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Berlin-Mitte,
Alexanderplatz,
Mittwoch, 30. Juli, 15:14 Uhr
D
ie silberne Kugel des Fernsehturms auf dem Alexanderplatz glänzte im gleißenden Sonnenlicht. Das sich regelmäßig durch Reflexion der Sonnenstrahlen auf der Turmkugel abzeichnende helle Lichtkreuz, zu DDR-Zeiten als »Rache des Papstes« bezeichnet, erstrahlte hell.
Der Abschied von Hermann Lübben war Moewig nicht leichtgefallen. Er hatte den Patron mit kurzen Worten über den Drogenfund im Kofferraum des Wagens informiert und ihm die drei Geldrollen mit den Worten in die Hand gedrückt: »Das wird keiner vermissen. Du kannst das Geld für die Beerdigung verwenden.« Dann hatte er dem alten Mann geraten, die Polizei über den BMW in seiner Garage zu informieren, das Fahrzeug aber nicht anzurühren. Nachdem er seine Fingerabdrücke vom Garagen- und Autoschlüssel mit dem Ärmel seines Hemdes abgewischt hatte, ließ er sich die Festnetznummer des alten Mannes, der kein Handy besaß, geben und schrieb ihm seine Handynummer auf. Die Existenz der Schusswaffe im Kofferraum hatte er wohlweislich verschwiegen, da er nicht einschätzen konnte, wie sich der Gemütszustand des Patrons in den nächsten Tagen entwickeln und was dieser vielleicht mit der Waffe anstellen würde. Mit gemischten Gefühlen hatte er sich schließlich verabschiedet. Das Handy ließ er ausgeschaltet, bis er die Funkzelle um das Wohnhaus von Hermann Lübben verlassen hatte.
Moewig lehnte jetzt an einer schattigen Wand des S-Bahnhofs Alexanderplatz. Wenige Meter von ihm entfernt dämmerte auf dem Gehweg ein Obdachloser in schmutziger und zerrissener Winterkleidung vor sich hin. Der Mann, dessen Alter durch die Spuren des Straßenlebens schwer zu schätzen war, murmelte etwas und sah immer wieder zu Moewig herüber. Um sie herum eilten die Menschen in den Bahnhof und heraus – wie in einem großstädtischen Ameisenhaufen.
Moewig löste seinen Blick von dem Obdachlosen, konzentrierte sich auf Moritz Lübbens Handy in seiner Hand und drückte die On-Taste. Er schickte ein kurzes Stoßgebet zum Himmel, dass das Gerät nicht mit einem Code gesichert war.
Wer auch immer Moritz Lübbens Drogengeschäfte lenkte, es musste doch mit dem Teufel zugehen, wenn er sich nicht auf diesem Gerät verewigt hätte,
dachte Moewig.
Das Handy schaltete sich mit einem hellen Glockenton ein und hatte Empfang. Anscheinend war er erhört worden, denn plötzlich erschienen im Sekundentakt mehrere Textnachrichten auf dem Display.
Moewig klickte sich durch die Nachrichten. Hauptsächlich waren es Anrufe in Abwesenheit, in der Zeit, in der das Handy ausgeschaltet gewesen war.
Uninteressant sind die Rufnummern, von denen erst nach dem Zeitpunkt des Auffindens seiner Leiche angerufen wurde, denn die Leute wissen scheinbar nicht, dass er tot ist,
folgerte Moewig und klickte weiter, diesmal in das Anrufmenü. Dort fand er den letzten Anruf, den Moritz Lübben angenommen hatte.
Sonntag, 27. Juli, 22.41 Uhr
Moewig atmete aus.
Der Obdachlose neben ihm brabbelte lautstark vor sich hin.
Moewig drückte auf die Rückruftaste, und das Telefon wählte die Nummer, von der aus Moritz Lübben vermutlich das letzte Mal vor seinem Tod angerufen worden war.
Am anderen Ende der Leitung klingelte es. Freizeichen.
Nach etwa einer halben Minute, gerade als Moewig anfing, nicht mehr daran zu glauben, dass der Anruf entgegengenommen würde, ging jemand dran, ohne jedoch ein Wort zu sagen.
»Hallo?«, fragte Moewig mit fester Stimme in die Stille hinein.
Rascheln.
Da ist doch jemand dran!
Moewig hatte keine Zeit, noch einmal über das nachzudenken, was er hier gerade tat, räusperte sich kurz, so als ob er sich bei der Person am anderen Ende der Leitung Gehör verschaffen wollte, und sagte dann: »Hör mir gut zu. Ich habe den Koffer aus Moritz Lübbens Wagen. Es ist alles noch da. Gibt es einen Finderlohn?«
Er presste das Handy so fest an sein Ohr, dass es fast schmerzte. Aber er wollte bei den vielen Umgebungsgeräuschen – Straßenlärm, ein- und abfahrende S-Bahnen, das jetzt lauter werdende Gebrabbel des Obdachlosen – kein Wort am anderen Ende der Leitung verpassen.
Wieder ein Rascheln.
Eine heisere Männerstimme fragte: »Wer bist du?«
Ruhig. Gedämpft. Leichter Akzent. Vielleicht arabisch, oder auch türkisch. Nicht aufgeregt, eher interessiert.
»Das spielt keine Rolle. Willst du den Koffer? Dann sollten wir uns treffen«, erwiderte Moewig und hielt sich nun mit der freien Hand das andere Ohr zu. Jede Regung am anderen Ende, die ihm einen Hinweis gab, war wichtig. Er hat weder gefragt, wer Moritz Lübben ist, noch will er wissen, um welchen Koffer es geht. Und von Erstaunen keine Spur in seiner Stimme.
»Woher hast du Moritz’ Handy?«
Bingo, er kennt die Nummer,
dachte Moewig und antwortete: »Das
spielt genauso wenig eine Rolle. Der Finderlohn ist mir wichtig. Dann bin ich wieder weg.«
Abermals Stille am anderen Ende. Moewig wartete ab. Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit. In der Sekunde, als er glaubte, dass der Mann gar nicht mehr in der Leitung war, rauschte es wieder.
»Bruder, du weißt hoffentlich, was du tust? Komm zum Görli. Eingang Skalitzer Straße. Um fünf.«
»Wo treffen wir uns dort?«
»Ich werde dich
finden, Bruder. Keine Sorge«, sagte der Unbekannte mit einem fast amüsiert klingenden Unterton.
Dann war wieder Stille am anderen Ende der Leitung. Als Moewig das Gespräch schon beenden wollte, meldete sich der Mann doch noch einmal. »Ist das Eisen noch da?«
Die Waffe – die Person weiß, dass Moritz Lübben eine Waffe besaß, um seine Drogengeschäfte abzusichern,
kombinierte Moewig, und der Alarm in seinem Kopf schrillte so laut, dass er das Gefühl hatte, der gesamte Alexanderplatz müsste ihn hören.
Ohne auf die Frage einzugehen, erwiderte er knapp: »Ich werde da sein. Und meine Belohnung nicht vergessen.« Dann legte er auf. Ausatmen. Überlegen.
Jetzt die Polizei einschalten? Es war noch nicht zu spät,
dachte er kurz, verwarf den Gedanken aber sofort wieder.
Der Obdachlose war in der Zwischenzeit auf dem staubigen Asphalt eingedöst.
Moewig schaltete das Prepaidhandy aus, entfernte die SIM-Karte aus dem Gerät und ließ beides in seiner Hosentasche verschwinden. Als er an dem Obdachlosen vorbeiging, stieg ihm der Straßengeruch des Mannes in die Nase, und das traurige Häuflein Mensch schlug für einen kurzen Moment die Augen auf, die hellblau aus dem schmutzigen Gesicht aufblitzten.
Moewig hatte noch genügend Zeit, bis er den Unbekannten im
Görlitzer Park treffen würde, dem berüchtigten Drogenumschlagplatz der deutschen Hauptstadt und praktisch ein rechtsfreier Raum, wo die Polizei schon vor Jahren vor der Übermacht der Drogendealer kapituliert hatte.
Er würde sich jetzt einen Koffer besorgen, der Ähnlichkeit mit dem in Moritz Lübbens Wagen aufwies.
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