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Brandenburg, Groß Köris, Schulzensee,
Wohnhaus von Hermann Lübben,
Mittwoch, 30. Juli, 21:08 Uhr
W ir werden jetzt sprechen!«, bellte der Mann und machte einen großen Schritt auf Hermann Lübben zu, der immer noch nicht sein Gleichgewicht zurückerlangt hatte. Der Eindringling stieß Lübben ins Innere des Hauses und schlug die Haustür hinter sich zu. Dann packte er den alten Mann am Kragen und schob ihn unsanft vor sich her. Im Wohnzimmer angekommen kommandierte er: »Setzen!«, und stieß Hermann Lübben in Richtung des Sofas.
Lübben taumelte nach vorn und fiel auf die weiße Ledercouch.
Der ungebetene Besucher setzte sich wortlos in den Sessel, in dem am Morgen noch Lars Platz genommen hatte. Er fuhr sich mit der Hand über die Haare und zog an seinem Pferdeschwanz, als müsse er sich den Kopf zurechtrücken. Dann sah er sein Gegenüber mit herausforderndem Blick an.
Hermann Lübben versuchte, die Schmerzen in seinem Körper zu ignorieren. Sein Atem pumpte.
»Wer sind Sie?«, wiederholte er, während er auf der Couch hin und her rutschte, um eine erträgliche Position zu finden. Dabei spürte er unter sich etwas Hartes. Die Pistole!
Und plötzlich empfand Hermann Lübben keinen Schmerz mehr. Er lehnte sich zurück.
Damit rechnest du kleiner Scheißer sicher nicht, dass der alte, hilflose Mann vor dir auf einer scharfen, durchgeladenen Waffe sitzt, dachte er und grinste innerlich, während er das Gewicht seines Oberschenkels auf den Griff der Pistole verlagerte.
»Es ist nicht wichtig, wer ich bin. Es reicht, wenn du weißt, dass dein Sohn etwas gestohlen hat, was uns gehört. Und das wollen wir wiederhaben. Wir wissen, dass er bei dir war und es hiergelassen hat. Mach keine Schwierigkeiten, Opa. Rück es raus! Dann gehen wir wieder.«
»Ich weiß nicht, was Sie meinen«, antwortete Hermann Lübben leise und taxierte den fremden Eindringling mit seinen trüben, von dicken Tränensäcken umrahmten Augen.
»Das kann gut sein. Aber es kann auch sein, dass du genauso ein mieser Hund bist wie dein Sohn, dreckiger Jadd «, keifte der Fremde.
Kleine Speicheltropfen flogen dabei aus seinem Mund und landeten auf dem Kragen des schwarzen T-Shirts, unter dem sich seine kräftigen Oberarme anspannten.
»Wo ist der verdammte Koffer, Opa? Und das Geld? Dein Sohn schuldet uns Geld. Viel Geld. Niemand bestiehlt den Löwen.«
Das Geld, das Lars in Moritz’ Wagen gefunden hat. Es liegt in der Küche. In einer Schublade. Die drei dicken …
»Moritz war schon seit vielen Wochen nicht mehr hier. Ich weiß nicht, von wem Sie Ihre Informationen haben. Moritz war wirklich nicht hier«, log Hermann Lübben und wartete auf die Reaktion seines Gegenübers, die auch prompt folgte.
»Das ist Bullshit, du Bastard!«, brüllte der schwarz gekleidete Mann.
Hermann Lübben schüttelte als Erwiderung lediglich den Kopf.
»Du hast unser Eigentum! Wo ist es? Oder muss ich dich auch prügeln, bis die Scheiße aus dir herausläuft wie bei deinem verfickten Bastard von einem Sohn, du Kelb? « Seine Pupillen weiteten sich bei diesen Worten, als wäre ein Stromkreislauf in ihm geschlossen worden.
Vor mir sitzt der Mörder meines Sohnes, stellte Lübben fest. Der harte Stahl der Waffe unter ihm gab ihm Sicherheit.
»Sie haben ihn getötet!«, sagte er schließlich so kräftig er konnte.
»Ist das wichtig?«
»Ja.«
»Für mich nicht. Die Geschäftswelt ist hart. Das ist Berlin. Du weißt nicht, wer ich bin. Gib mir, was uns gehört, und du hast nichts zu befürchten.«
Hermann Lübben verlagerte sein Körpergewicht langsam auf die linke Seite.
»Du willst, was dir gehört?«, fragte er und ließ wie in Zeitlupe den rechten Arm von seinem Schoß herunterrutschen. Nur noch wenige Zentimeter bis zum Griff der Waffe.
Der Eindringling nickte und schien das Gefühl zu haben, fast am Ziel zu sein.
Ruckartig griff Hermann Lübben mit seiner rechten Hand unter sich, wobei er fast erneut das Gleichgewicht verloren hätte, umschloss das kalte Griffstück der Pistole mit festem Griff und zog sie aus der Sofaritze. Sein Gegenüber schnellte instinktiv aus dem Sessel hoch, nach vorn, in seine Richtung. Doch ehe er ihn erreicht hatte, zielte Hermann Lübben auf ihn, fast so, als wäre die Waffe plötzlich ein Teil seines Körpers geworden.
Er zögerte keinen Moment und feuerte.
Der Knall war ohrenbetäubend, der Rückstoß der Waffe brutal.
Die Wucht des Schusses schlug seine rechte Hand nach oben, ehe der Arm dann wie ein Strohhalm abknickte. Im selben Sekundenbruchteil wurde sein Gegenüber wie von unsichtbaren Seilen zurück in den Sessel gezogen.
Eine Sekunde lang herrschte völlige Stille.
Erst danach nahm Hermann Lübben in seinen Ohren ein entferntes Rauschen und ein Fiepen wahr.
Der Mann, der in sein Haus eingedrungen war, starrte ihn aus weit aufgerissenen Augen fassungslos an, versuchte, nach Luft zu schnappen, doch vergeblich. Mit offenem Mund saß er wenige Meter von Lübben entfernt, der ihn interessiert betrachtete.
Wo habe ich diesen Drecksack erwischt?, fragte sich Hermann Lübben noch, als das Blut begann, unter dem T-Shirt-Kragen des Mannes herauszusprudeln. In wellenförmigen Stößen quoll es über den Kragen, ergoss sich über seinen Oberkörper und färbte das Schwarz des T-Shirts um noch eine Nuance dunkler. Nach wie vor gab der Getroffene, den Mund weit geöffnet, keinen Laut von sich. Mit schwachen Bewegungen ruderten seine Arme neben seinem Körper.
Ich habe den Mörder meines Sohnes gerichtet . Lübben wiederholte den Satz in seinem Kopf. Immer wieder und wieder. Bis er normal klang. Und Hermann Lübben eine tiefe Ruhe empfand.
Sein Atem, der in den letzten Minuten keuchend gegangen war, normalisierte sich, die Töne, die immer noch von dem Abfeuern der Waffe in seinem Ohr hallten, diese irre Kakofonie der Ballistik, ignorierte er einfach.
Da hörte er die Schläge gegen die Haustür. Heftige Schläge. Dann ein Krachen und Splittern von Holz. Der zweite Kerl! Ob ich ihn auch …? Aber Hermann Lübben verwarf den Gedanken sofort wieder. Er war mit sich im Reinen.
Und er wusste, was er jetzt zu tun hatte. Seine Entscheidung war getroffen. Alles war jetzt so klar wie nie zuvor. Lübben hob die Waffe wieder an, schob den Lauf unter sein Kinn. Ein flüchtiges Lächeln umspielte seine Mundwinkel, als er die Augen schloss und abdrückte.
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