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Brandenburg, Groß Köris, Schulzensee,
Wohnhaus von Hermann Lübben,
Mittwoch, 30. Juli, 9:37 Uhr
H ermann Lübben nickte seinem früheren Schützling stumm zu, was Moewig als Aufforderung wertete, eintreten zu dürfen. Er drückte die Klinke der hüfthohen Gartenpforte hinunter, und mit einem klagenden Quietschen schwang sie auf.
Ohne ein weiteres Wort drehte sich Lübben um und ging zum Haus zurück. Offensichtlich spielte das, was er vorgehabt hatte, als er sein Haus verließ – vielleicht zum Briefkasten gehen –, jetzt keine Rolle mehr. Mit wenigen Schritten hatte Moewig den alten Mann eingeholt, trat an dessen linke Seite und hakte ihn unter, was Lübben dankbar annahm.
Drinnen war es überraschend kühl. Alle Räume waren mit Marmorfußböden ausgelegt, was ihnen eine gewisse Imposanz verlieh. Die Rollläden vor den großen, bodentiefen Panoramafenstern des Wohnzimmers, das die beiden Männer jetzt betraten, waren nur einen Spaltbreit geöffnet, sodass sich das Tageslicht mühsam hindurchquetschen musste. Unterhalb der Decke summte eine große Klimaanlage.
Moewig fröstelte. Die Kühle in dem Haus, das große Wohnzimmer, in dem sich Lübben jetzt mit einem Ächzen auf einem weißen Ledersofa niedergelassen hatte – Moewig fühlte sich wie in einem Mausoleum, das der alte Mann bereits zu Lebzeiten bezogen hatte. Er nahm in einem ausladenden Ledersessel gegenüber von Hermann Lübben Platz.
»Lars«, begann der Mann in dem dunkelblauen Jogginganzug mit kratziger Stimme, als würde das laute Aussprechen des Namens ihm dabei helfen, die Erinnerung wieder zu aktivieren. »Wie geht es dir denn? Wir haben uns schon ewig …« Seine Stimme stockte.
Moewig nickte. »Ja, wir haben uns schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen. Ich war bei der Armee. Hab danach Sicherheitsdienst gemacht und war viel in der Welt unterwegs. Und jetzt bin ich Privatermittler. Für dies und das.«
Hermann Lübben schien kurz zu neuem Leben zu erwachen, ein verschmitztes Lächeln huschte über sein Gesicht. »Soso, dies und das. Machen wir nicht alle immer dies und das im Leben? Hast du Familie?«, fragte er, offenbar ernsthaft an der Vita seines Besuchers interessiert.
Moewig schluckte. Auf diese Frage war er nicht vorbereitet gewesen. Es war die einzige Frage, die ihm jedes Mal die Kehle zuschnürte, förmlich in seine Seele schnitt, wenn sie ihm gestellt wurde. Er konnte nicht verhindern, dass dann das eine Bild in seinen Kopf zurückkehrte: seine zwölfjährige Tochter Lilly im Krankenbett. Ihr von der Chemotherapie kahler, kleiner Kopf. Lilly, die ihn trotzdem jedes Mal, solange sie noch bei Bewusstsein war, hoffnungsvoll anschaute. Moewig ballte verbittert die Fäuste. »Ich hatte eine Familie. Aber meine Tochter ist im Alter von zwölf Jahren gestorben. Sie war sehr krank. Ihre Mutter und ich haben alles versucht …«
Hermann Lübben nahm die Information wortlos zur Kenntnis. Er blickte ins Leere. »Auch ich … Ich hatte …« Er rieb sich mit seinen dünnen, altersfleckigen Fingern die faltige Stirn. »Mein Sohn Moritz ist tot, aber das weißt du ja.«
Wie ich es mir gedacht hatte, folgerte Moewig. Die Polizei war hier und hat ihn informiert. Ob sie ihm auch gesagt haben, wie sein Sohn gestorben ist? Wie die Schweine ihn zugerichtet haben?
»Patron, die Polizei wird alles tun, um die Täter zu finden. Aber vielleicht kann ich dir auch helfen. Ich weiß selbst nur zu genau, wie es sich anfühlt, sein Kind zu verlieren«, sagte Moewig.
Hermann Lübben wiegte den Kopf leicht von einer Seite zur anderen, als müsse er abwägen, ob er auf das Hilfsangebot eingehen und sich seinem Besucher öffnen sollte.
»Die Polizei, ja, die tut alles. Zumindest hoffe ich das. Und ich würde auch gern etwas tun. Aber schau mich an.« Er schlug sich schlaff mit beiden Händen auf die Oberschenkel. »Der Pflegedienst kommt täglich zu mir, seit Ilona vor zwei Jahren gestorben ist. Ich war seit Jahren nicht mehr unten am See. Glaub mir – ich habe mehr als einmal schon daran gedacht, ob es nicht besser wäre, wenn ich mein Leben beende. Aber es gibt ja den Jungen. Also … es gab ihn«, erklärte sich Lübben umständlich, und seine Stimme drohte fast nach jedem Satz zu versagen.
Moewig spürte, dass der alte Mann gerade Gefahr lief, in einem schwarzen Sumpf aus Schmerz, Hilflosigkeit und Trauer zu versinken.
»Patron. Das mit Moritz tut mir sehr leid. Und es gibt etwas, was du wissen musst. Ich habe ihn gefunden.«
»Du hast Moritz …?«
»Ja, ich habe deinen toten Sohn gefunden.«
Der Privatermittler berichtete, wie er tags zuvor zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen war. Und was er im Spind der »Drachenhöhle« gefunden hatte.
»Drogen? Zum Verkaufen?«, fragte Lübben nach.
Moewig nickte. Doch Hermann Lübben schien nicht überrascht zu sein.
Er berichtete, was er sonst noch wusste. Lediglich das Sektionsergebnis verschwieg er. Es war einfach zu grausam.
Während seiner Ausführungen hatte sein ehemaliger Mentor regungslos, wie betäubt, auf dem weißen Ledersofa gesessen. Hin und wieder hatte er die Augen geschlossen, vielleicht, weil er sich so alles besser vorstellen konnte.
»Wie ich schon sagte, ich bin hier, um mit dir über Moritz zu sprechen. Ich werde denjenigen finden, der Moritz getötet hat. Das bin ich dir schuldig, Patron. Auch weil ich weiß, wie es sich anfühlt, sein eigenes Kind zu überleben.«
Lübben atmete pfeifend aus. »Du bist mir gar nichts schuldig, Lars. Ich kenne dich, seit du ein kleiner Junge warst. Ich hoffe, du bist noch der anständige Kerl von vor über fünfundzwanzig Jahren oder wie lange das jetzt her ist. Ich vertraue dir. Ich will nicht nur wissen, was genau geschehen ist. Ich will wissen, warum es geschehen ist. Wer dahintersteckt. Ob der oder die Täter dafür ins Gefängnis gehen oder nicht, das bedeutet mir nichts.« Lübben presste die Lippen aufeinander und nickte. »Moritz hatte alles, verstehst du. Aber alles ist vielleicht zu viel für ein Leben.«
»Wann hast du Moritz zuletzt gesehen?«, wollte Moewig wissen.
»Vor zwei Tagen. Er war seit Ilonas Tod wieder regelmäßig bei mir hier draußen. Ein- oder zweimal im Monat schaute er vorbei.«
»Weißt du, ob er Probleme hatte? Irgendwas, wo man ansetzen kann?«
»Probleme?« Der Patron lachte spöttisch. »Wann hatte Moritz mal keine Probleme? Aber er war mein Sohn, ich habe irgendwann aufgehört, zu fragen, was mit ihm los ist, was er macht. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, was er in den letzten Jahren wirklich in Berlin getrieben hat.« Lübben seufzte und massierte sich die Oberschenkel. »Aber da ist vielleicht doch etwas …«
Moewig wurde hellhörig und rutschte auf dem kühlen Leder des Sessels ein Stück weiter nach vorn.
»Als er vor zwei Tagen hier war, fragte er mich, ob er sein Auto bei mir in der Garage unterstellen könnte. Ein Freund würde es in der nächsten Woche abholen.«
»Hat Moritz denn öfter sein Auto bei dir gelassen?«
Hermann Lübben schüttelte energisch den Kopf. »Nein, er brauchte den BMW doch in der Stadt. Er hat das vorher nie gemacht. Ich habe mich auch gewundert, aber, wie gesagt, ich habe aufgegeben nachzufragen. Er ist dann vorgestern Nachmittag mit der Regionalbahn zurück nach Berlin.«
»Hat die Kripo den Wagen schon untersucht?«
»Nein. Ich habe das mit dem Wagen einfach vergessen, als sie gestern hier waren. Heute Nacht ist es mir erst wieder eingefallen.«
Als würde er seinen Körper überzeugen wollen, ihm nicht den Dienst zu versagen, rieb er sich erneut die Oberschenkel.
Moewig rutschte noch weiter nach vorn und legte seine Hand auf Hermann Lübbens Schulter. Durch den Stoff des Jogginganzuges fühlte er seine knochige Schulter. »Darf ich mir Moritz’ Wagen einmal ansehen?«
Hermann Lübbens Augen blitzten erneut. Er schien zu ahnen, was Moewig vorhatte. Das Fahrzeug eines Mordopfers konnte zu einem der wichtigsten Beweismittel bei der Aufklärung des Verbrechens werden. Eigentlich sollte sich die Spurensicherung damit beschäftigen.
Die beiden Männer sahen sich an. Und schlossen schweigend einen Pakt.
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