24
Berlin-Kreuzberg,
Amtsgericht Tempelhof-Kreuzberg, Familiengericht, Saal 022,
Mittwoch, 30. Juli, 9:31 Uhr
N
achdem Mailin von ihrer Anwältin beruhigt worden war und wieder Platz genommen hatte, sagte der Richter: »Wenn sich die Gemüter hier im Saal jetzt wieder abgekühlt haben, fahre ich fort. Frau Zhou wird von der Staatsanwaltschaft der möglicherweise strafmildernde Umstand zugutegehalten, kurz nach dem Tötungsversuch an ihrer Tochter …« – er warf Mailin Zhou bei dem Wort Tötungsversuch
einen scharfen Blick zu – »… den Notarzt gerufen und keine weiteren Maßnahmen zur Vollendung des Versuchs unternommen zu haben. Ein strafbefreiender Rücktritt von der Tötungsabsicht ist in dieser Handlung jedoch laut Staatsanwaltschaft derzeit nicht zu erkennen.«
Mailin blickte bei diesen Worten emotionslos ins Leere. Es schien von einem Moment auf den anderen alles Leben aus ihr gewichen zu sein. Nur ihre Oberlippe zuckte.
Halte durch, Kleines,
flehte Sabine Yao stumm.
»Jetzt wollen wir den Verfahrensbeteiligten Gehör verschaffen. Der Sachverhalt und das Geschehen vom 22. Juli, um das es hier geht, ist allen Anwesenden wohl hinlänglich bekannt«, fuhr der Richter fort und fiel wieder in seinen nuschelnden Ton. »Zunächst Sie, Frau Zhou. Ich frage Sie: Wollen Sie sich zur Sache äußern?«
Sabine Yaos Schwester verstand erst einige Sekunden später, dass
sie angesprochen worden war. Sie sah auf, aber im selben Moment ergriff ihre Anwältin mit fester Stimme das Wort.
»Ich habe mich vor der Verhandlung mit meiner Mandantin besprochen. Das Geschehene nimmt sie als Mutter sehr mit. Sie wird alles tun, um aufzuklären, was an diesem verhängnisvollen Morgen in ihrer Wohnung mit Siara geschehen ist. Sie wird gern alle Fragen des Gerichts beantworten.«
Das ist gut,
beruhigte sich Sabine Yao selbst.
»Danke, Frau Anwältin. Dann möchte ich Frau Zhou ein paar Fragen stellen«, sagte der Richter und schob seine dicklichen Finger ineinander. »Frau Zhou, wie haben Sie bemerkt, dass Ihre Tochter verunglückt war?«
Eine einfache Frage. Er will lediglich herausfinden, ob sie den genauen Inhalt ihrer Aussage bei der Polizei noch kennt, ob die Kontinuität ihrer Erinnerung glaubhaft ist, ob sie das Geschehene schlüssig wiedergeben kann,
dachte Sabine Yao. Mailin räusperte sich, als müsse sie in der Tiefe ihrer Kehle erst nach ihrer Stimme suchen. Verlegen strich sie sich eine schwarze Strähne, die sich aus ihrer Hochsteckfrisur gelöst hatte, hinter das Ohr.
»Ich bin aus der Küche ins Wohnzimmer gegangen. Der Fernseher lief. Ziemlich laut. Von der Tür aus habe ich Siara nicht gesehen. Erst kurz darauf …«, berichtete sie mit brüchiger Stimme.
Der Richter nickte. »Machen Sie das öfter, den Fernseher aufdrehen und die Kinder sich selbst überlassen?«
Trotz der scharfen Worte schien sein Gesicht in wächserner Freundlichkeit erstarrt.
Mailin schüttelte stumm den Kopf, aber das schien den Richter nicht zu überzeugen.
Er bohrte weiter: »Gab es bei Ihnen zu Hause schon einmal Situationen, in denen es zu Gewalt gegen Ihre Kinder gekommen ist?«
Shit, das läuft hier gerade in eine ganz falsche Richtung,
fand
Sabine Yao.
»Vielleicht auch nur ein Klaps, oder …«
Ehe der Richter die Frage zu Ende stellen konnte, ergriff Mailin wieder das Wort. Ihre Stimme klang nicht mehr schwach oder ängstlich, sondern entschlossen, beinahe feindselig. »Ich bin eine gute Mutter«, stieß sie hervor.
Bleib ruhig, Süße, bitte,
bat Sabine Yao innerlich. Es läuft doch bisher halbwegs gut.
Der Richter wartete, bis er sicher war, dass Mailin nicht noch etwas hinzufügen wollte. Dann schob er seine Finger noch etwas fester ineinander und sagte: »Das war nicht meine Frage, Frau Zhou. Und wir entscheiden heute auch nicht über Ihre Qualitäten als Mutter, sondern wir wollen hier klären, ob für Ihre beiden Töchter in Ihrer Gegenwart weiterhin die Gefahr einer Kindeswohlgefährdung besteht. Und dafür müssen wir den Verlauf des 22. Juli nachzeichnen.«
Sabine Yao bemerkte, wie Mailins Unterlippe jetzt immer stärker bebte. Auch ihre Anwältin schien die Spannung zu spüren, die plötzlich in der Luft lag. Immer deutlichere Zuckungen ihrer Gesichtsmuskulatur umspielten jetzt Mailins Mundpartie. Es war, als ginge von ihr ein Kraftfeld aus, das immer stärker wurde, wie ein heraufziehendes Gewitter. Mailin richtete sich auf, ihre Wangen röteten sich von einer Sekunde auf die andere.
»Ich habe es doch schon gesagt: Ich bin eine gute Mutter. Ich darf meine Kinder nicht mehr sehen, weil dieser Mann dort …« – sie deutete mit einem bebenden Finger auf Fred Abel, dessen Rolle im Verfahren ihr scheinbar von der Anwältin erläutert worden war – »mich verdächtigt, meiner Tochter wehgetan zu haben. Aber Siara wird wieder gesund, und dann …«
Der Richter schien zu begreifen, dass die Situation zu eskalieren drohte und die Anhörung gerade in keine gute Richtung lief. Er machte eine beschwichtigende Handbewegung.
»Frau Zhou, ich möchte Sie bitten, bei der Sache zu bleiben. Ich weiß, dass das alles für Sie mit viel Anspannung und mit großen Emotionen verbunden ist. Wollen wir unterbrechen? Benötigen Sie eine Pause und möchten sich kurz mit Ihrer Anwältin bereden?«, sagte er mit einem fragenden Blick in Richtung der Familienrechtlerin.
Die Anwältin nickte erleichtert und legte Mailin die Hand auf die Schulter. Doch mit einer trotzigen Geste schob Mailin die Hand fort.
☠ ☠ ☠