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Berlin-Kreuzberg,
Amtsgericht Tempelhof-Kreuzberg, Familiengericht, Saal 022,
Mittwoch, 30. Juli, 11:04 Uhr
D ie Schreie ihrer Schwester, die sie ausgestoßen hatte, als sie aus dem Gerichtssaal geführt wurde, hallten Sabine Yao noch immer im Ohr.
Die Szenen, die sich nach Mailins Ausbruch abgespielt hatten, hätten schlimmer nicht sein können, und Sabine Yao hatte Schwierigkeiten, sich wieder zu beruhigen. Der Richter hatte zwei Justizbeamte zur Unterstützung gerufen, Mailin hatte um sich geschlagen, war in einen an diesem Vormittag nicht belegten Gerichtssaal auf demselben Flur geführt worden. Zu allem Unglück hatte sie einen der Wachtmeister geschubst, sodass dieser schließlich wegen eines tätlichen Angriffs auf einen Justizbediensteten die Polizei gerufen hatte. Zwei uniformierte Polizisten hatten Mailin anschließend vorläufig festgenommen und, während sie markerschütternde Schreie der Verzweiflung ausstieß, aus dem Gerichtsgebäude abgeführt. Die Beamten hatten Sabine, obwohl sie sich als Mitarbeiterin des BKA auswies, strikt untersagt, ihre Schwester zur Gefangenensammelstelle zu begleiten.
Jetzt saß sie wieder im Gerichtssaal und spürte, wie ihre Beine unaufhörlich zitterten, ihre Gedanken nur um Mailin kreisten und sie Mühe hatte, sich zu konzentrieren.
»Wir werden das heute zu Ende bringen, und ich werde einen Beschluss zum weiteren Sorgerecht ergehen lassen«, sagte der Richter, nachdem alle Beteiligten wieder Platz genommen hatten. »Sie als Rechtsbeistand von Frau Zhou …« – damit sprach er die Anwältin von Mailin direkt an – »… sind ja anwesend, insofern machen wir jetzt in Abwesenheit Ihrer Mandantin weiter.«
Die Anwältin, deren Achselschweißflecken sich mittlerweile bedrohlich weit nach vorn und auch zum Rücken hin auf ihrem Kostüm ausgebreitet hatten, nickte wortlos.
Sie hat aufgegeben, dachte Yao verbittert.
Der Richter wandte sich jetzt Fred Abel zu, der aufmerksam und konzentriert in dessen Richtung blickte. Sabine Yao war für ihn, wie schon den ganzen Morgen über, anscheinend unsichtbar.
»Herr Dr. Abel, vielen Dank, dass Sie sich heute Zeit genommen haben und trotz dieser unschönen Ereignisse uns auch weiterhin zur Verfügung stehen. Alle hier Anwesenden sind mit dem Inhalt Ihres Gutachtens und den Schlussfolgerungen, die Sie darin ziehen, bestens vertraut. Deshalb können wir Ihren Part kurzhalten, denke ich. Ich verlese nun die abschließende Beurteilung Ihres Gutachtens, und wenn dann noch Fragen sind, haben die Verfahrensbeteiligten die Möglichkeit, diese Ihnen direkt zu stellen. Sie schreiben: ›Siara Zhous Verletzungen sind auf mehrfache, massive äußere Gewalteinwirkung durch fremde Hand zurückzuführen. Alle Verletzungen sind dem Kleinkind etwa zum gleichen Zeitpunkt zugefügt worden, sehr wahrscheinlich direkt hintereinander. Ein einfaches Sturzgeschehen oder ein anderes Unfallgeschehen scheidet aus, um das schwere Schädel-Hirn-Trauma zu erklären, das als Kindesmisshandlung zu klassifizieren ist.‹«
Der Richter sah in die Runde und sagte: »Gibt es Fragen der Anwesenden?« Er schien erleichtert, als dies nicht der Fall war.
Sabine Yao war den Tränen nahe.
»Im rechtsmedizinischen Gutachten ist schlüssig dargestellt worden, dass im Fall von Siara Zhou eine Kindesmisshandlung vorliegt, die von den zuständigen Sachbearbeitern des Jugendamts Marzahn-Hellersdorf als schwere Kindeswohlgefährdung eingeschätzt wird. Das Gericht schließt sich dieser Meinung an«, sagte der Richter.
Sabine Yao beobachtete, wie Mailins Anwältin jetzt endgültig kapitulierte.
Der Richter knüpfte an das eben Gesagte an: »Die Kindesmutter verneint jegliche Tatbeteiligung, insofern ist für das Gericht eine Wiederholungsgefahr, insbesondere für die Zwillingsschwester der Geschädigten, nicht auszuschließen. Deshalb ergeht folgender Beschluss: Die elterliche Sorge für ihre leiblichen Kinder, Siara und Sina Zhou, wird Frau Mailin Zhou, geboren am 20. Mai 1986 in Berlin, für zunächst drei Monate entzogen und dem Jugendamt Marzahn-Hellersdorf übertragen. Es wird dem Jugendamt, hier vertreten durch Frau Birgit Blum, aufgegeben, eine Amtsvormundschaft für die Zwillingsschwestern einzurichten.«
Um Sabine Yao begann sich alles zu drehen. Sie fing an zu weinen.
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