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Berlin-Wedding,
Kickboxstudio »Drachenhöhle«,
Montag, 28. Juli, 11:45 Uhr
A
bel hatte Scherz, dem an diesem Tag diensthabenden Rechtsmediziner der »Extremdelikte«, noch im Sektionssaal in wenigen Sätzen berichtet, was er von Moewig erfahren hatte und wo genau sich der Leichenfundort befand. Er hatte ihn auch darüber informiert, dass eine der beiden Personen, die den Toten in dem Kickboxstudio im Wedding gefunden hatten, ein Freund von ihm war und er deshalb ebenfalls zum Leichenfundort kommen würde. Scherz, der gerade mit Wiebke Rath die Obduktion der Brandleiche beendet hatte, hatte zugesagt, mit der zuständigen Mordbereitschaft des LKA Kontakt aufzunehmen, und war dann unverzüglich in die Umkleide gegangen. Fünfzehn Minuten später war Scherz, mit seinem Tatortkoffer in der Hand, in Abels Büro erschienen und hatte ihn informiert, dass er sich zusammen mit den Kollegen der Mordkommission nun auf den Weg zum Leichenfundort machen würde.
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Abel war etwa zwanzig Minuten nach Scherz in Mazurs »Drachenhöhle« eingetroffen und stand jetzt in einem weißen Anzug der Spurensicherung neben seinem Kollegen, der in gleicher Montur neben der Leiche kniete.
Abel war schon beim ersten Anblick des Toten auf dem
blutverschmierten Holzboden klar, dass dieser ein massives Polytrauma erlitten haben musste, die Knochen und das Weichgewebe des Mannes waren regelrecht zermalmt worden. Das linke Schlüsselbein war etwa in der Mitte gebrochen, und ein Ende des fahlen Knochens ragte durch die mit einer Kruste aus getrocknetem Blut überzogene Haut nach außen, wie eine morsche Wurzel, die sich ihren Weg aus dem Boden bahnte. Der rechte Unterarm war etwa zur Hälfte um fast 180 Grad in sich verdreht. Die linke Gesichtsseite war großflächig zerstört, der linke Augapfel nicht mehr vorhanden. Auch die Beine des Toten waren unnatürlich verdreht, und die gesamte Körperrückseite wie auch die Arme und Beine mit Blutergüssen in den unterschiedlichsten Violett-Schattierungen überzogen.
Scherz hatte offensichtlich Schwierigkeiten, das neue digitale Aufnahmegerät mit den Latexhandschuhen, die er trug, zu bedienen, während er die Befunde der ersten rechtsmedizinischen Inaugenscheinnahme des Toten diktierte, denn er drückte immer wieder an dem Gerät herum und stieß leise Verwünschungen aus, die von dem regelmäßigen, mechanischen Klicken der Kamera des Polizeifotografen begleitet wurden.
An Abel gewandt sagte der Oberarzt: »Massives Polytrauma. Leichenfundort könnte auch Tatort sein. Dann wäre er im Sack zu Tode geprügelt worden. Kann aber genauso gut ganz anders abgelaufen sein. Vielleicht ein Sturz aus der Höhe oder ein Verkehrsunfall, und dann wurde der Tote in den Sack verfrachtet und darin eingenäht. Wäre mal eine neue Form des Leichen-Dumpings. Normalerweise erfolgt in Berlin die Entsorgung von unliebsamen Toten in stillgelegten U-Bahn-Tunneln, Klärgruben oder den Badegewässern der Region.«
Abel wusste, worauf Scherz hinauswollte: Erst nach der Sektion würden sie mehr wissen. Möglicherweise fanden sich Hinweise darauf, dass der Mann zum Zeitpunkt, als er in den ledernen Sandsack
eingenäht wurde, noch lebte, oder Hinweise darauf, was die massiven Verletzungen verursacht hatte.
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Keine halbe Stunde später war Scherz’ rechtsmedizinische Untersuchung beendet, und er hatte sein Instrumentarium – Pinzette, Maßstab, Lupe, Diktafon – wieder in seinem Tatortkoffer verstaut. Nachdem er auch die Latexhandschuhe abgestreift und den weißen Overall bis zur Hüfte heruntergezogen und die Ärmel vor dem Bauch verknotet hatte, wandte er sich an Abel. »Ich werde langsam zu alt für diesen Job. Ständig irgendwelche technischen Neuerungen, wie dieses neue digitale Diktiersystem, das einem das Leben nicht leichter, sondern schwerer macht, und dann auch noch diese verdammte Bullenhitze hier drin.«
»Wann geht es im Sektionssaal weiter? Gibt es schon eine Uhrzeit?«, wollte daraufhin der Polizeifotograf wissen, der mittlerweile seine Kameraausrüstung in einem silbernen Alukoffer verstaut hatte.
»Als Nächstes ist eure Spurensicherung dran, die stehen aber wohl irgendwo am Großen Stern im Stau. Ich stimme mich mit der zuständigen Ermittlerin ab und melde mich später bei Ihnen.«
Der Fotograf nickte und verabschiedete sich.
Für einen kurzen Moment waren die beiden Rechtsmediziner in der stickigen Trainingshalle allein. Die unverputzten Wände schienen den Geruch von rohem Fleisch und Blut, der von dem Toten ausging, mit dem alten Schweißgeruch, der in der unangenehmen Schwüle in der alten Fabrikhalle deutlich hervortrat, zu vermischen und regelrecht zu konservieren.
Abel wusste, dass Moewig, den er bei seiner Ankunft in der »Drachenhöhle« kurz begrüßt hatte, gemeinsam mit dem Besitzer des Kickboxstudios im Büro seine Aussage machte, und nutzte die Zeit bis zum Eintreffen der Spurensicherung, um sich die
Aufhängevorrichtung des Sandsacks genauer anzusehen.
»Der Sandsack wurde abgehängt und scheinbar nachlässig wieder an den Haken angebracht. Eine Kette haben die Täter wohl nicht über die Aufhängung bekommen«, wandte er sich an Scherz. »Wahrscheinlich, weil der Inhalt des Sacks zu schwer war. Aber was viel ungewöhnlicher ist …« – Abel trat noch einen Schritt näher an den aufgerissenen Sandsack heran und inspizierte die Außenseiten jetzt aus nächster Nähe – »… die Spuren auf dem Leder, zumindest diese, die ich auf den ersten Blick erkennen kann, sind längliche, überwiegend waagerecht verlaufende Eindellungen, fast wie Druckstellen von einem länglichen Gegenstand. So boxt doch niemand. Fast wie …«
»Ich tippe mal auf eine Eisenstange oder den Klassiker – einen Baseballschläger«, sagte eine tiefe Stimme hinter Abel.
Moewig hatte sich geräuschlos genähert, offensichtlich war seine Vernehmung beendet.
»Die Penner haben den Jungen in den Sack eingenäht und auf ihn eingeprügelt, als ob es kein Morgen gibt. Oder wonach sieht das sonst aus?«, fuhr der ehemalige Söldner fort.
Abel sah Linda Friedrich vom LKA 1 »Delikte am Menschen« auf sich zukommen. Die Beamtin, der er noch nie an einem Tatort oder im Sektionssaal begegnet war, hatte sich ihm vorhin vorgestellt. Das Personalkarussell im LKA drehte sich offenbar nach wie vor schnell, und die Polizeiakademie in der Charlottenburger Chaussee schien ständig neue Beamte auszuspucken.
Die junge Frau mit dem braunen kurzen Haar baute sich selbstbewusst vor ihnen auf.
»Herr Moewig, bitte lassen Sie die Rechtsmediziner ungehindert ihre Arbeit machen. Sie haben hier nichts mehr zu suchen. Sie sind zwar bisher noch nicht Beschuldigter, aber Zeuge in einem Mordfall«, wies sie ihn mit beinahe geschlossenen Lippen zurecht.
»Was heißt hier ›bisher noch nicht Beschuldigter‹?«, fragte Moewig grimmig.
Kommissarin Friedrich wollte sich gerade aufplustern, um in die Offensive zu gehen, als Abel dazwischenging.
»Ist schon gut, Frau Kollegin«, beschwichtigte er die Beamtin. »Ich kenne den Mann seit gut dreißig Jahren. Er darf ruhig sagen, was er denkt. Und so, wie ich das sehe, könnte er mit seiner Einschätzung, was die Tatwaffe anbelangt, durchaus richtigliegen«, nahm er dann seinen langjährigen Freund in Schutz und warf Moewig kurz einen verschwörerischen Blick zu.
Der verstand sofort und hob beschwichtigend die Hände. »Alles gut, ich bin auch gleich weg«, sagte er.
Das schien sie fürs Erste zufriedenzustellen.
»Wir sind fertig, Frau Friedrich. Dass es kein klassischer Sportunfall war, dürfte allen klar sein«, sagte Abel und sah dabei aus den Augenwinkeln, wie Moewig grinste.
Er klopfte ihm auf die Schulter. »Dein Training dürfte erst mal ausfallen. Die Spurensicherung wird Tage brauchen, bis das Gebäude wieder freigegeben werden kann. Es war richtig, dass du mich angerufen hast. Mach’s gut. Ich muss jetzt zurück in die Treptowers«, verabschiedete sich Abel.
Moewig nickte. »Meld dich, Fred«, erwiderte er und ging an den Sandsäcken vorbei in Richtung Ausgang.
Abel verabschiedete sich auch von Linda Friedrich und von Scherz, dem er zusagte, ihm bei der Obduktion des Toten aus dem Sandsack als zweiter Obduzent zur Seite zu stehen, und verließ ebenfalls die Halle.
Mit jedem Schritt, den er ging, nahmen seine Überlegungen weiter Form an.
Scherz hat recht, es wäre ein Leichtes gewesen, den Toten für immer in einem der dunklen Löcher der Hauptstadt verschwinden zu
lassen. Aber wer es so darauf anlegt, dass seine Tat entdeckt wird, will eine Botschaft senden. Derjenige will sichergehen, dass die Brutalität, mit der er vorgeht, publik wird, dass das hier die Runde macht. Wer das getan hat, ist noch lange nicht fertig.
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