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Berlin, Marzahn-Hellersdorf,
Wohnung von Mailin Zhou, Wohnzimmer,
Mittwoch, 30. Juli, 21:01 Uhr
A
ls Sabine Yao auf der Couch im Wohnzimmer aufwachte, fehlte ihr in den ersten Sekunden jegliche Orientierung. In ihrem Traum, der auch jetzt noch sehr real wirkte, war sie im Gerichtssaal eingeschlafen.
»Entschuldigung«, murmelte sie noch völlig verwirrt und setzte sich ruckartig auf.
Ihr Herz begann nervös zu klopfen, aber die Erinnerung kam zurück. Vorhin hatte sie einige Sachen für Mailin zusammengesucht, die sie in Ermangelung eines Koffers oder einer Reisetasche in eine Plastiktüte gestopft hatte. Dann hatte sie Ordnung in das Chaos in der Küche gebracht: das schmutzige Geschirr, das sich im Spülbecken stapelte, abgewaschen und zwei Müllsäcke prallvoll mit Essensverpackungen, Pizzakartons und zahlreichen leeren Weinflaschen gefüllt und zur späteren Entsorgung vor der Wohnungstür im Hausflur deponiert.
Danach hatte sie im Wohnzimmer gründlich Staub gesaugt, und während sie den mit zahllosen Unterlagen und Post überfrachteten Esstisch im Wohnzimmer aufräumte, hatte sie urplötzlich die Erschöpfung übermannt. Sie hatte sich nur kurz ausruhen wollen und auf die Couch gelegt. Dann musste sie eingeschlafen sein.
Ich habe mich doch nur kurz ausgestreckt,
dachte Sabine Yao und schwang träge die Beine vom Sofa. Sie fühlte sich immer noch fix und fertig.
Ich muss jetzt nach Hause und ausschlafen. Morgen in der Frühbesprechung darf ich nicht schon wieder fehlen. O Shit! Ich habe vergessen, die Waschmaschine einzuschalten. Egal … Ich nehme die Wäsche mit, erledige das zu Hause, und morgen Nachmittag nach der Arbeit fahre ich zu Mailin in die Klinik und bringe ihr die Sachen. Danach vielleicht auch noch zu Siara,
sortierte sich Sabine Yao gedanklich, während sie sich langsam von der Couch erhob.
Ihr Blick fiel erneut unweigerlich auf die Stelle zwischen Sessel und Couch, wo nun der Sisalteppich die Spuren der grausamen Tat verdeckte. Ihr Rücken schmerzte. Sie ging ins Schlafzimmer, wo die Einkaufstüte mit Mailins Sachen für ihren Klinikaufenthalt lag, und klaubte einige der schmutzigen Kleidungsstücke vom Bett zusammen, darunter Mailins Lieblingspullover, die sie auch noch in die Tüte stopfte. Dann ergriff sie ihre Handtasche, doch an der Wohnungstür angekommen, blieb sie wie gelähmt stehen. Die Tür stand sperrangelweit offen.
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