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Berlin-Kreuzberg,
Amtsgericht Tempelhof-Kreuzberg, Familiengericht, Saal 022,
Mittwoch, 30. Juli, 9:59 Uhr
D er Richter hatte die Anhörung für fünfzehn Minuten unterbrochen, und Sabine Yao hatte in dieser Zeit mit der Anwältin auf Mailin eingeredet. Doch sie schien wie von einem bösen Geist befallen zu sein.
»Was ist in dich gefahren? Es lief alles leidlich gut. Ich verstehe das nicht, Mailin. Der Richter wird seine eigenen Schlüsse aus deinem Verhalten ziehen«, hatte Sabine Yao verzweifelt gesagt. Doch Mailin hatte nur immer wieder den Kopf geschüttelt und nach etwas zu trinken gefragt.
Die Anwältin hatte entmutigt geseufzt.
Nachdem dann alle Verfahrensbeteiligten in den Gerichtssaal zurückgekehrt waren und ihre Plätze wieder eingenommen hatten, bat Mailins Anwältin um das Wort, was der Richter ihr auch sofort gewährte.
»Meine Mandantin möchte sich zunächst nicht weiter zur Sache äußern. Gegebenenfalls wird sie später für Fragen des Gerichts zur Verfügung stehen. Wir würden es begrüßen, wenn vorerst die übrigen Verfahrensbeteiligten zu Wort kommen.«
Der Richter zog fragend die Augenbrauen hoch, nickte dann aber zustimmend und sagte: »Zunächst die Vertreterin des Jugendamts, bitte. Sie sind dran, Frau Blum …«
Was folgte, empfand Sabine Yao als eine quälende Aneinanderreihung von Fakten, die unweigerlich darin mündeten, dass das Jugendamt nicht im Geringsten die Version ihrer Schwester glaubte. Die Mitarbeiterin des Jugendamts verkündete vielmehr mit staatstragender Stimme: »Die Angaben, die Frau Zhou der Polizei und auch mir und meinem Kinderschutzteam gegenüber zur angeblichen Entstehung der Verletzungen gemacht hat, sind nicht schlüssig und widersprechen jeglicher Lebenserfahrung im Umgang mit Kindern. Frau Zhou räumt die Verantwortung für den Zustand des Kindes nicht ein und streitet nach wie vor jegliche Tatbeteiligung ab. Deshalb sehen wir nach wie vor eine große Gefährdung für die Zwillingsschwester Sina als gegeben an. Bis dato mag in der Familie eine leidlich solide Situation geherrscht haben, wir mussten zumindest vorher noch nie in der Familie Zhou tätig werden. Aber jetzt …« Sie stockte und suchte nach den richtigen Worten.
Eine Pause, die Mailin Zhou ausnutzte, um laut aufzustöhnen, demonstrativ den Kopf zu schütteln und an Frau Blum gewandt zu sagen: »Schwachsinn. Das ist einfach Schwachsinn.«
»Frau Zhou, ich verwarne Sie hiermit. Keine weiteren Unterbrechungen, keine Störungen in meinem Gerichtssaal. Jetzt sind erst mal die anderen dran«, wies der Richter sie in scharfem Tonfall zurecht.
Sie verliert die Nerven, dachte Sabine Yao und sandte ein Stoßgebet zum Himmel, dass sich Mailin wieder beruhigen möge.
Doch genau in diesem Moment verlor Mailin tatsächlich die Nerven und sprang so heftig von ihrem Stuhl auf, dass dieser nach hinten wegkippte und scheppernd zu Boden fiel. Sie blieb kurz stehen, als ob sie ihr Gleichgewicht wiederfinden müsste, dann ging sie langsam auf Frau Blum zu. Die wiederum starrte Mailin aus vor Angst weit aufgerissenen Augen an.
»Frau Zhou, setzen Sie sich sofort wieder hin!«, bellte der Richter, der jetzt ebenfalls aufgesprungen war.
Oh, bitte nicht, dachte Sabine Yao, sprang auch auf und stürmte zu ihrer Schwester, um Schlimmeres zu verhindern. In der Sekunde, in der sich Mailin anschickte, mit einem lauten, wehen Schrei die Mitarbeiterin des Jugendamts anzufallen, war Sabine Yao zur Stelle, packte ihre Schwester von hinten an den Schultern und riss sie von der immer noch schockstarren Frau fort.
Dann stürzten die beiden Schwestern, begleitet von einem gellenden Schrei aus Mailins Mund, zu Boden.
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