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Brandenburg, Groß Köris, Schulzensee,
Wohnhaus von Hermann Lübben,
Mittwoch, 30. Juli, 9:19 Uhr
D
er alte Lada Niva schob sich lautstark über die schmale Uferstraße. Unter den Rädern des kleinen Allrad-Wagens knirschte der trockene Schotter, und die Windschutzscheibe hatte sich nach der knapp fünfundvierzigminütigen Autobahnfahrt von Berlin in den Brandenburger Süden in einen Insektenfriedhof verwandelt. Angestrengt blickte Moewig durch die staubig-schmutzige Scheibe.
Er war, dem Navigationsgerät seines Handys folgend, in der kleinen brandenburgischen Gemeinde Groß Köris von der Hauptstraße abgebogen und auf einem schmalen Weg, der leicht abschüssig verlief, weiter in Richtung Schulzensee gefahren. Die Häuser erzählten die Geschichte der Region – zwischen Siedlungshäusern aus DDR-Zeiten, grau und mit hölzernen Garagen davor, standen immer wieder imposante Neubauten.
Unter Moewigs Händen am harten Lenkrad des Wagens hatte sich eine Schweißschicht gebildet. Was allerdings weniger an den hochsommerlichen Temperaturen lag als an Moewigs Nervosität.
Wie es dem Patron wohl geht?,
grübelte er. Ob
seine Frau noch lebt?
Patron – so hatten die Kinder Hermann Lübben damals genannt, weil er ihr Schutz und Schirm war, wenn keiner in ihrer Familie Zeit oder überhaupt Interesse an ihnen zeigte. Alle Kinder, denen Hermann Lübben damals Aufmerksamkeit und einen Ort, an dem sie
sich etwas geborgen fühlen konnten, gab, hatten ihr Päckchen zu tragen gehabt. So wie Moewig.
Wie lange habe ich ihn nicht gesehen? Vielleicht fünfundzwanzig Jahre.
Er musste ungefähr zwölf Jahre alt gewesen sein, als ihn ein Nachbarsjunge das erste Mal zu den Boxstunden mitgenommen hatte. Meinetwegen, Lars ist eh ein Raufbold, hatte sein Vater damals zu seiner Mutter gesagt. Moewigs Vater, inzwischen über siebzig, dement und in einem Pflegeheim, war sein Einverständnis damals allerdings nicht leichtgefallen.
Doch die Tatsachen waren nun einmal nicht zu leugnen: sein ständig arbeitender afrikanischer Vater und seine lungenkranke deutsche Mutter nahmen sich nicht viel Zeit für familiäre Geborgenheit. Lars’ Bruder Arne hatte einen eigenen Weg aus der schwierigen Situation zu Hause gefunden: Er hatte sich jahrelang jeden Tag in der Bücherhalle im Wedding verschanzt und alles gelesen, was ihm in die Finger kam. Arnes Interesse an Bildung hatte ihm im Erwachsenenalter einen Lehrstuhl an der Humboldt-Universität eingebracht. Er, Moewig, hingegen hatte auf den Straßen Berlins sein Zuhause gefunden, hatte sich dort Anerkennung erkämpft. Schlägereien, kleine Diebstähle – das waren die Insignien der Straße, die ihm kurz vor der Pubertät ein gewisses Selbstbewusstsein verliehen hatten. Und die Bahn seines Lebens wäre sicher deutlich abschüssiger verlaufen, hätte er nicht Hermann Lübben getroffen. Die Wertschätzung des Patrons hatte den Halbwüchsigen vor einer kriminellen Karriere bewahrt.
Moewig wurde jäh von der Navigations-Software aus seinen Gedanken gerissen. »Das Ziel liegt rechts.«
Vorsichtig drückte er auf die bissige Bremse des Ladas, der jetzt vor einem großen Einfamilienhaus mit weiß getünchter Fassade und grauem Schieferdach zum Stehen kam. Das von einer vertrockneten Hecke umgebene Gebäude mit der Hausnummer 16 wirkte zwar weder heruntergekommen noch ungepflegt, hatte aber eindeutig schon
bessere Tage gesehen. Neben dem Wohnhaus sah Moewig eine große Doppelgarage, deren breites Tor geschlossen war.
Sein Herz begann zu klopfen. So wie gestern Abend, als Fred am Telefon plötzlich den Namen Lübben erwähnt hatte. Der Name strahlte für ihn noch immer Autorität aus. Er hatte seinen Patron gut in Erinnerung: hochgewachsen, kräftig, blonde Haare, das Hemd immer einen Knopf zu weit geöffnet.
Doch Lübben hatte sich schon vor über zwei Jahrzehnten aus Berlin verabschiedet und war in das ländliche Brandenburg gezogen. Noch in der vergangenen Nacht, nach seinem Gespräch mit Fred, hatte Moewig ein paar Telefonate getätigt und die aktuelle Adresse seines ehemaligen Förderers in Erfahrung gebracht.
Moewig drehte den Schlüssel im Schloss des alten Ladas herum, und gluckernd verstummte der Motor. Er stieg aus.
Schön hast du es hier, Patron. Direkt am See,
dachte Moewig.
Der Schulzensee lag rund 50 Meter entfernt. Eine Rasenfläche führte auf der anderen Seite der Schotterstraße an einen Uferabschnitt, von dem ein langer hölzerner Steg ins Wasser führte.
Moewig ging an der Hecke entlang, und gerade als er die Hand auf die gusseiserne Klinke der Gartenpforte legte, nahm er aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahr.
Die Haustür öffnete sich.
Der alte Mann, der jetzt das Haus mit tippelnden Schritten verließ, trug einen dunkelblauen Jogginganzug und schien das ganze Gewicht seines hochgewachsenen und ebenso hageren Körpers auf den Gehstock in seiner rechten Hand zu legen, mit dessen Hilfe er sich jetzt die kleine Treppe in den Vorgarten herunterschleppte. Die weißen Haare lagen dicht und schütter an seinem Kopf, und der Stoff der Jogginghose schlackerte um seine dünnen Beine.
Moewig erschrak. Er war davon ausgegangen, dass sein ehemaliger Ziehvater einfach nicht gealtert war. Aber das Gegenteil war der Fall.
Lübbens Gesicht war gräulich und eingefallen, und die Haut unter seinem Kinn hing faltig und schlaff herab. Bei genauerem Hinsehen bemerkte er die dicken Tränensäcke und dunklen Schatten unter den Augen des alten Mannes, der sich jetzt mit dem Gehstock mühsam Richtung Gartenpforte bewegte, an der ein eckiger Briefkasten hing. Der Patron hatte Moewig offenbar noch nicht bemerkt.
»Hallo, Patron«, sagte er, offenbar mit etwas zu kraftvoller Stimme, denn der alte Mann, der mittlerweile nur noch wenige Meter von ihm entfernt war, fuhr erschrocken zusammen. Langsam hob Hermann Lübben den Kopf. Aus traurigen Augen sah er den unangekündigten Besucher an.
»Guten Tag. Sie sind Reporter, nehme ich an?«
Energisch schüttelte Moewig den Kopf und hob beschwichtigend die Hände, als müsste er sich vor der moralischen Instanz aus seiner Jugend ergeben.
»Nein, ich bin es – Lars. Lars Moewig.«
Lübben schien zu grübeln und stützte sich mit beiden Händen auf den Knauf des Gehstocks, der daraufhin merklich zu zittern begann.
»Lars aus dem Wedding …«, versuchte Moewig es erneut und lächelte, obwohl ihm der Anblick des Mannes, dem vor noch nicht einmal vierundzwanzig Stunden die Nachricht vom Tod seines Sohnes überbracht worden war und den er so ganz anders in Erinnerung gehabt hatte, fast das Herz brach.
Plötzlich hellte sich Hermann Lübbens Gesicht auf. »Lars, Junge! Natürlich. Was machst du hier? Ich habe eigentlich … ich … Mein Sohn. Moritz … Es passt gerade nicht.«
Der Gehstock begann gefährlich zu wackeln.
»Ich weiß. Und die Polizei hat sicherlich auch schon mit dir gesprochen. Aber ich bin hier …« Moewig stockte, um sich die richtigen Worte zurechtzulegen, auch wenn er wusste, dass es für einen trauernden Vater niemals die richtigen Worte gab. »Ich bin
hier, um mit dir über Moritz zu sprechen. Ich werde seinen Mörder finden.«
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