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Berlin-Steglitz,
Charité – Campus Benjamin Franklin, Rettungsstelle,
Donnerstag, 31. Juli, 01:51 Uhr
H eumann saß zusammengesunken am Tisch des Aufenthaltsraumes. Er war völlig erschöpft und abgekämpft. Die letzte Tavor-Tablette, die er vor rund fünfundzwanzig Minuten eingeworfen hatte, tat ihr Übriges dazu, seinen Kreislauf herunterzufahren, und befeuerte die bleierne Müdigkeit, die seinen Körper erfasst hatte. Die letzten Stunden hatten dem Chirurgen und seinen Kollegen alles abverlangt, doch dann hatten sie den Kampf um das Leben des jungen Mannes mit der Schussverletzung erfolglos aufgeben müssen. Um 01:02 Uhr war Amir Saad für tot erklärt worden. Eigentlich war er bereits so gut wie tot, als er hier eingeliefert wurde, dachte Heumann. Wir haben nichts falsch gemacht. Ich kann mir nichts vorwerfen. Wir haben alles gegeben. Heumann hatte bereits instinktiv gewusst, dass der Versuch, den jungen Mann zu retten, aussichtslos sein würde, als er den grauen, leblosen Körper das erste Mal auf der Trage vor sich gesehen hatte. Dazu musste er weder die Werte der Blutgasanalyse noch den Hämatokrit des Patienten kennen. Dafür genügte ein Blick, er arbeitete lange genug in diesem Knochenjob. Das hatte er sich zu jenem Zeitpunkt vor etwas mehr als vier Stunden nur nicht eingestehen wollen. Doch im Schockraum hatten sich die Vitalparameter von Amir Saad immer weiter verschlechtert. Heumann, der Kollege aus der Traumatologie und ein eilig hinzugezogener Gefäßchirurg hatten zwar noch versucht, den von dem Projektil verursachten Gefäßwanddefekt der im Verlauf des Schusskanals gelegenen rechten Arteria subclavia – der unter dem Schlüsselbein gelegenen Arterie – mit einem Patch zu verschließen. Sie wollten zudem das Projektil, das sich an der Innenseite des rechten Schulterblattes befand, entfernen. Aber es war aussichtslos gewesen. Der Patient hatte schon zu viel Blut verloren, und auch vierundzwanzig Blutkonserven hatten den massiven Blutverlust nicht mehr auffangen können.
Oberschwester Magda Piontek stand an der Kaffeemaschine des Aufenthaltsraumes. Die Fältchen um ihre Augen hatten sich tiefer eingegraben, aber die Zweiundsechzigjährige versuchte offensichtlich, sich ihre Erschöpfung nicht anmerken zu lassen.
»In sechs Stunden ist Feierabend, Doc. Die Hälfte unserer Schicht ist geschafft. Und schlimmer kann es ja nicht werden.«
Das Schlürfen und Gluckern der Kaffeemaschine durchbrach die Stille.
»Ja. Schlimmer wird es heute Nacht definitiv nicht mehr«, erwiderte Heumann. Er rieb sich die Augen und gähnte so herzhaft, dass seine Kiefergelenke schmerzten.
»Schenken Sie mir bitte auch eine Tasse ein, wenn er durchgelaufen ist?«, fragte er.
Die Oberschwester nickte.
Durch das Fenster sah Heumann, dass es draußen abgesehen von dem Schein der Laternen stockdunkel war. Es war noch mitten in der Nacht. Aber in ein paar Stunden würde Isabell aufstehen, ihre gemeinsame Tochter für die Kita anziehen, ihr eine Schale Cornflakes hinstellen, ihre Snack-Box bestücken. Alles würde bei ihnen sein wie immer. Als ob nichts passiert wäre. Als ob es keine Rolle spielte, dass schon wieder ein Mensch unter meinen Fingern gestorben ist, ging es Heumann durch den Kopf. Wenn ich nur …
Aber seine Gedanken wurden jäh unterbrochen, als es plötzlich und ohne jegliche Vorwarnung direkt neben Magda Piontek ohrenbetäubend knallte. Die Oberschwester stieß einen schrillen Schrei aus, zuckte zusammen und ließ die gläserne Kaffeekanne mit einem weiteren lauten Knall auf den grauen Linoleumboden fallen, wo sich sofort ein halber Liter heißer Kaffee auf dem Boden und an der weißen Küchenzeile verteilte.
Auch Heumann fuhr der Schreck in die Glieder. Er sah sich um. Das Fenster! Etwas hat das Fenster getroffen! In dem dicken Sicherheitsglas zeichnete sich ein Rissmuster ab, das einem Spinnennetz glich.
»Was zum Teufel …?«, schrie Heumann, sprang intuitiv nach vorn, packte Magda Piontek an der Schulter und riss sie vom Fenster fort. Dabei verlor die Oberschwester auf dem vom Kaffee rutschigen Boden das Gleichgewicht, klammerte sich im Fallen an Heumann, und beide stürzten in die Kaffeelache.
Für einen kurzen Moment herrschte eine unheimliche Stille, ehe Magda Piontek mit atemloser Stimme sagte: »Was war denn das? Ein Vogel, oder …«
Heumann, der, auf dem feuchten Boden sitzend, zunächst ein paar Sekunden fassungslos auf das gesprungene Fenster gestarrt hatte und sich gerade wieder aufrappelte, erwiderte: »Ich weiß es nicht. Für einen Vogel war der Aufschlag zu heftig. Das klang eher nach etwas Hartem, wie eine Flasche oder ein Stein.«
Er bot der Oberschwester seine Hand, die sie dankbar ergriff, und half ihr aufzustehen. Dabei spürte Heumann deutlich das Zittern in Magda Pionteks Körper und versuchte krampfhaft, sich davon nicht anstecken zu lassen. Keine Panik, ruhig bleiben!
Von draußen waren jetzt mehrere gellende Autohupen zu hören. Im selben Moment öffnete ein Pfleger die Tür des Aufenthaltsraums. In seinem Gesicht stand Angst geschrieben, und seine Stimme überschlug sich. »Wir haben vorn im Eingangsbereich der Rettungsstelle ein echtes Problem!«
»Was ist los?«, fragte Heumann und bereute, dass ihn die Chemie der gerade erst eingeworfenen Tavor-Tablette nicht richtig wach werden ließ. Er schaute an sich hinunter. Seine weiße Hose war über und über mit bräunlichen Kaffeeflecken bedeckt. Der Pfleger, den Kopf immer noch im Türrahmen, schaute ihn mit vor Angst geweiteten Augen an.
»Vor der Tür randalieren sie! Die haben mit Autos die Zufahrt zur Rettungsstelle blockiert und lassen keine anderen Patienten durch. Zwei Notarztwagen mit Notfallpatienten mussten schon wieder umdrehen und ins Westend-Klinikum fahren. Der ganze Eingangsbereich ist voll mit Angehörigen und Freunden des Toten!«
Heumann und Magda Piontek sahen den Pfleger fragend an.
»Na, der Patient, der mit dem Heli aus Brandenburg gekommen ist. Das Schussopfer. Der vorhin im OP verstorben ist. Das sind alles Verwandte und Freunde von ihm vorn in der Rettungsstelle! Und vor der Tür stehen auch noch massenhaft Leute. Und jetzt fangen die an, uns die Scheiben einzuschmeißen!«
»Ist die Polizei alarmiert? Was ist mit unserem Sicherheitsdienst?«, wollte Heumann wissen.
»Die Polizei ist unterwegs. Der Sicherheitsdienst ist heillos überfordert. Was sollen auch zwei Mann gegen zwanzig oder dreißig wild gewordene Kerle ausrichten?«
Mit diesen Worten verschwand der Kopf des Pflegers wieder aus dem Türrahmen. Das Geräusch seiner schnellen Schritte verhallte auf dem Flur.
Heumann und Magda Piontek blickten sich einige Sekunden lang wortlos an.
In Heumanns Hirn verknüpften sich die Synapsen. Der Bruder des Schussopfers … Der Typ, der mir vor dem Schockraum gedroht hat.
»Schwester Magda, der Mann, der mich vorhin vor dem Schockraum angesprochen und aufgehalten hat, der schwarz gekleidete Typ mit der heiseren Stimme … Hat der noch irgendetwas zu Ihnen gesagt? Wissen Sie, wo der abgeblieben ist?«
Die Oberschwester schüttelte zitternd den Kopf. »Er wollte nicht in den Wartebereich. Hat irgendetwas in einer Sprache gesagt, die ich nicht verstanden habe, und ist dann gegangen. Vielleicht war das Arabisch. Ich schätze, er hat die Rettungsstelle verlassen. Aber ehrlich gesagt habe ich mich nicht mehr um ihn gekümmert. Nett hörte sich das, was er zu mir sagte, jedenfalls nicht an.«
»Okay.« Heumann trat in den langen Korridor, der die einzelnen Behandlungsräume, den Schockraum und den Wartebereich der Rettungsstelle miteinander verband und von dem auch der Personalaufenthaltsraum abging. Im selben Moment drang der Lärm aus dem Eingangsbereich der Rettungsstelle zu ihm. Der Arzt ließ die immer noch leicht zitternde Oberschwester im Aufenthaltsraum zurück und lief den von Neonröhren taghell erleuchteten Flur hinunter. Er spürte, wie das in seine Blutgefäße einströmende Adrenalin in seinem Körper die Kontrolle übernahm, sein vegetatives Nervensystem von Ruhe- in Alarmzustand schaltete und die Wirkung des Tavor und die damit verbundene Müdigkeit aushebelte. Alle seine Sinne waren geschärft, als er in Richtung des Tumults rannte.
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Der Pfleger hatte keinesfalls übertrieben: Das Foyer war mit Menschen überfüllt. Heumann erkannte einen der Mitarbeiter des privaten Sicherheitsdienstes ihrer Klinik in einer Ecke des Eingangsbereiches, der Schutz suchend die Hände erhoben hatte. Über die linke Gesichtshälfte des Mannes lief in zwei dicken Strömen Blut aus einer Wunde, die sich an seiner Stirn oder in der Augenbraue befinden musste.
Im Foyer gestikulierten und schrien etwa dreißig bis vierzig Personen wild durcheinander: Patienten, Ärzte, Schwestern und zahlreiche überwiegend dunkel oder ganz in schwarz gekleidete, arabisch aussehende Männer. Auffällig viele von ihnen trugen Vollbärte und Basecaps.
Das Ganze hatte etwas Aberwitziges. Die Menschentraube wogte wellenartig wie ein dicht gedrängter Schwarm Fische hin und her.
Heumann versuchte, die Lage zu überblicken, aber das Chaos war unglaublich und der Lärm, der von dieser Menschenansammlung ausging, unbeschreiblich.
Durch die gläserne Automatiktür am Eingang verliefen mehrere große Risse. Das Sicherheitsglas war zwar nicht gebrochen, wölbte sich jedoch gefährlich nach innen.
In der Menschentraube erkannte Heumann den Mann, der sich ihm vor dem Schockraum als Bruder des mittlerweile Verstorbenen zu erkennen gegeben hatte. Er war anscheinend der Rädelsführer der Gruppe, von der ein gewaltiges Aggressionspotenzial auszugehen schien. Drohungen mit den Fäusten und ein Schwall von Flüchen und Beleidigungen, die die jungen Männer ausstießen, waren dabei noch das kleinere Übel. Immer wieder stießen Arme in Richtung der Klinikmitarbeiter.
Nur ein Funke noch, und die Situation eskaliert vollends. Wo bleibt bloß die Polizei?
»Stopp! Was ist hier los?«, brüllte Heumann beherzt und näherte sich der aufgeheizten Menschenansammlung, die immer tiefer ins Foyer vordrang. Er überlegte, ob sein mutiges Eingreifen nicht vielleicht doch etwas zu riskant war, aber beim Anblick der Patienten im Wartebereich, seiner Patienten, von denen einige hinter den Bänken Schutz suchten und ab und zu verängstigt über die Lehnen schauten, wusste er, dass er irgendetwas unternehmen musste, um dem Tumult Einhalt zu gebieten.
Heumann hörte ein Schluchzen, das er jedoch keiner Person zuordnen konnte. Spontan hob er eine auf dem Boden liegende Gehhilfe auf, die irgendjemand dort verloren haben musste, und bahnte sich einen Weg in die Mitte der pulsierenden Menschenmenge. Und da war er: der Bruder des Verstorbenen. Der Wortführer der Gruppe. Heumann war nur noch wenige Meter von ihm entfernt. Noch hatte er ihn nicht bemerkt, da er gerade wild vor einer jungen Ärztin mit Kopftuch gestikulierte, die anscheinend auf Arabisch versuchte, ihn zu beschwichtigen. Heumann näherte sich von der Seite, schob beherzt breite Schultern zur Seite.
Als der Arzt den Rädelsführer fast erreicht hatte, um ihn anzusprechen und zur Räson zu bringen, schlug dieser der jungen Ärztin mit der flachen Hand ins Gesicht.
»Schlampe«, hörte Heumann noch, dann reagierte er instinktiv und ohne weiter darüber nachzudenken: Er stieß dem Schläger mit einem Ausfallschritt das untere Ende der Krücke in die linke Flanke. Der schwarz gekleidete Mann taumelte heftig nach rechts, fing sich jedoch innerhalb von Sekundenbruchteilen wieder.
Die Männer um ihn herum begriffen sofort, wer ihren Anführer attackierte, und gingen auf Heumann los. Wütende Männer beschimpften ihn wild, umstellten ihn. Etwa ein Dutzend Hände begannen, ihn zu schubsen und nach ihm zu schlagen. Da hörte Heumann zu seiner Erleichterung im Hintergrund mehrere Martinshörner, die schnell lauter wurden. Auch seine Angreifer schienen das Nahen der Einsatzkräfte zu registrieren, denn ihre Attacken auf Heumann ließen merklich nach.
Der Anführer mit dem stechenden Blick hatte sich indessen von Heumanns Stoß mit der Krücke erholt. Er baute sich vor Heumann auf. »Ich hatte dich gewarnt, du Hurensohn!«, schrie er. Seine heisere Stimme überschlug sich mehrfach. »Ihr habt ihn sterben lassen! Er ist tot! Du hast meinen Bruder Amir umgebracht, du Sohn einer räudigen Hündin!«
In Erwartung eines Schlags oder Kopfstoßes hielt Heumann schützend die Krücke vor sich, denn ein Rückzug war in diesem Gewühl unmöglich. Aber sein Gegenüber unternahm nichts dergleichen. »Du bist dran, du stinkender Kelb . Aber nicht heute. Ich finde dich!« Er stieß die Worte förmlich aus, während er sich immer wieder suchend im Foyer der Rettungsstelle umblickte, das mittlerweile in ein blaues Flackerlicht getaucht war.
Heumann hatte erneut den süßlichen, exotischen Tabakgeruch des Mannes in der Nase, wie bei ihrer ersten Begegnung vor dem Schockraum. Er war froh, dass jetzt zahlreiche Streifenbeamten mit gezogenen Waffen in die Rettungsstelle stürmten. Ihnen folgten etwa zwanzig Beamte, die er aufgrund ihrer Protektoren und Helme als Mitglieder einer Einsatzhundertschaft identifizierte, die augenblicklich Stellung bezogen und einen engen Kreis um den Menschenpulk bildeten.
Dann ertönte ein schrilles Pfeifen, und es erfolgte eine knarzende Durchsage aus einem Megafon. »Hier spricht die Polizei. Bitte verhalten Sie sich ruhig. Niemand verlässt den Bereich. Wir führen jetzt eine Maßnahme zur Personenüberprüfung durch.«
Einige der arabischen Männer versuchten, die Polizeilinie zu durchbrechen, jedoch ohne Erfolg. Sie wurden von den Bereitschaftspolizisten, die sich inzwischen strategisch gut vor sämtlichen möglichen Fluchtwegen positioniert hatten, augenblicklich niedergerungen. Die Beamten drückten die schreienden und heftige Gegenwehr leistenden Männer bäuchlings auf den Boden, während weitere Einsatzkräfte durch die Eingangstür der Rettungsstelle nachrückten, und fixierten die Handgelenke der Festgenommenen hinter ihrem Rücken mit Kabelbindern.
Mit einem zynischen Lächeln, das eine Reihe weißer Zähne unter seinem akkurat gestutzten Vollbart aufblitzen ließ, hob der Anführer, der im Gegensatz zu den meisten seiner Begleiter keine Anstalten machte, zu fliehen, langsam die Hände über seinen Kopf. Dabei hielt er fortwährend Blickkontakt zu dem direkt vor ihm stehenden Heumann, er starrte ihn hasserfüllt an, fast so, als wolle er ihn mit seinen Blicken durchbohren. Schließlich traten zwei Bereitschaftspolizisten hinter den Mann und rissen seine Arme nach hinten. Erst als er unter Flüchen von den Beamten zu Boden gebracht worden war, endete der Blickkontakt zwischen Heumann und seinem Widersacher.
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