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Berlin,
Marzahn-Hellersdorf, Wohnung von Mailin Zhou, Küche,
Montag, 28. Juli, 22:12 Uhr
S
abine Yao hatte die BKA-Einheit »Extremdelikte« in den Treptowers gegen 17 Uhr verlassen, war danach zunächst zu ihrer Nichte Sina in die Kriseneinrichtung in Neukölln gefahren und hatte sich überzeugt, dass es dem Mädchen den Umständen entsprechend gut ging. Sie hatte ihr eine Puppe und verschiedene Kinderbücher aus der Wohnung in Marzahn mitgebracht und Sina dann eine Stunde lang vorgelesen und Bilderbücher mit ihr angeschaut. Der Abschied war grausam für beide, Sina hatte sich gar nicht aus ihrer Umarmung lösen wollen und hatte herzzerreißend geweint.
Im Anschluss war Sabine Yao zum Charité-Standort Berlin-Mitte gefahren, wo sie Sinas Zwillingsschwester Siara auf der dortigen Kinderintensivstation besuchte. Das, was dem knapp zwei Jahre alten Mädchen zugestoßen war, hatte der Rechtsmedizinerin einmal mehr gezeigt, dass das Unglück im Leben immer ganz nah war. Nur hinter einer papierdünnen Wand verborgen und jeden Moment bereit, diese hauchdünne Schicht zu zerreißen und nach den Menschen zu greifen.
Die Rechtsmedizinerin hatte sich auf einem Hocker neben das Krankenbett gesetzt und den zarten, kleinen Körper ihrer Nichte, der nun von modernster Medizintechnik abhängig war, von Geräten, die ihn am Leben erhielten, lange betrachtet. Dann war sie aufgestanden, hatte sich vorgebeugt und den Muskeltonus von Siaras Extremitäten vorsichtig überprüft. Der linke Arm war völlig schlaff, ebenso das
linke Bein. Im Gegensatz dazu vermeinte sie an Arm und Bein der rechten Körperseite einen stärkeren Muskeltonus zu spüren. Sabine Yao wusste, dass dies auf eine Lähmung der linken Körperseite als Folge der schweren Kopfverletzungen hindeuten konnte. Dies korrespondierte mit Siaras CT-Befunden, die sie aus Fred Abels Gutachten kannte, das ihr Renate Hübner unter dem Siegel der Verschwiegenheit gezeigt hatte: massive Hirngewebsuntergänge der rechten Großhirnhemisphäre
.
Da die rechte Hirnhälfte für die Motorik der linken Körperseite zuständig war und die linke Großhirnrinde mit dem dort gelegenen motorischen Kortex die rechte Körperhälfte steuerte, passte die schwere Verletzung der rechten Gehirnhälfte zu der vermuteten Lähmung der linken Körperseite.
Dann waren Sabine Yaos Finger über die rechte Wange des Kindes nach hinten geglitten, und sie hatte den kleinen Kopf behutsam um wenige Zentimeter auf die linke Seite gedreht. Als sie den Kopfverband leicht anhob, war hinter Siaras rechtem Ohr immer noch der Bluterguss zu erkennen gewesen, allerdings deutlich kleiner und statt violett nunmehr gelblich grün. Sie hatte Fred Abels Interpretation dieser auf den ersten Blick unscheinbaren und belanglos erscheinenden Verletzung in seinem Gutachten gelesen. Der von Abel vor vier Tagen fotografisch dokumentierte Schorf in der Mitte des Hämatoms hatte sich zwischenzeitlich abgelöst und war einer etwa ein Zentimeter langen und nur wenige Millimeter breiten rötlichen Linie aus frischer Oberhaut gewichen.
Sabine Yao hatte später Siara zum Abschied auf die Wange geküsst, und die Augen der Rechtsmedizinerin füllten sich dabei mit Tränen, auch wenn sie sich beim Betreten des backsteinernen Klinikbaus fest vorgenommen hatte, bei diesem Besuch nicht wieder zu weinen.
Was, wenn es wirklich so gewesen ist, wie Fred vermutet?
Wenn es eine Überreaktion von Mailin war? Wenn der Druck auf
sie zu groß geworden war? Zwei Kinder, die lebhaft und nicht einfach zu versorgen sind und der geliebte Ehemann tot …,
fragte sie sich stumm, als sie aus dem Krankenzimmer lief.
Was war wirklich in der Wohnung geschehen?
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Sabine Yao und Mailin saßen jetzt am Esstisch in der kleinen Küche und hatten schon längere Zeit kein Wort mehr miteinander gewechselt. Es war alles gesagt worden. Immer wieder. Immer wieder hatten die beiden Schwestern über das gesprochen, was vor sechs Tagen passiert war. Wie Siara auf dem Fliesenboden im Wohnzimmer gelegen hatte. Mehr tot als lebendig. In diesem Moment hatte etwas Dunkles seinen Lauf genommen, etwas Bedrohliches. Etwas, das für Mailin den Verlust des Sorgerechts für ihre Zwillingstöchter bedeuten konnte, wenn das Familiengericht so entschied; das für Mailin sogar eine längere Haftstrafe wegen versuchten Totschlags bedeuten konnte, wenn die Staatsanwaltschaft entsprechend argumentieren und anklagen würde.
»Die Anhörung vor dem Familiengericht ist sehr wichtig«, sagte Sabine Yao, während ihr Blick auf einen Haufen schmieriger Pappkartons fiel, von verschiedenen Lieferdiensten, die sich neben dem überquellenden Mülleimer zwischen zahllosen leeren Weinflaschen stapelten.
»Aber jede vernünftige Frau, die auch Mutter ist, weiß doch, dass man nicht immer
nach den Kindern schauen, sich nicht rund um die Uhr um sie kümmern kann! Haushalt, Essen kochen. Ich kann nicht ständig bei ihnen sein. Ich meine, das müssen die im Familiengericht doch auch wissen«, rechtfertigte sich Mailin halbherzig, und ihr verheultes und vom übermäßigen Alkoholkonsum aufgedunsenes Gesicht verzog sich zu einer Grimasse. Offenbar bahnte sich eine weitere Weinattacke an.
Sabine Yao nickte. Aber sie wusste auch, dass das Gesamtbild vor Gericht entscheidend war. Doch weder die Schlussfolgerungen und das Ergebnis von Fred Abels Gutachten – das in dieser Hinsicht stichhaltig war und sehr wahrscheinlich jedes Gericht, ob Familiengericht oder Strafgericht, überzeugen würde – noch die Aussage von Nachbarn auf Mailins Etage gegenüber Polizeibeamten, die von Mailins Alkoholkonsum und häufigem Kindergeschrei und Weinen, teils bis spät in die Nacht, berichtet hatten, machten das Bild besser.
»Ich werde im Gerichtssaal bei dir sein. Wir stehen das zusammen durch«, versuchte Sabine Yao, sich und ihrer Schwester Mut zuzusprechen. Dabei ergriff sie Mailins Hand und knetete deren Finger, als könnte sie so einen zusätzlichen Kreislauf in ihrem Körper anregen, der mehr Mut und Zuversicht durch ihre Blutgefäße pumpte.
Als Mailin sich der Berührung entzog, rutschte der Ärmel des übergroßen grünen Kapuzenpullovers hoch und entblößte ihren linken Unterarm. Dort zeigten sich an der Innenseite mehrere lange, oberflächliche Hautverletzungen.
»Was hast du denn da gemacht, Kleine?«, fragte Sabine Yao alarmiert. Ihr geschulter Blick erkannte sofort, dass sich ihre Schwester die Wunden selbst zugefügt hatte. Die nur sehr oberflächlichen Schnittverletzungen verliefen parallel zueinander und boten ein identisches Bild, was der Rechtsmedizinerin verriet, dass sie alle mit derselben Intensität, demselben Kraftaufwand zugefügt worden waren – was nur möglich war, wenn der linke Unterarm völlig ruhig gehalten wurde, und das wiederum war bei einer Verletzung durch fremde Hand praktisch ausgeschlossen.
O Gott, Mailin hat sich geritzt. Ihre autoaggressiven Tendenzen aus der Pubertät sind zurück,
schoss es Sabine Yao durch den Kopf.
Mailin zog den Ärmel des Kapuzenpullovers schnell wieder herunter und wischte sich damit über ihre Augen, die sich jetzt
vollständig mit Tränen gefüllt hatten. Nach einer kurzen Pause, in der sie Sabine Yaos Blick nicht standhalten konnte, sondern unsicher zu Boden blickte, sagte sie: »Eine Konservendose … Beim Öffnen … Ich bin wohl abgerutscht …« Dann kam nur noch leises Schluchzen.
»Seit wann ritzt du dich wieder? Mailin, du musst jetzt stark sein, für deine beiden Mädchen! Sie brauchen dich, und zwar mit klarem Kopf. Dein Alkoholkonsum …«, stellte Sabine Yao etwas vorwurfsvoller, als sie es eigentlich beabsichtigt hatte, fest. »Du trinkst eindeutig zu viel. Ich weiß, unter welch enormem Druck du stehst, aber ich bitte dich – lass diese elende Sauferei bleiben. Ich möchte gar nicht wissen, was du alles in dich reinschüttest, wenn ich nicht bei dir bin. Aber glaubst du, ich sehe die ganzen leeren Flaschen nicht?«
Plötzlich sprang Mailin auf und brüllte ihre ältere Schwester an: »Verdammte Scheiße, Bine! Musst du immer alles hinterfragen, alles besser wissen? Die starke Tochter, die immer so vernünftig ist, die nie Probleme hat. Du kotzt mich an! Alles kotzt mich nur noch an!«
Mit diesen Worten stürzte sie aus der Küche, und Sabine Yao hörte, wie die Badezimmertür zuknallte.
So ein Mist, sie dekompensiert. Ich dachte, sie ist stabil, aber jetzt fällt sie wieder in ihre alten Verhaltensmuster zurück. Ritzt sich wieder. Was ist, wenn sie nicht nur hinsichtlich ihrer Verletzungen am Unterarm die Unwahrheit sagt?
Was ist, wenn sie auch in Bezug auf Siaras Verletzungen lügt?
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