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Brandenburg, Groß Köris, Schulzensee,
Wohnhaus von Hermann Lübben,
Mittwoch, 30. Juli, 20:55 Uhr
H ermann Lübben zitterte am ganzen Körper. Sein Herz revoltierte seit Minuten, wollte sich nicht beruhigen, schien wie ein wild gewordenes Tier gegen einen inneren Käfig zu springen. Der kalte Schweiß rann ihm über das Gesicht. Trotzdem fröstelte es ihn.
Nach langem Grübeln hatte er sich, viele Stunden nachdem sich Lars am Vormittag von ihm verabschiedet hatte, am frühen Abend auf den langen und beschwerlichen Weg zu seiner Doppelgarage gemacht. Einmal, auf einer der Stufen der kleinen Treppe, die von der Eingangstür in den Vorgarten führte, wäre er fast gestürzt. Er hatte sich auf seinem Gehstock abgefangen, dessen Knauf ihm dabei gegen sein knochiges Brustbein gestoßen war. Seine Brust schmerzte immer noch, das Atmen fiel ihm schwer.
Schließlich hatte er entdeckt, wonach er nicht suchen, was er nicht finden wollte, worum aber den ganzen Nachmittag seine Gedanken gekreist waren: den schwarzen Koffer im Kofferraum des BMWs. Voll mit Drogen. In der Reißverschlusstasche im Deckel hatte Lübben dann auch die Waffe gefunden, eine matt glänzende, schwarze Pistole. Davon hatte Lars ihm allerdings nichts erzählt. Aus wohlweislichem Grund …
Hermann Lübben hatte die Waffe so lange betrachtet und in der Hand gewogen, bis das automatische Licht in der Garage nach fünfzehn Minuten erlosch und er sich mühsam seinen Rückweg – in einer Hand die Pistole, in der anderen den Gehstock – durch die Dunkelheit bahnen musste. Zitternd und hilflos tapsend hatte er den automatischen Türöffner an der Innenseite des Garagentores ertastet.
Nun saß er auf der großen weißen Ledercouch in seinem Wohnzimmer, die schwere Pistole vom Kaliber neun Millimeter vor sich auf den bebenden Knien. Warum noch warten?, fragte er sich. Und worauf? Moritz ist tot und wird es auch bleiben. Ganz egal, ob sie seinen Mörder fassen oder nicht. Wenn sie ihn fassen – gut! Dann gibt es einen Prozess, und derjenige geht ins Gefängnis. Und wenn sie ihn nicht fassen? Wenn Lars nicht hält, was er mir versprochen hat? Was macht das überhaupt noch für einen Unterschied für mich?
Ein plötzlicher Hustenanfall ließ Hermann Lübbens ausgemergelten und gekrümmten Oberkörper erzittern. Er tastete mit seinen dünnen Fingern auf dem Beistelltisch neben der Couch nach einer Box mit Taschentüchern, zog eines heraus und hustete keuchend hinein. In diesem Moment fiel die Pistole aus seinem Schoß auf den Marmorboden.
Als er sich steif nach ihr bückte, flammte der Schmerz in seinem Brustbein erneut auf. Vielleicht war es sogar gebrochen. Wäre nicht verwunderlich bei der schweren Osteoporose, die die Ärzte schon vor Jahren bei mir diagnostiziert haben. Sie haben mich immer vor der Gefahr von Knochenbrüchen, auch bei kleineren Stoßverletzungen, gewarnt …, ging es ihm durch den Kopf. Zentimeter um Zentimeter beugte er sich mühsam weiter in Richtung Wohnzimmerboden, bis er das tödliche Metall ergreifen konnte. Das ist doch kein Leben mehr. Ich kann mich nicht einmal mehr richtig bücken. Jede verdammte Bewegung fällt mir schwer. Und es gibt außer Moritz niemanden, für den es sich lohnt, da zu sein.
Er hatte schon oft darüber nachgedacht, sich das Leben zu nehmen. Das erste Mal, als seine Frau Ilona vor zwei Jahren starb. Aber da war der Gedanke an einen Freitod lediglich ein Trost gewesen: Mach noch einen Tag weiter. Du kannst jederzeit das Ende selbst bestimmen, hatte er sich eingeredet.
Und Hermann Lübben hatte weitergemacht. Tag um Tag. Doch als vor knapp einem Jahr bei ihm Prostatakrebs diagnostiziert wurde, waren die Gedanken an ein selbst gewähltes Ende zurückgekehrt. Lieber ein schneller Tod als das lange Siechtum im Krankenhausbett oder sabbernd in einem Pflegeheim vor mich hin vegetieren …
Damals hatte sich Hermann Lübben konkret mit Suizidgedanken beschäftigt. Wie soll ich mich überhaupt töten? Mit Tabletten? Kann schiefgehen. Vor den Zug werfen? Wie soll ich da hinkommen? In den See fallen lassen? Grausam, qualvoll. Erhängen? Ich werde kaum die Kraft haben, mich selbst aufzuknüpfen …
Immer wieder hatte er Pläne ersonnen, doch er hatte es nie getan. Zu jener Zeit fehlte ihm einfach die Kraft, seinem Leben ein Ende zu setzen. Und damals gab es noch Moritz. Nun nicht mehr.
Mittlerweile hatte sich sein Herzschlag normalisiert. Der Schweiß war kalt und klebrig auf seiner Stirn getrocknet. Er wog die Waffe in der Hand. Eine Schusswaffe betätigen konnte er: durchladen, entsichern, schießen. Zu seinen besten Zeiten als erfolgreicher Boxpromoter im wilden Westberlin der Achtzigerjahre hatte er stets eine 44er Magnum mit Elfenbeingriff bei sich getragen, wenn die Börse seiner Boxer in bar ausgezahlt wurde. Damals half in gewissen Kreisen bereits das Wissen, dass eine Person eine Schusswaffe besaß. Gebraucht hatte Hermann Lübben sie nie. Und irgendwann hatte er sie einem alten Freund in seinem Schützenverein vermacht, der mittlerweile auch nicht mehr lebte. Aber diese Waffe hier …
Mit seinem knochigen Daumen presste er auf die Entriegelung des im Griffstück der Walther P99 befindlichen Magazins und überprüfte es. Das Stangenmagazin war mit fünfzehn Schuss Kaliber neun Millimeter voll aufmunitioniert. Er schob es mit einem Klicken wieder in das Griffstück. Dann zog er den Schlitten zurück und lud die Pistole durch.
Wer würde es mir verdenken? Es ist niemand mehr da, der sich verraten fühlen könnte, dachte Lübben, und es überkam ihn ein Gefühl der Leichtigkeit, fast der Erlösung. Es ist alles getan, Hermann. Hast ja mehr Gutes als Böses im Leben hinbekommen. Damit kann man da oben in den Ring treten. Der nächste Hustenkrampf schüttelte ihn. Jetzt reicht es. Ich gehe. Zu Ilona. Zu Moritz …
Hermann Lübben hob den Kopf und setzte den Lauf der Waffe unter seinem Kinn im Bereich des Mundbodens an. Ein weiterer Hustenanfall kündigte sich an, und sein Kehlkopf stieß gegen das kalte Metall.
Er atmete tief ein, hielt die Luft an.
Sein Finger presste gegen den Widerstand des Abzugs.
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