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Berlin,
Treptowers, BKA-Einheit »Extremdelikte«, Büro Professor Paul Herzfeld,
Dienstag, 29. Juli, 11:26 Uhr
A bel hatte nach der morgendlichen Frühbesprechung an diesem Vormittag im Sektionssaal alle Hände voll zu tun gehabt. Gemeinsam mit Wiebke Rath hatte er zwei Frauen obduziert, die kurz hintereinander aus einem Fenster im vierten Stock eines Mietshauses in Berlin-Kreuzberg gestürzt waren. Die ganze Sache hatte eine bizarre Vorgeschichte, und ein strafrechtlich bereits mehrfach in Erscheinung getretener Mann – der mit verschiedenen psychoaktiven Substanzen bereits wiederholt Frauen gefügig gemacht und dann im Rahmen sektenartiger Rituale sexuell missbraucht hatte – war sehr wahrscheinlich für das Ableben der beiden neununddreißig und dreiundsechzig Jahre alten Frauen verantwortlich. Deshalb hatte das BKA und damit dessen rechtsmedizinische Spezialeinheit den Fall übernommen. Die Vorgeschichte in diesem auch für Rechtsmediziner durchaus ungewöhnlichen Doppeltodesfall lautete: Die beiden Frauen hatten gemeinsam mit einer weiteren Frau, auf deren Aussagen der bisher rekonstruierte Geschehensablauf beruhte, an einem geheimen indianischen Ritual teilgenommen. Dieses Ritual hatte ein Mann abgehalten, der sich Mantotopah nannte und angab, ein Medizinmann indianischer Abstammung zu sein. Im Rahmen seiner schamanischen Sitzungen, die jeweils im Voraus von den Teilnehmerinnen mit Bargeld bezahlt werden mussten, hatten die drei Frauen verschiedene bewusstseinserweiternde Substanzen in von Mantotopah gestopften Gebetspfeifen konsumiert.
Die polizeiliche Recherche hatte ergeben, dass es sich bei diesem Mann um einen mehrfach vorbestraften Betrüger und Sexualstraftäter handelte. Der im Allgäu geborene Sohn deutscher Eltern ohne jedwede indianische Abstammung ließ sich, wenn er nicht als Schamane unterwegs war, auch als Doktor oder Professor mit wechselnden falschen Namen titulieren. Er betrieb ein Institut für Georadiologie, über das er – in wissenschaftlichen Kreisen gänzlich unbekannte – Apparaturen zur Messung der Intensität von Erdstrahlen zu horrenden Preisen vertrieb. Neben diversen Vorstrafen wegen Betruges lagen nicht nur Anzeigen gegen den Mann vor, sondern es waren auch zahlreiche Strafverfahren gegen ihn anhängig. Offensichtlich war es während seiner schamanischen Rituale immer wieder zu sexuellen Übergriffen auf Teilnehmerinnen gekommen, zum Teil unter Ausübung großer Brutalität.
Im vorliegenden Fall hatten die Teilnehmerinnen nach Inhalation des Rauches aus den Gebetspfeifen nicht nur Halluzinationen entwickelt, sondern auch heftigste Wahnvorstellungen, was – nach dem Stand der Ermittlungen zum Obduktionszeitpunkt – in einer Prüfung »zu fliegen« kumulierte, um ein Reinigungsritual zu durchlaufen und damit die nächste Stufe zu erreichen.
Am Ende waren beide Frauen an einem massiven Polytrauma mit Schädel- und Extremitäten-Frakturen, Lungenanspießungen durch ihre eigenen Rippen sowie Zerreißungen ihrer inneren Organe nach dem Sturz aus rund zwölf Meter Höhe direkt nach ihrem Aufschlag in dem Kreuzberger Innenhof verstorben. Zeichen einer andersartigen Gewalteinwirkung waren nicht festzustellen gewesen. Hinweise auf ein Sexualdelikt hatten die Obduktionen nicht ergeben, wobei die Ergebnisse der Untersuchungen der Vaginal-, Oral- und Analabstriche der Toten noch ausstanden. Wenn diese vorlagen – und auch die Ergebnisse der Untersuchungen von Dr. Fuchs und seinem Laborteam bezüglich der genauen Inhalts- und Wirkstoffe der offensichtlich stark bewusstseinsverändernden Substanzen in den Gebetspfeifen –, würden Abel und Rath ihr rechtsmedizinisches Gutachten schriftlich abfassen.
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Abel und Sabine Yao waren von Renate Hübner verständigt worden, dass ihr Chef sie sprechen wollte, und saßen jetzt, nachdem die Arbeit im Sektionssaal beendet war, in dessen Büro auf zwei Besucherstühlen vor seinem Schreibtisch.
Herzfeld hatte die automatischen Jalousien vor der breiten Fensterfront seines Büros im zehnten Stock der Treptowers heruntergelassen, und auf seinem Gesicht zeichnete sich ein Muster aus Schatten und Lichtstreifen ab. Die Ärmel seines hellblauen Hemdes hatte er bis über die Ellbogen hochgekrempelt, und seine wuchtige, silberfarbene Glashütte-Uhr glänzte im einfallenden Licht auf seiner urlaubsgebräunten Haut. Allerdings war von Urlaubserholung in seinen Gesichtszügen in diesem Moment nichts mehr zu erkennen. Besorgt runzelte er die Stirn.
»Mir ist zu Ohren gekommen, dass es zwischen dir, Fred, und Ihnen, Frau Yao, in den letzten Tagen zu gewissen Spannungen gekommen ist«, begann er das Gespräch.
»Hat Frau Hübner dir das erzählt?«, wollte Abel wissen.
Herzfeld beugte sich in seinem wuchtigen Sessel vor und stützte die Ellbogen auf der Schreibtischplatte auf. »Woher ich das weiß, spielt keine Rolle, Fred. Ich habe von meinem alten Vorgesetzten in Kiel, Professor Schwan, gelernt, dass man als Chef jederzeit über alles, was die eigenen Mitarbeiter betrifft, bestens informiert sein sollte.«
Sabine Yao, die sich ihre langen, pechschwarzen Haare scheinbar noch strenger als sonst zu einem Pferdeschwanz am Hinterkopf zusammengebunden hatte, verzog keine Miene.
Abel verfluchte innerlich erneut die Tatsache, dass er genau zu jenem Zeitpunkt rechtsmedizinischen Bereitschaftsdienst gehabt hatte. Und noch mehr bedauerte er, dass er nicht sofort nach seinem Besuch auf der Intensivstation der Kinderklinik mit seiner Kollegin darüber gesprochen, sie informiert und um Verständnis für seine Situation geworben hatte. Aber der Zug des Bedauerns war längst abgefahren. Abel konnte nur hoffen, dass dieses Gespräch hier irgendwie zur Deeskalation und Entspannung der Situation beitragen würde. Denn es war wie so oft: Er hatte alles richtig machen wollen, hatte auf den richtigen Moment gewartet – und ihn so mal wieder verpasst. Und alles war dadurch noch viel schlimmer geworden.
»Gestern im Sektionssaal soll es zwischen euch beiden hoch hergegangen sein. Sie, Dr. Yao, und du, Fred, kennen sich schon seit vielen Jahren, und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen: Keiner in dieser Abteilung bildet ein perfekteres Team am Tatort und im Sektionssaal. Egal, was dort auf euch wartet. Und deshalb verwundert es mich, dass diese Professionalität gestern verloren gegangen ist. Auch wenn ich weiß, dass es für euch beide eine schwierige Situation ist.«
Er ist genau im Bilde über den Fall Siara, stellte Abel fest. Er kennt mein Gutachten und weiß um Sabines Befangenheit in dieser Sache, da es sich sowohl bei der Geschädigten als auch bei der Hauptverdächtigen um ein nahes Familienmitglied handelt . Er versuchte vergeblich, Blickkontakt mit Sabine Yao aufzunehmen, aber sie schaute nur starr geradeaus. Dann legte sie den Kopf leicht in den Nacken, und ihre Kiefermuskeln arbeiteten sichtbar unter ihrer straffen, glatten Gesichtshaut, als würde sie eilig jedes Wort, das ihr gerade zur Erwiderung in den Sinn kam, stumm zerkauen. Sie hatte offensichtlich nicht vor, Stellung zu beziehen.
»Frau Yao, Fred, wir alle wissen, worum es hier geht. Ich möchte von dir, Fred, auch wenn ich dein Gutachten …« – er machte eine kurze Pause und sah auf einen Zettel mit handschriftlichen Vermerken auf der Schreibtischplatte vor ihm – »… kenne, deine Sicht der Dinge noch einmal direkt hören, und dann können Sie, Frau Yao, mir Ihre Sichtweise zu dem Fall erläutern. Vielleicht trägt das dazu bei, die Wogen etwas zu glätten.« Herzfelds Blick wanderte zu Abel, der stumm nickte.
Abel wusste, dass es Herzfeld, den er seit vielen Jahren gut kannte, keinesfalls darum ging, den Sachverhalt und die Untersuchungsergebnisse des Kindes neu zu eruieren, da er bereits vollständig im Bilde war und ihm, Abel, unter vier Augen mitgeteilt hätte, wenn er seine Schlussfolgerungen in irgendeiner Hinsicht als fragwürdig einschätzen würde.
Abel atmete tief ein, sodass sich seine Nasenflügel leicht nach innen zogen, atmete dann hörbar aus und begann: »Am vergangenen Donnerstag bin ich kurzfristig für den Bereitschaftsdienst eingesprungen, weil in den beiden Berliner rechtsmedizinischen Instituten mehrere Kollegen Urlaub oder sich krankgemeldet hatten. Während des Dienstes kam der Untersuchungsauftrag von der Kinderintensivstation der Charité. Siara Zhou, Sabines Nichte …« – er versuchte erneut, mit ihr Blickkontakt aufzunehmen, was ihm jedoch wieder nicht gelang – »… war dort etwa achtundvierzig Stunden zuvor mit schweren Kopfverletzungen aufgenommen worden. Laut Angabe der Mutter gegenüber der Notärztin und der Polizei ist Siara beim Spielen vom Sofa gestürzt. Aber diese Erklärung ist keinesfalls plausibel und erklärt weder die Schwere noch das Verletzungsbild ihrer Schädelfrakturen.« Abel bemerkte, dass Sabine Yaos Schultern leicht bebten. »Als ich mir die Kleine ansah, machte mich der Stationsarzt auf eine Verletzung aufmerksam, die meiner Ansicht nach möglicherweise von einer Hand, die einen Ring trug, oder auch von einem Tritt mit entsprechendem Schuhwerk herrühren kann. Schlagrichtung von seitlich oben nach schräg unten. Hier, hinter dem rechten Ohr.« Abel deutete mit dem Zeigefinger bei sich selbst auf die entsprechende Stelle. Abel hörte ein Schluchzen neben sich.
Sabine Yao weinte.
Doch ein Nicken von Herzfeld ermunterte Abel, fortzufahren. »Absolut sturzuntypische Lokalisation der Verletzung. Fernab der primären Aufschlagstelle am Scheitelknochen«, schloss er seine Ausführungen.
In diesem Moment richtete sich Sabine Yao auf ihrem Stuhl auf und straffte ruckartig die Schultern. Ihre Stimme klang energisch und hart, überzeugt von jedem Wort, das sie ausstieß: »Ich werde deine rechtsmedizinischen Schlussfolgerungen und damit deine beruflichen Fähigkeiten nicht anzweifeln. Dafür kenne ich dich zu gut, schätze deine Expertise zu sehr. Aber warum hast du nicht mit mir gesprochen? Morgen früh um 9:00 Uhr ist die Anhörung vor dem Familiengericht. Meine Schwester hat mich vor zehn Minuten angerufen, dass heute die Ladung kam. Und ich sage dir jetzt schon, du siehst mich morgen in diesem Gerichtssaal.«
Der Termin war für Abel neu, aber er vermutete, dass seine Ladung zu der Anhörung sehr wahrscheinlich in seinem Posteingangskorb in Renate Hübners Sekretariat lag.
»Und es fällt mir sehr schwer, zu akzeptieren«, fuhr Sabine Yao wütend fort und deutete mit dem Finger auf Abel, »dass Mailin aufgrund deiner Expertise das Sorgerecht für ihre Töchter verliert. Du wirst meine Schwester mit deinem Gutachten vielleicht sogar ins Gefängnis bringen. Aber ich sage dir eins, Fred, meine Schwester Mailin würde niemals, niemals ihr Kind schlagen. Niemals!«
Abel spürte den Fingerzeig seiner Kollegin auf der Haut wie die Spitze einer Harpune, die sich durch ihn hindurchbohren wollte. »Sabine, es tut mir leid. Ich kann nur bewerten, was ich sehe. Und das habe ich gemacht. Ich habe nie gesagt, dass deine Schwester es getan hat«, sagte er fast unhörbar.
»Aber der Richter wird es so bewerten. Oder wer soll es sonst getan haben? Ein Gespenst?«, fauchte Sabine Yao ihn an.
Eilig schaltete sich Paul Herzfeld ein, bemüht, nicht die Kontrolle über dieses Gespräch zu verlieren. »Und genau das ist es, was wir tun. Jeden Tag. Wir bewerten das, was wir sehen, mit den Mitteln, die uns die Medizin an die Hand gibt. Dass die Verletzung am Kopf Ihrer Nichte nicht so erklärt werden kann, wie es Ihre Schwester tut, ist unstrittig, und das, was Fred hier ausgeführt hat, ist nicht zu leugnen. Ich kenne sein Gutachten und alle Behandlungsunterlagen, auch die Fotos, die Fred von der Verletzung hinter dem Ohr auf der Intensivstation gemacht hat.«
Sabine Yao starrte Herzfeld entgeistert an. Abel atmete ein weiteres Mal hörbar aus.
»Frau Yao, Fred«, fuhr Herzfeld fort, »mein dringender Appell an euch beide: Ihr werdet morgen die für euch jeweils vorgesehene Rolle erfüllen. Du, Fred, nach bestem Wissen und Gewissen als Gutachter und bitte mit etwas Fingerspitzengefühl, auch wenn dir das zuweilen schwerfällt. Und Sie, Frau Yao, als Angehörige, als seelischer Beistand Ihrer Schwester. Und nur …« – er blickte Sabine Yao, die seinem Blick standhielt, jetzt direkt in die Augen – »… bitte nur als Angehörige. Sie werden nicht als Rechtsmedizinerin dort sein und schon gar nicht als Gutachterin gehört werden. Und egal, wie der morgige Tag ausgeht – ich erwarte, dass zwischen euch beiden in meinem Sektionssaal in Zukunft nichts steht, was unsere Arbeit behindert. Keine Emotionen, keine Anfeindungen. Haben wir uns verstanden?«
Sabine Yao schien jetzt durch Herzfeld hindurchzustarren. Es verging etwa eine halbe Minute, bis sie roboterhaft nickte.
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