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Berlin-Kreuzberg,
Görlitzer Park, Eingang Skalitzer Straße,
Mittwoch, 30. Juli, 16:56 Uhr
M oewig hatte den Görlitzer Park zunächst entlang der Wiener und dann entlang der Görlitzer Straße einmal abgefahren, aber seinem wachsamen Blick war nichts Ungewöhnliches aufgefallen. Er hatte zwar noch überlegt, sich Unterstützung zu holen, aber dann hatte sein Selbstbewusstsein als ausgebildeter Einzelkämpfer in ihm überhandgenommen.
Also hatte er seinen Lada in einer Seitenstraße geparkt und den mittelgroßen schwarzen Reisekoffer, den er in einem Asia-Supermarkt am Alexanderplatz erstanden hatte, vom Beifahrersitz genommen.
Jetzt betrat Moewig den von den Berlinern »Görli« genannten Görlitzer Park durch den nordwestlichen Eingang. Der Görli war mit seinen rund 14 Hektar Fläche mehr ein Naherholungsgebiet als ein einfacher städtischer Park, der neben riesigen, grasbewachsenen Freiflächen auch über zahllose unübersichtliche Ecken verfügte – gut geschützt vor neugierigen Blicken durch Büsche, Hecken und dichten Baumbestand.
Hier bin ich, Freunde, dachte er und schlug demonstrativ einen der Hauptwege ein, langsam schlendernd, den schwarzen Koffer, der dem Modell von Moritz Lübben stark ähnelte, in der rechten Hand. Er hatte, um dem Gepäckstück etwas Gewicht zu verleihen, in dem Asia-Supermarkt auch noch fünf Packungen Reis gekauft und sie in den Koffer gelegt.
Eine junge Frau mit Rastalocken überholte ihn auf einem klapprigen Fahrrad. Zwar gingen vereinzelte Spaziergänger durch die weitläufige Parkanlage, aber das Gros des Geländes war menschenleer, als ob alle vor der brüllenden Nachmittagshitze geflohen wären und irgendwo anders Zuflucht gesucht hätten. Moewig ließ beiläufig den Blick schweifen.
Einige der Dealer, die dem Park in den vergangenen Jahren zu trauriger bundesweiter Berühmtheit verholfen hatten – nicht nur mit Drogendelikten, die die Berliner Polizei nicht in den Griff bekam, sondern auch mit unzähligen Gewaltdelikten, darunter auch mehrere Tötungsdelikte –, standen unverhohlen an mehreren Sitzbänken, die sich vor dem dichten Baumbewuchs entlang des nördlichen Parkrandes aufreihten. Jeder schien seine Parzelle zu bewirtschaften. Moewig sah drei junge Männer, die mit betont gelangweilten Blicken auf Kunden warteten. Das alte Spiel: aufschauen, und wenn sich jemand näherte, Blickkontakt mit dem potenziellen Kunden aufnehmen. Der Berliner Senat hatte den Görlitzer Park offensichtlich als Spielwiese der dunklen Kräfte der Hauptstadt akzeptiert, und es tauchte nur dann ein Großaufgebot der Polizei hier auf, wenn das Gelände für einen kurzen Politikerbesuch oder vor Neuwahlen des Berliner Senats pressewirksam bereinigt werden musste.
Moewig schlenderte weiter über den staubigen Schotterweg, den schwarzen Koffer immer noch leicht schlenkernd in der rechten Hand. Er wusste, dass er so den Unbekannten, der ihn hierherbestellt hatte, auf sich aufmerksam machen würde. Moewig blickte auf die Militäruhr an seinem linken Handgelenk. 17:10 Uhr. Wo bist du? Aber sehr wahrscheinlich hast du mich längst auf dem Schirm …
Er ließ sich auf einer der Parkbänke nieder, deren Dealer-Hausherr entweder vor der Hitze geflüchtet war oder gerade zwischen den Sträuchern und Bäumen Nachschub aus seinem dortigen Drogendepot besorgte. Den Koffer stellte Moewig demonstrativ zwischen seinen Beinen ab. Er überschlug die Entfernung zu den nächsten beiden Parkbänken und sondierte mögliche Fluchtwege. Die drei Kerle, die sich in seiner Nähe herumdrückten, hatten überhaupt kein Interesse an ihm. Sieht man mir den Privatschnüffler an? Sehe ich so aus, als ob ich keine Kohle habe? Oder warum scheine ich für die Jungs Luft zu sein?, fragte sich Moewig.
Dann geschah etwas Überraschendes: Als hätten sie einen Befehl von einer unsichtbaren Kommandozentrale bekommen, waren die drei Männer innerhalb von Sekunden von der Bildfläche verschwunden. Schnell blickte Moewig sich um, checkte seine Umgebung. Er schien plötzlich in diesem Bereich des Parks allein zu sein, kein einziger Spaziergänger war mehr zu sehen, auch alle Geräusche um ihn herum waren plötzlich verstummt. Nur in der Ferne hörte er die S-Bahn über die Trasse rattern.
Dann sah er den Mann, der aus dem Inneren des Parks über eine große Rasenfläche aus etwa einhundert Meter Entfernung auf ihn zukam. Zunächst erkannte Moewig in der vor Hitze flirrenden Luft nur, dass der Mann trotz der hohen Temperatur eine schwarze Lederjacke und eine schwarze Hose trug. Beim Näherkommen machte Moewig einen gepflegten, dunklen Vollbart aus, in den sich bereits einige weiße Strähnen mischten. Das ebenfalls schwarze Hemd unter der Lederjacke war weit aufgeknöpft. Das Knirschen der schwarzen Lederschuhe des Mannes, der jetzt in etwa zwanzig Meter Entfernung von Moewig auf den Weg getreten war und sich schnellen Schrittes näherte, drang immer lauter herüber. Als der Mann seine Bank erreicht hatte, musterte er Moewig zunächst mit prüfendem Blick, warf dann einen kurzen Blick auf den Koffer zwischen dessen Beinen und setzte sich neben ihn.
Moewig stieg ein süßlicher, exotischer Tabakgeruch in die Nase.
»Ich mag deinen Koffer«, sagte der Unbekannte fast beiläufig.
Seine Stimme klang heiser, wie die eines Kettenrauchers. Leichter Akzent. Moewig konnte es nicht mit Gewissheit sagen, war sich aber ziemlich sicher, dass es sich um dieselbe Stimme wie vorhin am Telefon handelte. »Danke, Moritz Lübben hat ihn anscheinend auch sehr gemocht«, entgegnete Moewig.
Dann herrschte Schweigen zwischen den beiden Männern.
Ich muss davon ausgehen, dass er nicht allein ist. Und dass er bewaffnet ist. Es gibt sonst keinen Grund, eine Jacke zu tragen, analysierte Moewig die Situation. Ihm war klar, welches Wagnis er hier gerade einging.
Der Mann neben ihm atmete laut, fast seufzend, aus, und Moewig umwehte erneut der süßliche Tabakgeruch.
»Wir sollten zu meinem Wagen gehen und dort in Ruhe sprechen. So einen Koffer entdeckt man ja nicht alle Tage. Und der Finderlohn …«, begann er, doch Moewig fiel ihm ins Wort.
»Nein. Wir bleiben hier, ich bin gern im Park. Also – wie darf ich dich ansprechen?«, fragte er und versuchte, seine Anspannung hinter einem leichten Plauderton zu verbergen, so als würde er sich nach dem Wetter der letzten Tage erkundigen.
»Nicht zu meinem Auto? Schade, der Finderlohn …«, begann der schwarz gekleidete Unbekannte und fuhr sich mit der Hand über den gepflegten Bart, als würde er den korrekten Sitz prüfen wollen.
»Nein, wir bleiben hier«, wiederholte Moewig und schob den Koffer mit seinem rechten Fuß langsam weiter zurück unter die Parkbank. Er durfte das Ruder nicht aus der Hand geben. »Was bist du eigentlich? Libanese?«
Der Mann schaute ihn für den Bruchteil eines Augenblicks mit zusammengekniffenen Augen an und hob dann demonstrativ die rechte Hand, sodass sich der Zeigefinger neben seinem Kopf befand.
Moewigs Blick fiel dabei auf den auffälligen, dicken goldenen Ring, aus dessen Kopfplatte ein heller Edelstein hervorstach und den der Mann an seinem rechten Ringfinger trug. Dass es bei der Geste nicht darum ging, den Ring zu zeigen, sondern dass sie ein Zeichen für mehrere Männer war, die im Unterholz auf ihren Einsatz warteten, entging Moewig in diesem Moment.
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