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Brandenburg, Groß Köris, Schulzensee,
Wohnhaus von Hermann Lübben,
Mittwoch, 30. Juli, 21:05 Uhr
D ie Waffenmündung drückte kalt gegen Hermann Lübbens Mundboden. Die Überstreckung seines Kopfes schob die steife Nackenwirbelsäule schmerzhaft nach hinten.
Gerade als sein Gehirn den Impuls an seinen Zeigefinger senden wollte, den Widerstand des Abzugs vollends zu überwinden und abzudrücken, klingelte es an der Haustür. Lübben fuhr zusammen und ließ die Waffe sinken, sie fühlte sich plötzlich unendlich schwer an. Lars ist zurück, er hat neue Informationen für mich über Moritz’ Mörder, schoss es ihm durch den Kopf, und er fiel zurück ins Hier und Jetzt. Der Gedanke, dass sein ehemaliger Schützling Zeuge seines Suizids werden könnte, ließ ihn erstarren. Das kann ich dem Jungen nicht antun . Hermann Lübben stopfte nervös die Pistole in eine der Sofaritzen, bis nur noch ein kleiner Teil des Griffs herausschaute. Dann rutschte er mit schmerzenden Knien nach vorn, griff nach seinem Gehstock, erhob sich und wankte durch das schummrige Wohnzimmer Richtung Haustür. Wieder schrillte die Klingel. Diesmal noch länger, drängender. Lars hat etwas herausgefunden. »Ich komme ja schon!«, rief er.
An der Haustür angelangt, drehte er den Schlüssel, den er immer stecken ließ, um ihn nicht zu verlegen, zweimal im Schloss herum und öffnete. Vor ihm stand nicht Lars, und er zuckte bei dem Anblick des Fremden zusammen.
Der Besucher war mittelgroß, von kräftiger Statur und mit einer schwarzen Jeans und einem schwarzen T-Shirt bekleidet. Seine schwarzen Haare waren zu einem kurzen Pferdeschwanz am Hinterkopf eng zusammengebunden, im Schläfenbereich waren sie rasiert.
Der Fremde musterte ihn aus seinen dunklen Augen mit einem abschätzigen Blick. Der Schmerz über Hermann Lübbens Brustbein machte sich wieder bemerkbar.
»Wer sind Sie?«, fragte er kurzatmig und schaute den Besucher argwöhnisch an.
»Wir sind Freunde von Moritz und haben gehört, was geschehen ist.«
Eine Pause entstand. Wir?, wiederholte Hermann Lübben stumm, blickte angestrengt über die Schulter des Fremden und entdeckte neben dem Gartentor einen Mann in einem hellen Jogginganzug und mit einer Baseballkappe, der sich hinter der vertrockneten Hecke im Halbschatten herumdrückte.
Ihm wurde schwindelig. Er hatte selbst zu lange Zeit in der Berliner Halbwelt zugebracht, um nicht zu ahnen, wer vor ihm stand. Er erkannte Verbrecher immer noch auf den ersten Blick. Und Mörder. Die Erkenntnis, dass diese Männer sehr wahrscheinlich mit Moritz’ gewaltsamem Tod zu tun hatten, verstärkte den Druck auf sein Brustbein noch weiter, schien ihm jetzt fast die Luft abzuschnüren. Er atmete schwer. In ihm kam das Verlangen hoch, hier und jetzt Rache an den Mördern seines Sohnes zu nehmen, aber er verwarf den Gedanken sofort wieder. Es war aussichtslos. Die Zeiten, in denen er seine körperlichen Kräfte mit solchen Typen messen konnte, waren längst vorbei.
»Tut mir leid, ich kenne Sie nicht. Es ist schon spät, kommen Sie bitte morgen …«, begann Lübben, doch der Mann ließ ihn nicht ausreden.
»Wir wollen unser Beileid bekunden. Wir sind extra aus Berlin gekommen, um Sie zu sehen«, erklärte der Mann unbeirrt und drehte sich dabei zu seinem Begleiter um, der jetzt jedoch verschwunden war.
Hermann Lübben legte die Handfläche an die Tür und begann, sie zuzuschieben. »Nein, nicht heute Abend.«
Doch noch ehe er die Bewegung zu Ende ausführen konnte, krachte die Hand des Besuchers mit einem heftigen Schlag gegen die Tür. Die Erschütterung schoss Lübben wie ein Stromstoß in den Arm. Er stöhnte auf und torkelte rückwärts. Während er versuchte, sein Gleichgewicht wiederzuerlangen, betrat der Mann sein Haus.
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