51
Berlin-Grünau,
Wohnhaus von Dr. Fred Abel und Lisa Suttner, Schlafzimmer,
Donnerstag, 31. Juli, 01:43 Uhr
L
isa konnte nicht wieder einschlafen. Vor einer Stunde war sie aufgewacht und lag seitdem wach, innerlich aufgewühlt. Sie strengte sich an, die Geräusche im Dunkeln zu lokalisieren. Durch das geöffnete Fenster drangen die Sommerlaute der nächtlichen Insektenscharen vom Fluss herüber. Ein kontinuierliches Zirpen und Surren, das sich stetig steigerte, fast so, als würde dort draußen eine quirlige, kleine Stadt zum Leben erwachen. Ein Windstoß ließ die Kiefern im Garten aufseufzen. Das leise Rascheln der dünnen Bettdecke, auf der sich ihre Hände rastlos hin und her bewegten. Und Freds Atem. Tief, aber unregelmäßig. Es hörte sich an, als würde er zwischen den Atemzügen immer wieder die Luft anhalten, bis er schließlich, fast stöhnend, wieder ausatmete. Als hätte er Mühe, die Sorgen des Tages aus seinem Kopf durch seine Nase in die Freiheit zu entlassen.
Der gestrige Termin vor dem Familiengericht hat ihm schwerer zugesetzt, als er es sich eingestehen will, da bin ich mir sicher. Freddy ist zwar nach außen hin der coole, unnahbare Typ, aber innerlich nagt das Zerwürfnis mit Sabine Yao an ihm,
dachte Lisa und ließ ihre Hand hinüber zu Abel wandern, bis sie unter der Bettdecke seinen warmen Oberschenkel spürte.
Ihr Lebensgefährte zuckte bei der Berührung leicht, sog im Tiefschlaf die Luft hörbar wieder ein.
Lisa zog ihre Hand wieder zurück.
Soll ich ihn wecken? Ich halte es so nicht mehr aus. Vor der Verhandlung war er nicht ansprechbar. Vielleicht jetzt? Jetzt hat er keine Möglichkeit, sich mir zu entziehen, einem Gespräch aus dem Weg zu gehen …
Doch sie schob, Zentimeter für Zentimeter, die Hand wieder auf die Decke und verschränkte die Finger ineinander. Drehte ihren Ring. Den Ring, den Abel ihr vor ein paar Jahren geschenkt hatte. Er fühlte sich härter, fremder an als sonst.
Es wird sich alles ändern. Für mich, für Freddy, für uns,
dachte sie und prüfte, ob sich der Ring noch abziehen ließ. Keine Chance. Ihre Finger waren scheinbar von der Hitze des Tages geschwollen. Hitze, die auch in der Nacht kaum geringer wurde.
Werde ich das alles schaffen? Ich bin über vierzig. Was wird Fred sagen? Vermutlich wird er sich sehr freuen, auch wenn es für ihn die Veränderung seines ganzen Lebens bedeutet und er nicht der Flexibelste ist. Ob er lieber Vater eines Mädchens oder eines Jungen wird? Wir haben nie darüber gesprochen.
So viele offene Fragen, die sie seit Tagen immer drängender beschäftigten. Die in ihrer Wahrnehmung keinen Aufschub mehr duldeten.
Lisa hielt den Atem an, lauschte wieder. Obwohl sie sich anstrengte, in der Dunkelheit des Schlafzimmers etwas zu erkennen, sah sie nur Schwarz um sich herum.
Wir sind nicht mehr allein,
kam ihr wieder in den Sinn. Wir sind hier, jetzt, in dieser Sekunde, und auch in Zukunft nicht mehr allein. Aber so gern ich es auch möchte, ich muss mich noch etwas gedulden, bis ich es ihm sage. Zwei Fehlgeburten. Ich kann Freddy nicht Hoffnung machen, und dann geht es doch wieder schief. Noch knapp zwei Wochen bis Ende des dritten Monats …
Ihr Herz begann bei dem Gedanken unter dem ausgeleierten T-Shirt, das sie sich für die Nacht übergestreift hatte, heftig zu klopfen.
Sie atmete flach, versuchte, ihren Herzschlag zu beruhigen. Doch es half nichts – er schien die Bettdecke stoßweise anzuheben.
Ihr Magen krampfte sich plötzlich zusammen. O nein, nicht schon wieder!
Kalter Schweiß bildete sich auf ihrer Stirn. Ihr wurde schlagartig kühl. Vielleicht ist jetzt doch nicht der richtige Zeitpunkt.
Dann stieg Übelkeit in ihr auf. Hastig schlug sie die Decke zurück, schwenkte die nackten Füße aus dem Bett. Ihre Zehen verschwanden in dem dicken Flor des weichen Teppichs wie in einem sumpfigen Untergrund. Sie atmete tief ein und ging im Dunkeln schnell zur Schlafzimmertür, drückte die Klinke hinunter und eilte ins Bad.
Es war heute schon das vierte Mal, dass sie sich erbrechen musste.
Fred schlief ahnungslos weiter.
☠ ☠ ☠