39
Berlin-Kreuzberg,
Görlitzer Park,
Mittwoch, 30. Juli, 17:44 Uhr
W
ieder hörte Moewig die Stimme des Libanesen. Diesmal ganz nah an seinem Ohr: ruhig, überhaupt nicht mehr aufgeregt.
»Du wirst hier nie wieder aufkreuzen. Du wirst dich nie wieder fragen, wer wir sind. Du wirst nicht zu den Bullen gehen. Sonst wird der Löwe dich fressen!« Moewig schaffte es mit viel Anstrengung, seinen Kopf aus dem staubigen Schotter zu heben und in Richtung seines Angreifers zu drehen.
»Jetzt hast du mich verstanden, Ibn el Kalb
«, flüsterte der Unbekannte, der sich zu Moewig hinuntergebeugt hatte und dessen Gesicht jetzt nur noch wenige Zentimeter entfernt war. Er spuckte Moewig zweimal hintereinander eine Fontäne Speichel ins Gesicht. Dann trat er den Privatermittler ein letztes Mal.
Moewig stöhnte laut auf.
Ich wäre nicht der erste Totgetretene, der in den schmutzigen Straßen von Berlin verreckt.
Er atmete stoßend und keuchend. Die Schmerzen in seinem Brustkorb waren höllisch, jede Atembewegung verschob die gebrochenen Rippen gegeneinander. Aber es blieb ihm nichts anderes übrig, als im Dreck liegen zu bleiben, seinen Peinigern schutzlos ausgeliefert.
Doch plötzlich ging alles ganz schnell. Die Last auf seinem Körper durch die zahllosen Füße ließ nach, verschwand völlig. Er hörte, wie
sich eilige Schritte von ihm entfernten. Einen Moment blieb er reglos liegen, in die grelle Sonne blinzelnd. Der Speichel des Libanesen lief ihm von der Wange in die Augen. Weit entfernt hörte er den Verkehr, die S-Bahn rauschte metallisch dröhnend über die Trasse. Dann setzte Moewig sich langsam auf, jede Bewegung ein einziger Schmerz. Es war niemand mehr zu sehen.
Mühsam rappelte er sich hoch. Seine Beine zitterten, seine Hände waren schmutzig und blutig. Wie er im Gesicht aussah, wollte er lieber gar nicht wissen – er spürte lediglich die warme Nässe des fremden Speichels.
Er sah sich um. Von seinen Angreifern keine Spur mehr. Und auch der Koffer war verschwunden. Zumindest blieb ihm die Genugtuung, dass der echte Koffer von Moritz Lübben noch immer im Wagen in der Garage des Patrons lag, dem er empfohlen hatte, unverzüglich die Polizei darüber zu informieren. Die Waffe und die Drogen dürften sich also inzwischen in der Kriminaltechnischen Abteilung des LKA befinden.
Aber er hatte keine Zeit zu verlieren. Sobald der Unbekannte bemerkte, dass weder der Koffer noch der Inhalt von Moritz Lübben stammten, würde es hier erneut sehr ungemütlich zugehen und dann sehr wahrscheinlich für ihn tödlich enden. Moewig griff an den unteren Saum seines Hemdes, suchte eine Stoffstelle, die ihm leidlich sauber erschien, und wischte sich damit ausgiebig das Gesicht ab. Zurück blieb ein schmieriger Fleck aus Blut und dem Speichel des Mannes in Schwarz.
Got you! Wenn du schon mal in irgendeiner DNA-Datenbank, auf die Fred Zugriff hat, aufgetaucht bist, sehen wir uns wieder, du verdammtes Stück Scheiße.
Humpelnden Schrittes und mit zusammengebissenen Zähnen schleppte sich Moewig zum Parkausgang Skalitzer Straße.
Hätte ein unbeteiligter Beobachter ihn in dem dreckigen olivgrünen
Hemd, der an den Knien zerrissenen Chinohose und mit den blutigen Händen in diesem Moment gesehen, er hätte ihn wahrscheinlich für geistig verwirrt gehalten.
Denn Moewig lächelte zufrieden.
☠ ☠ ☠