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Berlin,
Treptowers, BKA-Einheit »Extremdelikte«, Sektionssaal,
Mittwoch, 30. Juli, 17:34 Uhr
H
err Murau, geben Sie mir mal bitte die Details zu diesem Fall. Was wissen wir bisher?«, fragte Abel mit fast übertrieben lauter Stimme, denn er wusste, dass Murau – war er erst einmal in seinem Element am Sektionstisch und völlig in Gedanken – wahrscheinlich auch in der ersten Reihe eines Rockkonzerts obduzieren konnte, ohne etwas von seiner Umwelt mitzubekommen. Der österreichische Kollege hörte auch diesmal seinen Kollegen zunächst nicht.
Murau trug, wie Abel auch, die übliche blaue Funktionskleidung, verzichtete jedoch im Sektionssaal regelmäßig auf die grauen Gummistiefel ihrer Dienstkleidung. Der Assistenzarzt, der nicht nur im rechtsmedizinischen Kollegenkreis, sondern auch über die Grenzen der Abteilung im BKA hinaus für sein extrovertiertes Verhalten – einige nannten es Schrulligkeit – bekannt war, trug auch diesmal gelbe Gummistiefel, als wollte er direkt im Anschluss an die Sektion zu einer Wattwanderung aufbrechen.
»Herr Murau?«, sagte Abel erneut. »Was haben wir hier?«
Murau, der gerade wieder im Hier und Jetzt ankam und Abel kurz ansah, rieb mit dem Rücken seiner behandschuhten linken Hand umständlich über die dünnen Bartstoppeln an seinem Kinn und sagte: »Seien Sie froh, dass ich ein gutes Gedächtnis habe, bei diesem ganzen Irrsinn, den man hier jeden Tag erlebt. Bei den Skurrilitäten und Absurditäten, die das Leben, oder vielmehr der Tod, in unsere
heiligen rechtsmedizinischen Hallen spült. Das würde man gern jeden Abend wieder von der Festplatte im Gehirn löschen. Zum Glück habe ich ein fotografisches, ich würde fast schon sagen ikonisches Gedächtnis. Wie Kim Peek. Kennen Sie den? Wurde auch verfilmt – Dustin Hoffman …«
»Bitte, Rain Man,
kurz und knapp, wenn es geht«, erwiderte Abel und hoffte inständig, dass der österreichische Kollege mit dem rosigen Vollmondgesicht nicht gerade wieder auf einen seiner gefürchteten Wortschwallanfälle zusteuerte.
»Okay, hier die Essentials, das Wesentliche, des Pudels Kern sozusagen«, begann Murau umständlich. Doch zu Abels Erleichterung kam er dann relativ schnell zu den wichtigsten Fakten.
»Fundzeit heute gegen 12 Uhr. Eine junge Mutter auf dem Weg zur Kita hat unseren Probanden gefunden. Sie dachte zuerst, da badet einer im Engelbecken. Aber es badet ja niemand voll bekleidet mit einem Messer im Kopf. Hatte eine Gürteltasche um. Ein paar Trips und etwas Bargeld darin. Nach dem, was INPOL ausgespuckt hat, handelt es sich sehr wahrscheinlich um einen wegen Drogendelikten einschlägig vorbestraften Mann aus Ghana, der eigentlich schon vor Monaten hätte abgeschoben werden sollen. Die Kollegen von der Daktyloskopie müssen das aber noch bestätigen. Wenn er es ist, ist bei ihm mit vierundzwanzig Jahren der Sargdeckel zugeschlagen«, erklärte Murau, ohne den Blick zu heben, während er sich weiter ungerührt mit seinem linken Handrücken am Kinn kratzte.
»Aha«, murmelte Abel.
Das Engelbecken war ein größeres, künstlich angelegtes Wasserbecken in einer öffentlich zugänglichen Gartenanlage in Kreuzberg und bisher eigentlich nicht als Berliner Kriminalitätsschwerpunkt bekannt.
»Lange kann er nicht im Wasser gelegen haben, wenn ich mir seine Hände so ansehe – noch so gut wie keine Waschhautbildung.« Damit
spielte Abel auf die schrumpelige, weißliche Aufquellung der obersten Hornschicht der Haut an, die sich an den Beugeseiten der Finger und den Handflächen von Wasserleichen befand und die unter Umständen zu einer ungefähren Eingrenzung der Leichenliegezeit im Wasser herangezogen werden konnte.
»Ich lese ja gern Zeitung, Kollege Abel. So richtig auf Papier und danach Druckerschwärze an den Fingern«, sagte Murau völlig aus dem Zusammenhang und ohne auf Abels Bemerkung einzugehen. »Nicht dieses hirnlose Gestarre auf ein Handydisplay. Und ich sage Ihnen, wenn das stimmt, was man so in der Zeitung liest – dann könnte unser Fall die Ouvertüre des befürchteten Unterweltkriegs um die Vorherrschaft im Berliner Drogengeschäft sein.«
»Was genau steht denn in der Zeitung?«, fragte Abel nach, weil er nicht wusste, worauf der verschrobene Kollege hinauswollte.
»Herr Abel, es geht darum – zunächst nur hypothetisch, denn auch Journalisten und Innenpolitiker sind keine Hellseher –, was hier in Berlin bald in der Drogenszene los sein könnte. Es wird nach Einschätzung aus gut informierten, natürlich informellen Kreisen in diesem Sommer ein Krieg um die Vorherrschaft in unserer schönen bundesdeutschen Drogenhauptstadt erwartet. Die Hinweise verdichten sich wohl, dass mehrere Familien aus dem Libanon – die uns ja gern immer mal wieder Kundschaft auf den Sektionstisch liefern – die seit Jahren etablierten Bulgaren und Afrikaner aus dem Drogenhandel drängen und einen Teil ihrer Gebiete übernehmen wollen. Der Löwe – der sagt Ihnen doch wenigstens etwas?«
Abel schüttelte den Kopf. »Welcher Löwe?«, fragte er.
»Herrschaftszeiten! Seien Sie froh, dass wenigstens einer von uns sich Wissen über die Halbwelt dieser Stadt angeeignet hat. Der Löwe ist natürlich nicht der König des Dschungels im herkömmlichen Sinne, verstehen S’? Es handelt sich um einen Mann, der Asad Saad heißt. Einen König des Großstadtdschungels könnte man ihn vielleicht
nennen. Asad Saad ist der Kopf eines libanesischen Clans, der nicht nur in Berlin ansässig ist, sondern bundesweit agiert. Sein Clan macht beruflich all das, was ein anständiger Bürger nicht macht: Drogen, Prostitution, Schutzgeld, Überfälle im großen Stil auf Luxuskaufhäuser, Museen, Kunstsammlungen. Alles, was Geld in die Kassen spült. Der Löwe hat drei Brüder, einer ist gerade aus dem Gefängnis entlassen worden. Der Löwe agiert im Hintergrund, als Oberhaupt ist er zwar der Strippenzieher – wenn man der Journaille Glauben schenken darf –, aber er tritt nie wirklich in Erscheinung. Vor ein oder zwei Jahren ging mal ein Foto durch die Medien, das angeblich ihn zeigte. Später stellte sich dann heraus, dass es sich um einen libanesischen Autohändler gleichen Namens handelte. Ich schätze, der arme Mann hatte zu Hause einiges zu erklären, als ein Foto von ihm veröffentlicht wurde.
Für eine Anklage gegen Asad Saad hat es bisher übrigens nie gereicht. Er beschäftigt eine Armada richtig bissiger und mit allen Wassern gewaschener Strafverteidiger, und gerüchteweise ist er auch im Berliner Politsumpf gut vernetzt.«
Abel nickte, während er mit dem Sektionsmesser in einem einzigen gekonnten Schnitt den Körper des Ghanaers einmal der Länge nach von der Drosselgrube bis zum Schambein öffnete.
Er hatte den Namen Saad schon einmal gehört, konnte sich aber nicht mehr erinnern, bei welcher Gelegenheit das gewesen war. Vielleicht sogar in einem Gespräch mit Lisa. Es wäre nicht der erste kriminelle arabische Clan gewesen, mit dem sich die Bundesanwaltschaft, und damit auch seine Lebensgefährtin, beschäftigte. Dass Asad Saad den Beinamen »der Löwe« trug, war für Abel neu, aber er hatte von Verbindungen gehört, die der Saad-Clan zu Betreibern von salafistischen Moscheen unterhielt. Da war er sich ziemlich sicher.
»Ich bin beeindruckt, Kollege Murau«, sagte Abel und verlängerte
seine Schnittführung von der Drosselgrube bis zu dem Eintrittspunkt des Miniatur-Krummsäbels, dessen Griffstück immer noch aus dem Mundboden des Toten herausragte. Dann löste er durch kräftigen Zug nach unten mit einem knirschenden Geräusch die leicht geschwungene Klinge aus dem Oberkiefer des Toten.
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