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Brandenburg, Groß Köris, Schulzensee,
Garage Hermann Lübben,
Mittwoch, 30. Juli, 10:15 Uhr
H
ermann Lübben hatte Moewig einen Funkschlüssel für das elektrische Garagentor sowie den Autoschlüssel für den BMW seines Sohnes gegeben. Er selbst hatte auf den beschwerlichen Weg zu der Doppelgarage neben seinem Wohnhaus verzichtet.
Moewig war zunächst zu seinem Lada gegangen und hatte die Gummihandschuhe aus dem Verbandskasten im Kofferraum genommen. Bevor er den Funkschlüssel betätigte und sich das Garagentor daraufhin knarzend öffnete, hatte sich Moewig vergewissert, dass er nicht von neugierigen Nachbarn beobachtet wurde. In der Garage hatte er die zwei Neonröhren an der Decke eingeschaltet und das Tor wieder hinter sich geschlossen.
Neben dem 3er BMW stand unter einer weißen Schutzplane ein weiterer Wagen. Moewig vermutete, dass es sich dabei um den waldgrünen Jaguar handelte, den der Patron zu seinen Glanzzeiten durch Berlin gelenkt hatte. Der bullige Privatermittler streifte sich die porösen Gummihandschuhe über und begutachtete den Wagen von Lübben junior. Er war lange nicht mehr gewaschen worden. Auf den dunkelblauen Lack hatte sich eine Schicht von Blütenpollen und Schmutz gelegt.
Moritz Lübben scheint das Auto nicht oft gefahren zu sein,
dachte Moewig. Er drückte auf die elektronische Schlossentriegelung des BMW-Schlüssels, der Kofferraum entriegelte sich mit einem leisen
Knacken, und er ging um den Wagen herum.
Moewig hob die Kofferraumklappe an und erblickte einen mittelgroßen, schwarzen Reisekoffer – ein billiges Modell, wie es sie in den Ramschläden auf der Sonnenallee zu kaufen gab. Da ist sicher kein Urlaubsgepäck drin,
befand Moewig. Er griff beherzt nach dem Gepäckstück und legte es vor sich auf den Betonboden. Mit einem Surren öffnete er den Reißverschluss und klappte den Deckel auf: unzählige kleine Plastiktüten, massenhaft Pillen, weißes Pulver, zahlreiche bräunliche Plättchen. Der Fund glich dem Inhalt der Sporttasche in der »Drachenhöhle«. Nicht gerade das Sortiment eines kleinen Straßendealers. Vielleicht 50000 Euro Verkaufswert auf der Straße, eventuell mehr. Viel unterschiedlicher Kram. Vielleicht eines der Drogentaxis, die wie ein Pizzaservice zu Dutzenden durch die Hauptstadt kurven,
schlussfolgerte Moewig.
Dann fiel ihm die Ausbeulung auf, die sich durch die Außentasche im Deckel des Koffers abzeichnete. Moewigs Puls beschleunigte sich leicht. Er ahnte, was er dort finden würde. Jeder Dealer von der Größe, wie es Moritz Lübben offensichtlich gewesen war, würde im Ernstfall seine Ware verteidigen. Mit spitzen Fingern fischte Moewig die Walther P99 aus der Außentasche und inspizierte sie mit ein paar geübten Handgriffen. Moritz Lübben hatte sich offensichtlich nicht sicher gefühlt, vielleicht war er bedroht worden.
Moewig verstaute die Pistole wieder in der Tasche, verschloss auch den Koffer sorgfältig und legte ihn zurück in den Kofferraum, wobei er wie zuvor schon genau darauf achtete, sich mit dem Oberkörper nicht zu weit nach vorn über den geöffneten Kofferraum zu beugen.
In der Welt der Kriminalistik konnte ein einziges Haar oder eine Hautschuppe manchmal entscheidend sein. Und seine DNA in Moritz Lübbens Auto wäre für Linda Friedrich vom LKA 1 eine Steilvorlage gewesen, die die eifrige Kommissarin sicherlich nur zu gern angenommen hätte.
Behutsam, um nicht unnötige Geräusche zu erzeugen, schloss er die Klappe des BMWs wieder, bis das Schloss hörbar einrastete. Er ging um den Wagen herum zur Beifahrerseite und betätigte den Griff der Tür, die sich nur störrisch öffnen ließ. Ohne sich zu weit in das Fahrzeuginnere zu beugen und ohne die Polster des Beifahrersitzes zu berühren, griff er nach der Klappe des Handschuhfachs und öffnete es.
Das Erste, was herausfiel, waren drei dicke Geldrollen, in denen unter Gummibändern jeweils rund hundert Geldscheine gebündelt waren, überwiegend Fünfzigeuro- und Zwanzigeuroscheine. Dann rutschte ein billiges Prepaidhandy hinterher.
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