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Berlin,
Treptowers, BKA-Einheit »Extremdelikte«, Sektionssaal,
Montag, 28. Juli, 9:05 Uhr
E s herrschte konzentrierte Stille, lediglich unterbrochen von dem kreischenden Geräusch der Kopfsäge und klackernden Geräuschen der metallenen Sektionsinstrumente, die die beiden Obduzenten Yao und Abel bei ihrer Arbeit immer mal wieder auf dem Edelstahl des Sektionstisches ablegten. Etwa dreißig Minuten später stand fest, dass Theresa Maschewski an einem Herzinfarkt gestorben war. Die Frage des Alters des Infarktes und ob sie diesen bereits in ihrer Wohnung in Charlottenburg erlitten hatte – und er damit zum Zeitpunkt von Dr. Heumanns fälschlicher Feststellung des Todes schon bestanden hatte – oder ob der Herzinfarkt während ihrer intensivmedizinischen Behandlung eingetreten war, würde das Ergebnis der mikroskopischen Untersuchung in einigen Tagen bringen.
Aber auch wenn wir das Alter des Herzinfarktes genau eingrenzen und in Beziehung zum zeitlichen Verlauf der Dinge bringen können, die in diesem Fall für die Staatsanwaltschaft von Interesse sind, beantwortet das noch nicht alle offenen Fragen, befand Abel. Die Frage, zu welchem Zeitpunkt genau eine erfolglose Reanimation einer leblosen Person abgebrochen und eingestellt werden darf, ist bis heute immer noch nicht abschließend geklärt und wird von Gericht zu Gericht unterschiedlich bewertet, denn dazu existiert keine höchstrichterliche Rechtsprechung. Es gibt eine kurze Latenzzeit zwischen unwiderruflichem Kreislaufstillstand und dem ersten Auftreten von Totenflecken, die sozusagen eine Grauzone zwischen Leben und Tod darstellt.
Als Abel diese Überlegungen rasch noch Okyar mitteilen wollte, der sich gerade verabschiedete und anschickte, den Sektionssaal zu verlassen, klingelte sein Handy.
Sein Blackberry zeigte den Namen des Anrufers an: Lars Moewig. Abels Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen.
Wenn Moewig ihn anrief, ging es um etwas Wichtiges. Üblicherweise schrieb sein alter Freund eine SMS. Moewig hasste es nicht nur, überall und jederzeit erreichbar zu sein, noch mehr hasste er es auch, mit seinem Handy zu telefonieren – weil er damit seinen digital footprint, seine digitale Spur hinterließ und seinen Standort preisgab. Was in seinem Metier als Privatermittler, der manchmal haarscharf an der Grenze zur Legalität agierte und sich auch immer mal wieder neue Feinde machte, nicht unbedingt von Vorteil war.
Abels Puls beschleunigte sich, Bilder aus der Vergangenheit tauchten vor seinem inneren Auge auf. Moewig hatte seinetwegen vor einiger Zeit einiges durchstehen müssen.
Er nahm den Anruf grußlos mit einem knappen »Lars, was ist los?« entgegen und lauschte dann schweigend der tiefen Stimme am anderen Ende. Sein Freund war möglicherweise in Schwierigkeiten. Und Moewig sollte besser nicht noch einmal unter Mordverdacht geraten, so, wie es vor einigen Jahren geschehen war, als er für den Miles-&-More-Killer gehalten wurde. Ein zweites Mal würde Abel nicht sicherstellen können, dass er ihn heil aus so einer Nummer rausbekam. Deshalb war es jetzt wichtig, dass sein alter Freund aus Bundeswehrzeiten nicht seinem Hang zu Alleingängen nachgab.
»Bleib, wo du bist. Schick mir die Adresse aufs Handy. Ich informiere den diensthabenden Kollegen hier im Haus und die Mordkommission. Du fasst ab jetzt nichts mehr an. Ich rufe dich an, sobald alles in die Wege geleitet ist, und komme so schnell ich kann.«
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