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Berlin,
Treptowers, BKA-Einheit »Extremdelikte«, Kriminaltechnisches Labor,
Mittwoch, 30. Juli, 20:13 Uhr
F uchs blickte den verletzten Mann in dem verdreckten Hemd und der zerrissenen Chinohose interessiert an. In Begleitung von Abel hatte der dunkelhäutige Mann humpelnd und in leicht gekrümmter Haltung seinen Laborraum betreten. Über seine beiden Jochbeine zogen sich breite, weiße Pflasterstreifen, und auch seine Handflächen waren von großflächigen Pflasterverbänden bedeckt. Auf dem kahl rasierten Schädel des Mannes erkannte Fuchs eine mehrere Zentimeter durchmessende Verschattung der Kopfhaut über einer gewaltigen Beule am Hinterkopf. Ein Hämatom, wie der Leiter des kriminaltechnischen Labors der rechtsmedizinischen Abteilung für »Extremdelikte« schlussfolgerte.
Fuchs war umgeben von Computermonitoren und Geräten zur toxikologischen Untersuchung, die an überdimensionale Kühltruhen erinnerten und auf hüfthohen Unterschränken montiert waren. In Schubladen, die aus den hellgrau verschalten und kontinuierlich brummenden Geräten herausragten, standen massenhaft kleine Glasgefäße mit verschiedenen Körperflüssigkeiten und Gewebeproben, die gerade vollautomatisch toxikologisch analysiert wurden. Zahlreiche gelbe und grüne Leuchtdioden flimmerten an den Vorderseiten der Geräte.
»Guten Abend, Dr. Fuchs, schön, dass Sie noch Sprechstunde haben«, sagte der Besucher keuchend und setzte sich vorsichtig auf einen Stuhl, direkt neben Fuchs.
»Henry, darf ich vorstellen – das ist mein alter Freund Lars Moewig«, sagte Fred Abel, der sie telefonisch angekündigt hatte.
Fuchs schaute seine beiden Besucher neugierig an und stellte fest, dass Abel ziemlich abgekämpft aussah.
»Wir waren vor vielen Jahren zusammen bei der Bundeswehr, und seitdem verbindet uns eine ganz spezielle Freundschaft. Lars ist Privatermittler und hat uns ein besonderes Asservat mitgebracht.«
»Ich bin gespannt, was du diesmal für mich hast, Fred. Ich gehe davon aus, dass ihr nicht in offizieller Mission hier seid?«, erwiderte Fuchs mit seiner tiefen, sonoren Stimme, die so gar nicht zu seinem jungenhaften Gesicht passte.
»Korrekt«, antwortete Abel.
»Und Sie, Herr Moewig«, fuhr Fuchs mit einem Augenzwinkern an Abels Begleiter gewandt fort, »Sie brauchen dringend frische Kleidung.«
Moewig blickte auf sein Hemd, auf dem sich mehrere große rostrote Blutflecken zu einem grotesken Muster vereinigt hatten. »Entschuldigen Sie, mein Smoking ist gerade in der Reinigung«, konterte er.
Fuchs lächelte. Zusätzlich zu der exzellenten Weinflasche, die Abel ihm vorhin am Telefon für diese Privataudienz nach Feierabend versprochen hatte, bekam er scheinbar auch noch eine gute Vorstellung geboten. »Ach, Herr Moewig, ich bin berufsbedingt ohnehin mehr an den Dingen interessiert, die man nicht auf den ersten Blick erkennt oder mit bloßem Auge überhaupt nicht sieht. Insofern sind mir Äußerlichkeiten eigentlich ziemlich egal. Aber die Bemerkung konnte ich mir bei Ihrem Anblick einfach nicht verkneifen. Also, was genau verschafft mir die Ehre?«
Moewig blickte Abel an, der ihm mit einem Nicken signalisierte, dass er offen sprechen konnte. Moewig erhob sich und streifte sich mit einem Stöhnen und schmerzverzerrtem Gesicht das besudelte Hemd über den Kopf. Fuchs registrierte die gewaltigen Oberarmmuskeln und den ebenfalls muskelbepackten Schultergürtel und Nacken des Mannes. Der voluminöse Oberkörper war von Höhe der Achseln abwärts bis zum Bauchnabel mit eng anliegenden, elastischen weißen Binden umwickelt.
Mindestens eine ordentliche Rippenprellung, wenn nicht sogar ein amtlicher Bruch, diagnostizierte Fuchs stumm. Dann reichte ihm sein halb nackter Gast das Hemd.
»Ich habe die Hoffnung, dass Sie mir damit weiterhelfen können«, sagte Moewig, und ein Grinsen umspielte seine Mundwinkel.
»Waschen?«, fragte Fuchs ironisch.
»Eher nicht, Henry«, schaltete sich Abel ein. »Lars wurde vor wenigen Stunden im Görlitzer Park Opfer einer massiven körperlichen Auseinandersetzung. Allerdings, wie du sofort richtig erkannt hast, nicht in offizieller Mission. Insofern wollen wir die Polizei vorerst raushalten«, erklärte er mit ernster Miene.
Moewig fuhr fort: »Einer der Herrschaften hat mir bei unserer Rangelei eine ordentliche Portion Speichel ins Gesicht gespuckt. Und diesen Speichel habe ich asserviert, indem ich ihn mit dem unteren Rand meines Hemdes abgewischt habe. Und nun würde ich den Herrn gern wiedersehen. Dafür müsste ich aber wissen, wer er ist. Und da kommen Sie ins Spiel, Doc.« Der bullige Mann mit dem bandagierten Oberkörper ließ sich in den Stuhl zurücksinken und verzog dabei schmerzverzerrt das Gesicht.
Fuchs besah sich das schmutzige Hemd, während er es am ausgestreckten Arm zwischen Daumen und Zeigefinger vor sich hinhielt. Nicht etwa, weil er sich vor dem Kleidungsstück ekelte – da hatte er schon ganz andere Dinge in den Händen gehalten –, sondern weil er keine Handschuhe anhatte, als Moewig ihm das Hemd überraschend in die Hand gedrückt hatte, und er jetzt vermeiden wollte, das Kleidungsstück noch weiter zu kontaminieren oder Spuren darauf zu verwischen.
»Okay«, sagte er, wobei er das Wort in die Länge zog und eine ratlose Miene machte.
Abel, der bisher neben den beiden gestanden hatte, setzte sich auf die Kante eines der Labortische. »Henry, du könntest uns bei der Suche nach dem Schläger behilflich sein. Wie gesagt – informell. Keine Auftragsnummer, kein Eintrag ins Asservaten-Eingangsbuch, es geht kein schriftlicher Befund von dir raus.«
»Verstehe«, sagte Fuchs und spitzte die Lippen.
»Wir müssen davon ausgehen, dass der Schläger kein Unbekannter ist«, fuhr Abel fort. »Wir möchten dich bitten, in der DNA-Datenbank zu überprüfen, ob er darin gespeichert ist.«
»Okay«, entgegnete Fuchs erneut. »Was ich jetzt machen werde: Ich werde die betreffende Region aus dem Hemd ausschneiden und in kleinen Stücken in einen Lysepuffer legen, um die darin enthaltene DNA aus dem Speichel zu isolieren. Daraus mache ich ein STR-Profil. Dabei wird es sich um eine DNA-Mischspur handeln, das heißt, Ihre DNA und die Ihres Kontrahenten, Herr Moewig. Deshalb nehme ich jetzt gleich noch einen Mundschleimhautabstrich von Ihnen. Damit habe ich Ihre Vergleichsprobe, ziehe mir daraus Ihr DNA-Profil und kann dann aus der DNA-Mischspur auf dem Hemd das Täterprofil beziehungsweise das DNA-Profil Ihres Kontrahenten herausrechnen.«
Moewig und Abel schienen beide erleichtert, dass er den Auftrag auf dem kleinen Dienstweg annahm, und ohne irgendwelche Nachfragen zu stellen.
Moewig nickte anerkennend. »Da hat mein alter Freund Fred nicht zu viel versprochen. Er sagte, dass Sie der richtige Mann für mein Anliegen wären. Ich danke Ihnen sehr.«
»Keine Ursache, Herr Moewig«, sagte Fuchs. »Fred kann sich immer auf mich verlassen. Auch in solchen Dingen.« Mit diesen Worten zog er eine der Schubladen in einem der Laborunterschränke auf und holte einen steril in Plastikfolie verpackten Wattetupfer – ein etwa fünfzehn Zentimeter langes Stäbchen, das an einem Ende mit Watte umhüllt war – heraus und reichte ihn Moewig.
Während sich Moewig den Wattebausch in den Mund steckte und damit in seiner Mundhöhle an der Wangenschleimhaut herumwischte, sagte Fuchs: »Ich werde unsere beiden Asservate, das Hemd und den Mundschleimhautabstrich, gleich rüber ins DNA-Labor bringen und loslegen. Ich benötige bei der DNA-Spurenmenge, die wir üblicherweise aus Speichel isolieren, nicht viel Zeit, bis ich das DNA-Profil daraus erstellt habe. Herr Moewig, ist es für Sie in Ordnung, wenn ich Ihr Kleidungsstück direkt nach der Untersuchung vernichte? Das macht es für alle Beteiligten einfacher, und niemand im Labor wird Fragen stellen, welches Asservat das ist.«
Moewig, der sich immer noch den überdimensionierten Wattetupfer im Mund herumschob, nickte stumm.
»Ich gleiche das DNA-Profil in unserer DNA-Analysedatei mit den dort eingestellten DNA-Profilen ab. Schätzungsweise schon morgen Abend. Dann wissen wir, ob wir fündig geworden sind. Wir beide, Herr Moewig …« – der Laborleiter sah den Privatermittler mit einem tiefen Blick aus seinen großen braunen Augen an – »… werden nicht miteinander kommunizieren.«
Moewig nickte erneut.
»Die Schmutzwäsche läuft sozusagen nur über Fred«, erklärte Fuchs mit einem vielsagenden Blick.
Abel tat ihm den Gefallen und lachte anerkennend. Trotz des Wortgeplänkels wusste er, dass sie sich bei dem, was sie gerade ausheckten, am Rande der Legalität bewegten.
Moewig übergab Fuchs den Watteträger, dann verabschiedeten sich die beiden und wollten gerade das Labor verlassen, als sich Fuchs noch einmal zu Wort meldete.
»Herr Moewig, so können Sie doch hier nicht hinausspazieren, so halb nackt. Spätestens unten, wenn Sie das Gebäude verlassen, wird der Pförtner Sie abfangen. Und der wird Ihnen wahrscheinlich nicht den freundlichen Hinweis geben, dass wir hier keine textilfreie Zone haben, sondern den Sicherheitsdienst rufen.«
Abel sagte: »Hab ich mir auch schon überlegt. Wir gehen in mein Büro. Im Fahrstuhl sollte uns um diese Zeit wohl keiner mehr begegnen. Und wenn – ich bin ja dabei. Lars, du bekommst ein Hemd von mir, ich habe immer was zum Wechseln da.«
Als die beiden Männer das Labor verlassen hatten, zog Fuchs eine weitere Schublade auf und entnahm eine mittelgroße Papiertüte, die ein Paar steril verpackte beigefarbene Latexhandschuhe enthielt. Er streifte die Handschuhe über und ergriff das Hemd, das er zwischenzeitlich in eine saubere und leere Metallwanne auf einem der Labortische gelegt hatte, und hielt es auseinandergebreitet vor sich gegen das Licht.
Da haben wir schon aus deutlich schlechterem Untersuchungsmaterial solide Ergebnisse herausgezogen, dachte er selbstsicher und verließ das toxikologische Labor.
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