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Berlin,
Treptowers, BKA-Einheit »Extremdelikte«, Büro Dr. Fred Abel,
Mittwoch, 30. Juli, 19:25 Uhr
A bel hatte während der Arbeit die Zeit völlig vergessen. Nachdem er sich in der Umkleide seiner Sektionskleidung entledigt hatte, war er, als er einen Blick auf das Display seines Blackberrys geworfen und festgestellt hatte, dass es schon Abend war, erstaunt gewesen. Zudem wurden ihm mehrere Anrufe in Abwesenheit angezeigt. Zwei davon waren von Moewig. Abel hatte beschlossen, noch nicht nach Hause zu fahren, sondern noch den dringendsten Papierkram für diesen Tag zu erledigen, und war mit dem Fahrstuhl in den siebten Stock der Treptowers gefahren.
In seinem Büro angekommen, rief er Moewig zurück, doch dessen Handy war ausgeschaltet. Als Abel zehn Minuten später die Unterlagen zu dem Fall Siara Zhou in einem Aktenordner ablegte, klingelte sein Blackberry: Moewig.
Abel nahm den Anruf entgegen. »Hallo, Lars, alles in Ordnung? Was gibt es?«
»Hallo, Fred. War einerseits ein echter Scheißtag heute, andererseits bin ich im Fall Moritz Lübben ein gutes Stück weitergekommen.«
Abel nahm an, dass sein Freund in einem belebten Gang stand, wie er aus dem Stimmengewirr im Hintergrund schloss.
»Was ist los? Was lief aus dem Ruder, Lars? Und wieso überlässt du deiner neuen Freundin, der Friedrich vom LKA 1, nicht das Feld in Sachen Moritz Lübben? Du könntest dir die Finger verbrennen«, erwiderte Abel.
»Ich bin gerade auf der Rettungsstelle der Charité fertig, wo sie mich geröntgt und drei gebrochene Rippen diagnostiziert haben. Allerdings stehen die Bruchenden wohl gut zueinander, sodass es nicht zu Lungenanspießungen gekommen ist. Sie haben mir den Brustkorb bandagiert. Ich weiß nicht, was bei dieser Bullenhitze die größere Tortur ist: dass ich mich wie ein schwitzendes Wickelkind fühle oder dass ich nur ganz flach atmen kann, weil ich bei jedem tieferen Atemzug das Gefühl habe, mir sticht einer ein Skalpell seitlich in die Brust. Aber egal. Ich habe jedenfalls heute im Görli ordentlich auf die Fresse bekommen, weil ich offensichtlich viel zu tief in ein Wespennest gestochen habe, das mit dem Tod von Moritz Lübben zu tun hat.«
Abels Atem beschleunigte sich. »Was genau ist passiert, Lars?«, fragte er besorgt, obwohl er nicht sicher war, ob er die Antwort wirklich hören wollte.
»Das werde ich dir gern alles in Ruhe erzählen. Nicht am Telefon. Aber eine Frage vorab: Ich habe Speichel und Blut auf meinem Hemd. Das Blut ist von mir, die Rotze von einer Person, die ich gern wiedertreffen würde. Könnten wir in eurer DNA-Datenbank …« Moewig brach abrupt ab und sprach dann scheinbar mit einer Person, die neben ihm stand. »Bin gleich hier weg.«
Abel war klar, dass Moewig nicht vorhatte, mit seinem Anliegen irgendwelche offiziellen BKA-Wege zu beschreiten. Er hörte ein kurzes Rauschen am anderen Ende der Leitung.
»Bist du noch dran?«
»Lars, kannst du mit dem Untersuchungsmaterial sofort vorbeikommen? Ich denke, Fuchs ist noch im Labor, dann schiebe ich das hier an. Aber du wirst dazu von mir nichts schriftlich bekommen.«
»Bin schon unterwegs!«
Als Abel das Gespräch gerade beenden wollte, meldete sich Moewig noch einmal zu Wort. »Noch ein letzter Punkt. Am Ende der Abreibung im Görli bekam ich die Drohung mit auf den Weg, dass ich auf keinen Fall zur Polizei gehen sollte. Sonst würde der Löwe mich fressen. Sagt dir ›der Löwe‹ etwas?«
»Wir reden gleich«, erwiderte Abel heiser und beendete das Gespräch. Seine Kehle fühlte sich seltsam trocken an, als er in der Bildergalerie seines Blackberrys das Foto aufrief, das er im Sektionssaal von der Klinge gemacht hatte. Auf dem Display vergrößerte er die Aufnahme des Löwenkopfs am unteren Ende der Klinge. Das getrocknete Blut verlieh dem kunstvoll gearbeiteten Löwenkopf etwas Bedrohliches.
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