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Berlin-Steglitz,
Charité – Campus Benjamin Franklin, Rettungsstelle, Personalaufenthaltsraum,
Mittwoch, 30. Juli, 20:45 Uhr
D
r. Michael Heumann betrat den schmucklosen Personalaufenthaltsraum der Rettungsstelle. Der Raum wirkte, als hätte man ihm die Farbe entzogen: grauer Linoleumboden, weiße Küchenzeile, Neonlicht.
Die zwei jungen Schwesternschülerinnen, deren Namen er vergessen hatte, und Oberschwester Magda Piontek, Urgestein im Klinikum und eine der erfahrensten Oberschwestern der Rettungsstelle, saßen zusammen am Tisch. Sie tranken den ersten Kaffee des Abends. Der erste von vielen. Freundlich nickten die Frauen dem Chirurgen zu.
Freundlich zugewandt … Ja, nach außen vielleicht. Aber ich kann mir schon denken, was sie hinter meinem Rücken reden, seit die von mir für tot erklärte Frau im Leichenschauhaus wieder zum Leben erwacht ist,
dachte Heumann argwöhnisch, während er die drei mit einem kurzen »Guten Abend« begrüßte. Er spürte, dass sich auf seinen Handflächen Feuchtigkeit sammelte und sich ein Kloß in seinem Hals bildete. Bloß nicht schon wieder einer dieser verdammten Panikanfälle! Ruhig bleiben, tief durchatmen, es ist alles in Ordnung.
Heumann war fast zwei Meter groß. Sportliche Figur. Kurze dunkelbraune Haare, die er sich mit etwas zu viel Gel zu einem akkuraten Seitenscheitel gekämmt hatte. Obwohl er bereits knapp
über vierzig war, hatte er noch nicht ein einziges graues Haar. In seiner blauen Klinikkleidung wirkte er auf Außenstehende wie die perfekte Besetzung für eine amerikanische Arztserie. Doch gerade fühlte er sich klein, unsicher, schwach.
Alle in der Rettungsstelle wussten, was ihm widerfahren war. Die alte Dame, Theresa Maschewski, die er – auf den Tag genau vor einer Woche – fälschlicherweise für tot erklärt hatte. Aber eigentlich doch nicht fälschlicherweise,
denn zu jenem Zeitpunkt war sie definitiv tot gewesen, da war er sich nach wie vor absolut sicher.
Kein Kollege hätte es ihm gegenüber offen angesprochen, aber er wusste, dass alle in der Rettungsstelle und auch auf den peripheren Stationen des Klinikums seit Tagen über nichts anderes redeten. Die Vorladung zum LKA in die Keithstraße, wo er sich vor zwei Tagen von dem türkischstämmigen Beamten, der vielleicht halb so alt war wie er, anhören musste, dass gegen ihn wegen Körperverletzung mit Todesfolge ermittelt wurde und auch der Vorwurf einer Tötung durch Unterlassen von der Staatsanwaltschaft geprüft würde, war auch im Zentralsekretariat der Klinik per Fax reingeflattert.
Per Fax! Welche Idioten benutzen denn heutzutage noch ein Faxgerät?
Er schlussfolgerte daraus, dass von Seiten der Ermittlungsbehörden vermutlich System dahintersteckte – um ihn im Kollegenkreis zu diskreditieren und weichzukochen.
Hätte ich bloß auf meine Frau gehört und vorgestern einen Anwalt mit zum LKA genommen. »Delikte am Menschen«! Ich glaub, ich spinne.
Heumann schüttelte, für die anwesenden Pflegekräfte kaum wahrnehmbar, den Kopf und versuchte, den Gedanken zu verdrängen. Jetzt hieß es, sich zusammenzureißen.
»Meine Damen, es liegt hoffentlich eine nicht allzu heftige Berliner Sommernacht in der Rettungsstelle vor uns, eine, in der es ruhig bleibt«, scherzte er und bemühte sich, selbstsicher zu lächeln.
Die beiden jungen Schwesternschülerinnen grinsten. Nur
Oberschwester Magda Piontek, deren graue, raspelkurze Haare wie ein Helm auf ihrem runden Kopf saßen, erwiderte: »Herr Heumann, Sie wissen doch – ehe die Sonne nicht aufgeht, ist die Nacht nicht vorbei.«
»Ich weiß. Aber man darf ja wohl noch hoffen«, entgegnete der Arzt und blickte auf die Uhr, die über der Tür hing. Noch etwas mehr als elf Stunden Dienst lagen vor ihm in der Rettungsstelle – der zentralen Anlaufstelle im Klinikum für die Akut- und Notfallversorgung von Patienten, die in allen anderen Bundesländern Notfallambulanz genannt wurde.
Wenn es gut lief, konnte er vielleicht ein paar Stunden davon in unruhigem Schlaf auf der Pritsche im Bereitschaftsdienstzimmer zubringen. Aber die meiste Zeit würde der Strom der Patienten nicht abreißen. Manchmal hatte Heumann das Gefühl, die Nächte in der Rettungsstelle der Charité waren den Verhältnissen eines Frontlazaretts nicht unähnlich. Die Stadt schien nachts reihenweise Patienten auszuspeien: verprügelte Ehefrauen, Verkehrsunfallopfer, darunter neuerdings immer mehr E-Scooter-Verunfallte, denen hohe Bordsteine, Pkws oder ihr Alkoholpegel zum Verhängnis geworden waren, Obdachlose mit Lungenentzündungen oder anderen akuten Infektionskrankheiten, bis zur Besinnungslosigkeit alkoholisierte Jugendliche, Kinder mit Frakturen, Platzwunden oder Bauchschmerzen und ihre besorgten Eltern.
Heumann wartete ab, bis die drei Krankenschwestern aufgestanden waren und den Raum verlassen hatten. Dann überprüfte er die korrekte Funktion seines Piepers und fischte aus seiner Tasche eine kleine Pappschachtel mit Tavor-Tabletten. Er drückte eine der kleinen, weißen Pillen aus dem Blister und schluckte sie trocken herunter. Die Panikattacken waren neu. Vor zwei Tagen, nachdem ihm der Kriminalbeamte die möglichen Konsequenzen seines Handelns – oder vielmehr seines Nicht-Handelns, denn der Ermittler hatte von Unterlassen
gesprochen – eröffnete, war die erste Panikattacke über
ihn gekommen, als er das LKA-Gebäude in der Keithstraße verlassen hatte. Seitdem kamen sie in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen immer wieder. Seine Kehle war dann wie ausgetrocknet, zusammengeschnürt. Ein dicker Kloß saß ihm im Hals. Sein Herz raste, und seine Hände wurden feucht und begannen zu zittern. Nichts, was er als Notarzt in der Rettungsstelle – auf dem dünnen Eis, das oftmals das Überleben der Patienten von ihrem Tod trennte – gebrauchen konnte. Doch das Tavor würde ihm helfen, den kräftezehrenden Schichtdienst ohne Panikattacken zu überstehen. Bis vor wenigen Tagen hatte er seinen Körper in genau der entgegengesetzten Richtung gedopt, denn er hatte Ephedrin genommen. Mit diesem leicht berauschenden Stimulans hatte er regelmäßig sein Schlafbedürfnis bis auf ein Minimum reduziert und seine Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit auf ein Maximum gepusht. Er wusste natürlich, dass er damit Raubbau an seinem Körper betrieb, der ihm allerdings äußerlich noch nicht anzusehen war. Denn schon vor seinem schicksalhaften Notarzteinsatz war Heumann eine ambivalente, getriebene Persönlichkeit gewesen. Nur ohne diese verdammten Panikattacken. Und ohne das Damoklesschwert über ihm, dass er bald vorbestraft sein und vielleicht sogar seine Approbation verlieren könnte.
Zu Hause, an den freien Tagen, hatte er früher versucht, ohne Pillen auszukommen. Seiner Familie zuliebe. Aber es gelang ihm schließlich immer seltener. Seine Frau Isabell, eine Gynäkologin mit eigener Praxis im schicken Westend, hatte zwar bemerkt, dass er in den vergangenen Monaten zunehmend nervös und angespannt gewesen war, aber auch sie hatte er bisher erfolgreich täuschen können. Er hatte es auf die unzähligen Nachtdienste geschoben. Sogar jetzt hielt er seine Fassade aufrecht – trotz der Aussicht auf eine strafrechtliche Verfolgung, mögliche disziplinarrechtliche Konsequenzen seitens seines Arbeitgebers und standesrechtlicher Ahndung durch die
Ärztekammer. Und wenn es gar nicht mehr ging, wie in den letzten beiden Tagen, die Luft knapp und er nervös wurde, hatte er auch im Badezimmer ihres Hauses Tavor-Tabletten versteckt, zwischen Grippemitteln und Halsbonbons. Wäre die Alte bloß nie wieder aufgewacht
. Er wollte sich seine heile Welt, oder zumindest das, was für andere danach aussah, nicht kaputtmachen lassen.
Heumann atmete durch, das Tavor begann zu wirken, wie er an der Verlangsamung seines Pulsschlags und einem angenehmen Kribbeln auf seiner Nackenhaut feststellte.
Da meldete sich sein Pieper. Let’s get ready to rumble,
dachte der Chirurg, aber als er die Hand auf die Klinke legte und den Aufenthaltsraum verließ, blitzte noch einmal kurz die Angst in ihm auf, die ihn seit dem Vorfall vor einer Woche immer wieder heimsuchte.
Was, wenn ich wieder einen Fehler mache? Noch einen tödlichen Fehler?
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