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Berlin, Marzahn-Hellersdorf,
Wohnhaus von Mailin Zhou,
Mittwoch, 30. Juli, 19:20 Uhr
S abine Yao hatte ihren Mini Cooper auf dem Parkplatz vor dem zwanzigstöckigen Wohnhaus in der Nähe des Eingangs abgestellt. Die heruntergelassenen Gardinen und Jalousien an den vielen Fenstern waren der einzige Hinweis darauf, dass das Hochhaus bewohnt war, denn der gesamte Gebäudekomplex und auch der dazugehörige Parkplatz lagen völlig verwaist da.
Berlin brütete weiter unter der Hitzeglocke des Sommers.
Als sie ausstieg, bemerkte sie, dass ihre Hände heftig zitterten. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie, abgesehen von einer Tasse Kaffee und einem halben Brötchen am Morgen, den ganzen Tag über nichts gegessen und getrunken hatte. Eine Katastrophe hatte die nächste abgelöst. Die Ereignisse hatten sich nur so überschlagen.
Mailin hatte nach ihrer Festnahme nicht nur im Streifenwagen weitergetobt, sondern auch in der Gefangenensammelstelle der Polizei in Tempelhof, wo sie eine Beamtin zunächst wüst beschimpft und dann mehrfach geschubst hatte. Das hatte Mailins Anwältin vor etwa drei Stunden am Telefon berichtet. Die Anwältin hatte sie außerdem darüber unterrichtet, dass sich ihre Schwester nicht mehr in der Gefangenensammelstelle befand. Sie war vielmehr per richterlichem Beschluss nach PsychKG, dem Gesetz über Hilfen und Schutzmaßnahmen bei psychisch Kranken, mittlerweile in einer der geschlossenen psychiatrischen Stationen in der Karl-Bonhoeffer- Nervenklinik untergebracht worden, da sie in ihrer Zelle ihren Kopf mehrfach gegen eine Wand geschlagen hatte. Ärztliche Zwangsbehandlung wegen akuter Selbst- und Fremdgefährdung waren die Worte, die die Anwältin benutzt hatte. Das Wort Selbstmordgefahr hatte die Juristin wahrscheinlich bewusst vermieden.
Sabine Yao war dann vor zwei Stunden zur Karl-Bonhoeffer-Klinik gefahren und hatte dort versucht, ihre Schwester zu sehen. Aber vergeblich. Mit der Begründung, dass Mailin Zhou ein starkes Beruhigungsmittel verabreicht bekommen habe, deshalb vor dem nächsten Nachmittag kaum ansprechbar sein würde und überhaupt jeglicher weiterer Stress in dieser psychischen Ausnahmesituation unbedingt zu vermeiden sei, war Sabine im Eingangsbereich der geschlossenen Akut-Station abgewiesen worden. Die Rechtsmedizinerin hatte daraufhin nicht weiter insistiert und weder ihren BKA-Dienstausweis vorgezeigt noch sich als Ärztin zu erkennen gegeben.
Sabine Yao schloss die Tür ihres Minis und drückte auf die automatische Verriegelung auf dem elektronischen Schlüssel. Sie fühlte sich ausgelaugt und machtlos.
Warum hat Mailin das bloß getan? Es gibt keine rationale Erklärung für ihren Ausraster vor Gericht. Der Richter schien gewillt zu sein, alle Fakten objektiv zu beurteilen und auch Mailin zu Wort kommen zu lassen, sich ihre Version anzuhören, um sich eine differenzierte Meinung zu bilden … Aber dann der Angriff auf die Mitarbeiterin des Jugendamts, was für ein Irrsinn, dachte Sabine Yao. Ich habe mich in meiner Schwester getäuscht. Diese Seite von ihr, diese Wut, diese Aggression, das kannte ich bisher alles nicht. Das ist ihr eigentlich so fremd. Oder vielleicht doch nicht?
Der eine Gedanke, der in den letzten Tagen immer wieder aus ihrem Unterbewusstsein nach oben gestiegen war, jedoch von ihrem Verstand abgeblockt wurde, blitzte nun erneut auf, bahnte sich seinen Weg an die Oberfläche. Stärker als jemals zuvor. Wenn es doch anders war? Wenn Mailin es war, die Siara so schwer verletzt hat?
Erschöpft schleppte sich Sabine Yao die Treppen zum Eingang des Plattenbaus hoch, suchte in ihrer Handtasche nach dem Schlüsselbund und öffnete die heruntergekommene, mit verschmutzten Aufklebern verunzierte Eingangstür, durch deren Glasscheibe sich ein langer Riss zog.
Die Briefkästen waren an einer der Wände des schier endlosen Flurs im Eingangsbereich aufgereiht. Sie öffnete die scheppernde Klappe, doch der Briefkasten war leer. Sie ging zum Fahrstuhl, drückte den abgegriffenen Knopf und fuhr in die zwölfte Etage. Während der Fahrstuhl schwerfällig ratternd den Weg nach oben fand, massierte sich Sabine Yao mit einer Hand ihren verschwitzten Nacken und zog das Haargummi aus ihrem Pferdeschwanz. Sie fühlte sich wie ein geschlagener Ritter, den es im Kampf vom Pferd gerissen hatte, elend und unendlich müde. Ihr ganzer Körper schmerzte.
Meine Schwester in einer Psychoklinik. Ihr Mann tot. Siara zwischen Leben und Tod, mit bleibenden Hirnschäden, und Sina im Heim .
Die Luft in der engen Fahrstuhlkabine war abgestanden und verströmte Hoffnungslosigkeit. Als Sabine die Eingangstür zur Wohnung ihrer Schwester aufschloss, füllten sich ihre Augen zum zweiten Mal an diesem Tag mit Tränen.
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