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Berlin, Marzahn-Hellersdorf,
Wohnung von Mailin Zhou,
Mittwoch, 30. Juli, 19:28 Uhr
D
er Geruch, der Sabine Yao im engen Flur der Wohnung entgegenschlug, war ihr vertraut. In diesem Moment hatte er fast etwas Tröstliches. Sie wischte sich die Tränen mit einem Papiertaschentuch aus dem Gesicht, das sie aus ihrer Handtasche gefischt hatte, und ging durch die Wohnung. Zunächst wusste sie nicht, wo sie anfangen sollte, doch dann riss sie sich zusammen und überlegte, was ihre Schwester in der Klinik benötigte: die Kulturtasche mit dem Notwendigsten, ein paar T-Shirts, Turnschuhe, eine Jogginghose und natürlich ihren geliebten Kapuzenpullover von Thanh. Sie würde gleich die Waschmaschine anstellen und das verdreckte Teil erst einmal waschen. Und sie würde ihr vielleicht auch ein Kuscheltier aus dem Zimmer der Mädchen einpacken.
Sie braucht etwas Vertrautes, das ihr Kraft gibt, das sie an zu Hause denken lässt und daran, dass sie noch eine weitere Tochter hat, Sina, die ihre Mutter dringend braucht,
dachte Yao und fühlte sich plötzlich in ihre Kindheit zurückversetzt. Als sie und Mailin noch ihr ganzes Leben vor sich hatten, als ihnen noch alles offenstand und sie immer füreinander da waren. Kein Blatt passte damals zwischen die beiden Schwestern.
Auch im Schlafzimmer der Dreizimmerwohnung herrschte Chaos. Kleidung lag über das ganze Bett verstreut, teils bereits getragene, teil saubere. Eine Tür des Kleiderschranks stand offen. Sabine Yao blickte hinein.
Sie muss doch irgendwo einen Koffer oder eine Reisetasche haben.
Doch sie fand nichts Brauchbares, in das sie Mailins Sachen packen konnte. Sabine Yao ging suchend ins Wohnzimmer und spürte die Beklemmung, die dieser Raum in ihr auslöste, jetzt, wo sie das erste Mal allein hier war. Diese Stille …
Sie starrte auf den Sisalteppich vor der Couch. Hier ist es geschehen. Hier ist Siara verunglückt … Verunglückt?
Hier hat Mailin ihrer Tochter die schweren Kopfverletzungen zugefügt.
Beschämt versuchte sie, den Gedanken abzuschütteln. Sie blickte auf den wuchtigen Kunstledersessel, in dem sie oft gesessen hatte, wenn sie zu Besuch gekommen war. Die Mädchen waren damals immer auf ihren Schoß geklettert und hatten sie vor Freude beinahe erdrückt. Und fröhlich gekichert. Sie waren so ausgelassen, so unbeschwert …
Sie ging in den Flur zurück und blieb vor dem schmalen Spiegel stehen, in dem sich ihre Schwester am Morgen noch skeptisch betrachtet hatte. Das Make-up, die hochgesteckten Haare, die graue Bluse – für sie war diese Aufmachung, dieses Outfit für den Gerichtstermin eine Verkleidung gewesen, die sie nur äußerst widerwillig übergestreift hatte.
An der oberen Ecke des Spiegels klemmte zwischen Spiegelglas und Rahmen ein Foto. Es zeigte Mailin, Thanh und ihre beiden Zwillingstöchter bei einem Ausflug in den Spreewald. Thanh hatte den Arm um seine Frau gelegt, die damals etwa ein Jahr alten Mädchen lachten fröhlich in die Kamera. Sabine Yao starrte auf das Bild, als würde es sie hypnotisieren, und es stürzte sie in eine tiefe Wehmut, die sie noch nie zuvor erlebt hatte.
Alles, was auf diesem Bild zu sehen war – die Liebe, der Zusammenhalt, eben diese Familie –, das alles gab es jetzt nicht mehr.
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