiges Pergamentpapier an beiden Seiten von ihrem Körper herunter. Mit einem knackenden Geräusch zerteilte Sabine Yao danach die frei liegenden Rippen entlang der beiden Brustkorbseiten mit der wuchtigen Rippenschere, die von Größe und Aussehen her einiges mit einem Bolzenschneider gemein hatte. Nachdem die Rechtsmedizinerin das Brustbein mit den daran befindlichen Rippenanteilen mit einem schmatzenden Geräusch aus der Körpermitte der Toten gelöst hatte, lag der Blick auf die beiden Lungenflügel frei, die ballonartig überbläht waren – eine Folge der Überdruckbeatmung auf der Intensivstation, kurz bevor die alte Dame zum zweiten Mal innerhalb von etwas weniger als vierundzwanzig Stunden für tot erklärt worden war. Nach kurzer Inspektion der Oberfläche beider Lungenflügel in situ hob Sabine Yao beide hintereinander mit ihrer linken Hand aus den Brusthöhlen an, während sie mit der rechten jeweils die Hauptbronchien mit einem gekonnten Schnitt durchtrennte. Schließlich eröffnete sie mit einer Schere den Herzbeutel, schöpfte mit einer Kelle – die nicht nur deutliche Ähnlichkeit mit einer Suppenkelle hatte, sondern bei der es sich auch um nichts anderes handelte – etwas bernsteinfarbene Flüssigkeit aus dem Herzbeutel in einen kleinen Messbecher und
durchtrennte dann die großen Gefäße an der Herzwurzel, woraufhin sich reichlich flüssiges, schwarzrotes Blut daraus ergoss.
Okyar, der das Schauspiel vor ihm gebannt verfolgte, hatte sichtlich Schwierigkeiten, seinen Blick von Yaos geschickten Handgriffen zu lösen. Schließlich gewann die ihm eigene Neugier – die Abel kannte und durchaus schätzte, da Okyar Dinge nicht nur stumpf zur Kenntnis nahm, sondern auch hinterfragte – die Oberhand.
»Dr. Abel, wäre es denn eventuell doch möglich, dass die Frau tot war, ich meine wirklich tot, und dann, na ja, zurückgekommen
ist?«
»Sie meinen im Sinne einer Wiedergängerin? So mit Kratzspuren von Fingernägeln an der Innenseite des Sargdeckels und lautem Seufzen im Grab?«, fragte Abel scherzhaft zurück, sah jedoch im selben Moment am Gesichtsausdruck des jungen Kriminalbeamten, dass der seine Frage augenscheinlich ernst gemeint hatte. Deshalb nutzte Abel die Zeit, in der Sabine Yao dem Körper der Toten weitere Organe entnahm und auf den für ihre Präparation vorgesehenen Organtisch am Fußende des Sektionstisches legte, um etwas weiter auszuholen.
»Die Geschichte des Scheintods ist so alt wie die der Medizin. Als vor Jahrhunderten unsere heutigen Erkenntnisse zur eindeutigen Todesfeststellung noch nicht vorlagen, hatten Ärzte Schwierigkeiten, den Tod eines Menschen sicher zu erkennen. Wenn ein Mensch scheintot ist, kann man bei demjenigen nicht erkennen, dass er nicht tot ist, sondern noch lebt, weil der Körper kalt ist, die Haut blass, kein Puls feststellbar und eine Atmung nicht erkennbar. Das sind jedoch die sogenannten unsicheren Todeszeichen. Und wie der Begriff schon impliziert, muss der Betreffende wirklich keineswegs tot
sein, in dem Sinn, dass seine Kreislauffunktion vollständig und für immer erloschen ist. Im Gegenteil. Bei den vorliegenden unsicheren Todeszeichen haben Reanimationsmaßahmen durchaus noch Aussicht auf Erfolg.«
Der Kommissar lauschte gebannt.
Sabine Yao verdrehte demonstrativ und für die beiden Männer gut sichtbar die Augen, während sie die Nieren aus ihren goldgelben Fettlagern tief in der Lendenregion der Toten herausschälte. Aber Abel ließ sich davon nicht beirren und fuhr fort: »Wir Rechtsmediziner haben für jemanden, der fälschlicherweise für tot erklärt wurde, dann aber wieder Kreislauffunktionen zeigt, wie für fast alles Ungewöhnliche, das wir in unserem Beruf beobachten, einen eigenen Begriff: das Lazarus-Phänomen
. Aber den Grund zu erklären führt jetzt wahrscheinlich zu weit.« Abel machte eine kurze Pause, ehe er weitersprach. »Einzig und allein entscheidend in diesem Fall ist, dass jemand nur wirklich tot ist, wenn eine Ärztin oder ein Arzt mindestens eines der drei sicheren Todeszeichen, nämlich Totenflecken, Totenstarre oder Fäulnis bei dieser Person festgestellt hat. Und das ist hier der entscheidende Punkt: Wie, also anhand welcher Todeszeichen hat Dr. Heumann den Tod von Frau Maschewski festgestellt und damit für sich die – in diesem Fall fatale – Entscheidung getroffen, seine Reanimationsmaßnahmen nicht fortzusetzen, sondern zu beenden?«
»Ja, und das Problem ist«, schaltete sich jetzt Sabine Yao mit fast trotzigem Tonfall ein, »dass es in den Unterlagen nur eine vorläufige Todesbescheinigung gibt. Ein richtiger Leichenschauschein scheint nicht zu existieren oder hat zumindest nicht den Weg in unsere Akte gefunden.«
»Verstehe, das ist ein klarer Auftrag«, erwiderte Okyar. »Ich mache mich, wenn ich wieder in der Keithstraße bin, direkt auf die Suche nach Ihrem Leichenschauschein beziehungsweise werde das heute bei der Vernehmung von Dr. Heumann thematisieren. Verstanden.«
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