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Berlin-Steglitz,
Charité – Campus Benjamin Franklin, Rettungsstelle,
Mittwoch, 30. Juli, 21:19 Uhr
D
ie junge spanische Touristin hatte sich während der Untersuchung ihres Handgelenkbruchs zweimal übergeben. Das erste Mal war so überraschend gekommen, dass sie sich ihr Paillettenkleid ruiniert hatte. Beim zweiten Mal war die Ambulanzschwester schnell genug gewesen, den Kopf der jungen Frau, die auf der Behandlungsliege lag, zur Seite zu drehen und ihr einen der Abwurfbehälter für Klinikmüll unter den Kopf zu halten. Jetzt heulte die Patientin krampfartig. Heumann atmete resigniert aus. Die Freundin der Spanierin, eine junge Frau von vielleicht zwanzig Jahren in rotem Minirock, roséfarbenem Tank Top mit Spaghettiträgern und roten High Heels, stand hilflos daneben.
Sehr wahrscheinlich eine Mischung aus Alkohol und MDMA. Nach wie vor sehr beliebt im Berliner Nachtleben. Diesen Abend haben sich die beiden allerdings sicher etwas anders vorgestellt,
sinnierte Heumann, dem derartige Situationen nach knapp zehn Jahren als Notarzt nicht fremd waren. Während er die zwei Röntgenaufnahmen des Handgelenks auf einem Computermonitor begutachtete, diktierte er mit knappen Worten der Schwester seinen Befund, die die Diagnose klappernd über die Tastatur eines PCs in das Patientenstammblatt eingab. »Distale Radiusfraktur, Flexionsbruch. Die Bruchenden nicht disloziert, stehen gut zueinander.« Dann blickte er in das Gesicht seiner weinenden Patientin. Die Wimperntusche lief ihr jetzt in
schwarzen Rinnsalen über die Wangen, und sie stammelte irgendwas auf Spanisch.
»No operation needed.
Sie bekommen einen zirkulären Gips. Konservative Therapie. You understand?«
Die junge Frau nickte, auch wenn nicht klar war, was in ihrem von Alkohol, Drogen und Schmerzreizen überfluteten Gehirn überhaupt ankam.
»Sagen Sie bitte Herrn Brettschneider Bescheid«, wies Heumann die Schwester mit gedämpfter Stimme an. »Er soll ihr einen zirkulären Gips anlegen. Wenn der Gipsraum frei ist, fahren Sie sie auf einer Trage rüber. Gegen die Schmerzen Novaminsulfat, die übliche Dosis, nicht mehr. Wer weiß, was sie alles schon intus hat.«
Partydrogen haben eben keinen Beipackzettel,
dachte Heumann und versicherte sich mit einem Griff in seine Hosentasche, dass der Tavor-Blister an seinem Platz war.
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Zehn Minuten später saß Heumann versunken auf dem Drehhocker im Behandlungszimmer. Allein. Es war still um ihn herum. Ich sollte gleich morgen früh einen Termin mit einem Fachanwalt für Medizinrecht vereinbaren und ihm die Sache übergeben.
Er spürte, wie die Panik erneut zurückzukehren drohte. Wie sie ihn einem Tiger gleich ansprang, dessen Pranken nach seinem Brustkorb schlugen. Ich habe doch alles nach bestem Wissen getan … O Gott, könnte ich doch bloß das Rad der Zeit um eine Woche zurückdrehen …
Heumann spürte erleichtert das Brummen des Piepers in seiner Kitteltasche. Die Panik wurde von einem Augenblick auf den anderen durch die Konzentration auf den nächsten Notfallpatienten weggewischt.
Dankbar für die Unterbrechung seiner Gedankengänge atmete Heumann den letzten Rest Hysterie aus. Bloß keine Ruhe. Sonst denke
ich nur zu viel nach.
Er sah auf das Display des Piepers.
HELI-EINGANG. SCHUSSVERLETZUNG OBERKÖRPER.
LANDUNG IN 3 MIN.
Heumanns Blick sprang über die Buchstaben, dann erhob er sich mit einer geschmeidigen Bewegung und verließ mit schnellen Schritten den Behandlungsraum.
Heumann eilte den Gang der Rettungsstelle hinunter, bog um zwei Ecken und erreichte den Eingangsbereich, der nur etwa hundert Meter von dem Landeplatz des Rettungshubschraubers entfernt war. Oberschwester Magda Piontek stand bereits gemeinsam mit einer der Schwesternschülerinnen und einer Trage bereit. Wenige Meter entfernt lief ein jüngerer Kollege aus der Unfallchirurgie nervös auf und ab und telefonierte. Durch die gläserne Automatiktür konnte man den Hubschrauberlandeplatz sehen. Doch noch tat sich dort in der anbrechenden Abenddämmerung nichts.
Heumann fragte, noch bevor er die Oberschwester erreicht hatte: »Was ist los?« In dieser Sekunde bereute er, dass er nicht noch eine Tavor eingeworfen hatte. Nur um sicherzugehen.
»Es wird jedenfalls nicht die erhoffte ruhige Sommernacht«, entgegnete Magda Piontek lakonisch. »Schussverletzung Oberkörper. Draußen in irgendeinem Kaff im Südosten Brandenburgs. Groß Köris – noch nie gehört. Der Notarzt vor Ort konnte den Patienten zunächst stabilisieren, aber die Weiterversorgung ist in dieser ländlichen Region in keiner der Kliniken zu leisten. Kein Krankenhaus der Maximalversorgung in der Nähe. Deshalb Heli-Anforderung. Soweit wir wissen, ein Steckschuss im oberen Brustkorb. Zustand des Patienten sehr kritisch«, ergänzte die Oberschwester und wählte mit energischem Fingerdruck auf ihrem schnurlosen Haustelefon irgendeine Nummer.
Heumann nickte und blickte durch die Glasscheibe angestrengt nach draußen.
»Der Heli muss jeden Moment eintreffen«, informierte sie der Kollege aus der Traumatologie, der inzwischen sein Telefonat beendet hatte. »Schockraum ist vorbereitet. Schon die dritte Schussverletzung diese Woche, wenn ich richtig gezählt habe. Oder doch die vierte?«
Heumann wollte gerade etwas erwidern, da hörte er das Dröhnen der Rotoren und sah die blinkenden Lichter vom Himmel herabsinken.
Innerhalb von weniger als dreißig Sekunden waren der Hubschrauber gelandet und die Rotorblätter abgestellt. Die Seitentür der Maschine öffnete sich. Heraus sprangen zwei Notärzte und zwei Rettungsassistenten. An Heumann eilten Oberschwester Piontek, die Schwesternschülerin und der Unfallchirurg mit der Trage vorbei und übernahmen den Patienten.
Dann ging alles ganz schnell. Begleitet von metallischen Knackgeräuschen wurde die Trage durch die Glastür in den Innenraum des Foyers der Rettungsstelle gefahren. Dort schien plötzlich alles voller Menschen zu sein. Heumann, der neben der Trage mit den anderen in Richtung Schockraum rannte, erfasste den Zustand des Verletzten: junger Mann, intubiert, mehrere Infusionsschläuche endeten in seinen Ellenbeugen und den Handrücken. Sein schwarzes T-Shirt war im Brustbereich von den Ersthelfern aufgeschnitten worden und hing in groben Fetzen seitlich von seinem muskulösen Oberkörper herab. Ein mittlerweile blutdurchtränkter Druckverband war um seine rechte Schulterpartie gewickelt. Obwohl der Angeschossene aufgrund seiner schwarzen Haare und arabisch anmutenden Gesichtszüge sehr wahrscheinlich eher einen dunklen Teint hatte, wirkte seine Haut aschfahl. Der bewusstlose Mann trug einen Pferdeschwanz und kurz rasierte Schläfen.
Massiver Blutverlust. Der Kerl ist zwar noch jung, aber wenn sein Gehirn dies hier ohne Schaden übersteht, grenzt das wohl an ein Wunder,
analysierte Heumann. Hätte ich doch bloß noch eine Pille genommen. Das wird heftig. Stressig.
»Alles für Nottransfusion vorbereiten. Anästhesie auf Stand-by. Wir operieren sofort!«, kommandierte Heumann, während die ratternde Trage in den Schockraum geschoben wurde. Unvermittelt packte ihn jemand energisch am Ärmel und hielt ihn zurück.
»Bist du hier der verantwortliche Arzt?«
Heumann wirbelte herum. »Was soll …«, polterte er los, hielt jedoch sofort inne, als er den stechenden Blick und die aggressive Haltung seines Gegenübers wahrnahm. Der Mann war ganz in Schwarz gekleidet, trug einen akkurat gestutzten Vollbart. Seine prägnante Nase war blauviolett verfärbt, ein breiter brauner Pflasterstreifen prangte auf seinem Nasenrücken.
»Du wirst mir dafür garantieren, dass mein Bruder überlebt!«, forderte der Mann mit heiserer Stimme und zog Heumann bedrohlich nahe zu sich heran. Ein süßlicher Tabakgeruch umwehte ihn.
»Bitte! Sie sehen doch, dass jetzt ein denkbar schlechter Zeitpunkt ist!«, erwiderte Heumann gehetzt und wand sich aus dem Griff des Mannes, während seine Augen der Trage mit dem Patienten folgten, die gerade im Schockraum abgestellt wurde.
Der Mann stellte sich zwischen die Eingangstür zum Schockraum, in dem das medizinische Personal bereits heftig herumwuselte, und den Arzt und versperrte ihm den Weg.
»Lassen Sie mich durch, damit wir unsere Arbeit machen können! Alles, was wir hier …« Heumann blickte in die dunklen, stechenden Augen seines Gegenübers und kam erneut ins Stocken. Gefährlicher Typ,
schoss es ihm durch den Kopf, ehe er wieder einen klaren Gedanken fassen konnte. Anscheinend der leibliche Bruder des Angeschossenen. Wenn »Bruder« nicht nur eine Floskel ist. Aber wie
ist der Typ überhaupt so schnell hierhergekommen? Egal, der muss hier weg.
Heumann schaute sich mit nervösem Blick nach Magda Piontek um. Sie stand etwas abseits. Wieder am schnurlosen Haustelefon. Wahrscheinlich organisierte sie die notwendigen Blutkonserven für den Patienten und einen Gefäßchirurgen für die bevorstehende Notoperation. Oder die Umleitung der nächsten Schwerverletzten in andere Rettungsstellen der Stadt, denn der Schockraum würde für die nächsten Stunden nicht zur Verfügung stehen. Dieser Notfall würde einiges an Kräften binden.
Hektisch winkte Heumann der Oberschwester zu und deutete mit dem Finger auf den schwarz gekleideten Mann. Sie beendete ihr Telefonat und eilte zu ihm.
»Schwester Magda, könnten Sie diesen Herren bitte in den Warteraum bringen und herausfinden, ob er tatsächlich ein Angehöriger des Schussopfers ist?«
Dann wandte sich Heumann wieder dem Mann zu, der sich trotz der ganzen Hektik um ihn herum keinen Zentimeter bewegt zu haben schien. »Sie müssen bitte diesen Bereich sofort verlassen. Wir tun jetzt unsere Arbeit. Die Kollegin wird Sie auf dem Laufenden halten. Sofern Sie auch untersucht werden müssen, sagen Sie es ihr bitte.«
Ohne eine Reaktion seines Gegenübers abzuwarten, schob Heumann den Mann behutsam zur Seite, doch dessen harte Hand packte ihn erneut.
»Du wirst ihn retten, Doktor. Sein Name ist Amir Saad. A-m-i-r S-a-a-d!
Er ist mein Bruder. Wenn er stirbt, dann wird es für dich sehr ungemütlich, dann …«
Heumann riss sich hastig los und forderte in energischem Tonfall: »Lassen Sie uns unsere Arbeit machen! Der Ernst der Lage ist uns allen klar. Da bedarf es keiner Drohungen.«
Die Augen des Mannes funkelten ihn böse an. Doch ehe die Situation
eskalieren konnte, trat Oberschwester Magda Piontek resolut zwischen die beiden Männer.
»Sie folgen mir jetzt bitte!«, wandte sie sich an den Störenfried. »Herr Dr. Heumann, Sie werden jetzt dringend gebraucht.«
Heumann nickte erleichtert und lief an dem Mann vorbei in den Schockraum, während er sich fragte: Er hat den Namen des Patienten ausgesprochen, als müsste ich ihn kennen oder als würde er mir irgendetwas sagen. Amir Saad.
Doch der Chirurg konnte mit diesem Namen partout nichts anfangen.
Heumann hatte zu diesem Zeitpunkt noch nicht die geringste Ahnung, welche Konsequenzen sein Handeln für ihn und seine Familie nach sich ziehen würde.
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