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Berlin,
Treptowers, BKA-Einheit »Extremdelikte«, Besprechungsraum,
Donnerstag, 31. Juli, 7:34 Uhr
H
orst Markwitz hatte sich von seiner Körperfülle her beinahe halbiert, seit Abel ihn vor etwa zwei Jahren zum letzten Mal gesehen hatte. Damals war der Ermittler noch in einer der Berliner Mordkommissionen des LKA 1 »Delikte am Menschen« tätig gewesen. Beim LKA 1 war Markwitz nicht nur als kriminalistisches, sondern auch als körperliches Schwergewicht bekannt gewesen. Nun wirkte der einundfünfzigjährige Hauptkommissar, der vor zwei Jahren zum LKA 4, Organisierte Kriminalität, versetzt worden war, drahtig, im Gesicht fast schon hager.
Abel musste an eine ihrer intensivsten beruflichen Begegnungen vor etwas mehr als vier Jahren zurückdenken – die Jagd auf den Miles-&-More-Killer. Damals war Okyar, der sich mittlerweile zu einem bei seinen Kollegen im LKA 1 geschätzten Mordermittler entwickelt hatte, noch Polizeischüler und Praktikant in Markwitz’ Mordkommission gewesen.
Abel und Markwitz hatten sich freundlich begrüßt und einen kurzen Small Talk gehalten, ehe Professor Paul Herzfeld hereingestürmt war und die allmorgendliche Frühbesprechung eröffnet hatte. Markwitz saß auf dem Stuhl neben Herzfeld. Das weiße Licht des Beamers, der noch kein Bild auf die Leinwand des Besprechungsraumes projizierte, strahlte die Gesichtskonturen des Hauptkommissars von der Seite her
an und unterstrich seine kantige Wangenpartie.
Abel blickte in die Runde – alle ärztlichen Kollegen der rechtsmedizinischen Abteilung »Extremdelikte« und die Sekretärin Renate Hübner hatten sich auf ihren Plätzen eingefunden. Auch Sabine Yao war anwesend, vor sich eine Porzellantasse mit dampfendem Tee, der den ganzen Raum mit seinem bitteren Aroma erfüllte. Es kam Abel in diesem Moment so vor, als hätte der gestrige Eklat vor dem Familiengericht mit den daraus resultierenden Konsequenzen für Mailin Zhou – für ihre ganze Familie – nie stattgefunden. Sabine Yao wirkte frisch und aufgeräumt und hatte Abel sogar mit der Andeutung eines Lächelns einen »Guten Morgen« gewünscht, als er den Besprechungsraum betrat. Sie trug eine weiße Bluse und einen hellen Rock, und ihre schwarzen Haare fielen ihr heute offen auf die Schultern.
Abel war erleichtert, dass sie sich offenbar stumm darauf zu einigen schienen, die jüngere Vergangenheit nicht mehr ihren gemeinsamen Arbeitsalltag stören zu lassen und ihr eigentlich freundschaftliches kollegiales Verhältnis nicht weiter zu strapazieren. Ob er sich damit allerdings verschätzte und das, was er in Sabine Yaos Auftreten an diesem Morgen hineininterpretierte, vielleicht eher sein Wunschdenken war, vermochte Abel jedoch nicht abschließend zu sagen.
Gedankenverloren rührte er in seiner Kaffeetasse. Die Nacht war kurz gewesen. Er war erst kurz nach 0:30 Uhr morgens zu Lisa ins Bett gekrochen und hatte nicht nur wenig, sondern auch unruhig geschlafen. Einmal war er wach geworden, weil Lisa auf dem Weg ins Bad etwas zu geräuschvoll die Klinke der Schlafzimmertür hinuntergedrückt hatte. Sicherlich hatte sie am Abend zuvor mal wieder zu viel Wasser getrunken, dann musste sie ständig raus.
Murau dämmerte zurückgelehnt in seinem Stuhl vor sich hin und betrachtete abwesend die Finger seiner rechten Hand, fast so, als
würde er sie heute Morgen zum allerersten Mal sehen.
»Guten Morgen, Kollegen«, wandte sich Herzfeld nun an sein Team. »Bei uns ist heute Hauptkommissar Markwitz vom LKA 4, Organisierte Kriminalität. Er wird uns allen gleich einen Überblick über die Lage geben, in der wir uns nicht erst seit letzter Nacht befinden. Ein solcher Lagebericht der OK war schon lange geplant, doch nun gab es in der vergangenen Nacht zwei Ereignisse, von denen eines zumindest für das BKA und damit für uns ein Fall ist. Aber dazu gleich mehr. Bitte, Herr Markwitz.«
»Es gab heute Nacht einen alarmierenden Vorfall in der Rettungsstelle der Charité im Klinikum Benjamin Franklin«, begann Markwitz. »Mitglieder einer – sagen wir mal – problematischen arabischen Großfamilie haben die Rettungsstelle der Charité gestürmt. Bedrohung, Körperverletzung, Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch. Diese Aufzählung ließe sich anhand des Strafgesetzbuches noch erweitern.« Markwitz räusperte sich und sah in die Runde. Dann nickte er Herzfeld zu, der daraufhin die Fernbedienung des PCs betätigte.
Auf der Leinwand erschien das überdimensionale Porträtfoto eines Mannes, der grimmig in die Expertenrunde zu starren schien. Er war Mitte bis Ende zwanzig und hatte mittellanges schwarzes Haupthaar, das zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden war. Die Kopfhaare im Schläfenbereich waren rasiert.
»Das ist Amir Saad. Oder vielmehr, das war
Amir Saad, der Auslöser für die Krawalle«, knüpfte Markwitz an seine vorherigen Ausführungen an. »Amir Saad wurde gestern in einem Privathaus in Groß Köris, einer kleinen brandenburgischen Ortschaft vor den Toren Berlins, tödlich mit einer Schusswaffe verletzt. Reanimation vor Ort durch den Notarzt. Dann mit dem Hubschrauber nach Berlin. Not-OP in der Charité, diese aber erfolglos.«
»Er liegt in Sektionssaal Nummer zwei«, schaltete sich Herzfeld ein.
Murau, der mit einem Schlag aus seinem Dämmerzustand erwacht war, rief in die Runde: »Clan-Kriminalität! Ich bin medial bestens informiert, was sich hier in Berlin gerade so zusammenbraut. Ich kann Folgendes berichten: Seit …«
»Der Begriff Clan-Kriminalität
ist eine Sache der Definition«, unterbrach Markwitz den österreichischen Assistenzarzt ungehalten. »Und auch die Definition davon, was einen Clan eigentlich ausmacht, ist nicht unstrittig. Nicht jede arabische Großfamilie ist ein krimineller Clan. Wir bei der OK sprechen von problematischen
arabischen Großfamilien, der Begriff Clan
ist eher journalistisch belegt, auch wenn wir ihn trotzdem häufig benutzen. Aber vielleicht ist Ihre Nachfrage zum jetzigen Zeitpunkt ganz passend. Ich hole mal ein bisschen weiter aus«, fuhr der Kriminalhauptkommissar jetzt in etwas versöhnlicherem Tonfall fort. »In Berlin haben wir es mit zwölf problematischen arabischen Großfamilien zu tun. Raub, Prostitution, Drogenhandel, Immobiliengeschäfte und die mit letzterem Geschäftszweig verbundene Geldwäsche sind die zentralen Betätigungsfelder dieser Familien. Geld aus Straftaten fließt in die Herkunftsländer zurück – wobei es sich bei unseren in Berlin ansässigen Großfamilien fast ausschließlich um den Libanon handelt – und wird von dort aus wieder in Immobilien in Berlin gesteckt. Das Geld ist damit gewaschen.«
»Wie bei der Mafia«, brachte sich Murau erneut ein.
»Nein, ganz und gar nicht wie bei der Mafia«, konterte Markwitz. »Die Mafia ist in der Regel unsichtbar, die Fäden werden im Hintergrund gezogen, nichts dringt aus dem inneren Zirkel heraus. Die Mafia legt großen Wert darauf, nicht in der Öffentlichkeit in Erscheinung zu treten. Im Gegensatz zu den Clans, die auf dicke Hose machen, wo sie nur können. Die Großfamilien zeigen gern, was sie haben. Protzen damit rum. Dicke Karren, teure Uhren. Und das, obwohl sie fast alle irgendwelche Sozialleistungen vom deutschen
Staat beziehen. Sie schmücken sich auch gern mit Prominenten, die blöd genug sind, sich mit Mitgliedern von Großfamilien wie den Saads fotografieren zu lassen. Und nebenbei wird ab und zu noch mal eine Knalltüte von Rapper ausgenommen, der sich selbst für einen echten Gangster hält, aber nicht weiß, auf welches Kaliber er sich da einlässt. Und damit kommen wir zurück zu letzter Nacht.«
Markwitz sah erneut in die Runde im Besprechungsraum. »Amir Saad verstarb wenige Stunden nach seiner Aufnahme in der Rettungsstelle der Charité. Er war ein einflussreiches Führungsmitglied des Saad-Clans, einer kriminellen, aus dem Libanon stammenden Großfamilie. In den Achtzigerjahren nach Westberlin gekommen. Und dann machten die Familienmitglieder der Saads letzte Nacht das, was sie genauso gut können wie stehlen und rauben: Sie stifteten Aufruhr, sozialen Unfrieden. Sie verletzten Sicherheitspersonal der Klinik, schüchterten Patienten und medizinisches Personal ein und hinterließen ein Schlachtfeld. Der Rädelsführer der gestrigen Aktion im Klinikum Benjamin Franklin war Abdelkarim Saad, ein Bruder des Erschossenen. Abdelkarim ist im Saad-Clan sozusagen der Mann fürs Grobe, aber dazu komme ich gleich noch.«
Alle im Raum lauschten den Ausführungen des Kriminalhauptkommissars gespannt, es herrschte absolute Stille, nur untermalt von dem Surren des Beamers. Einzig Murau räusperte sich geräuschvoll und hob dann, wie ein Gymnasiast im Unterricht, die Hand. Herzfeld verdrehte die Augen. Nicht nur er befürchtete wohl, dass sich der Kollege auch an diesem Morgen bemüßigt fühlen würde, das Ruder an sich zu reißen und mit irgendwelchen Anekdoten aufzuwarten.
»Herr Murau? Was gibt es denn? Wir müssen im Anschluss auch noch die anderen Fälle des Tages besprechen. Bitte fassen Sie sich kurz«, forderte Herzfeld.
»Mich würde der Vollständigkeit halber interessieren, was man bisher zu den Hintergründen der Tat weiß«, sagte Murau in leicht beleidigtem Tonfall. »Weiß man, wer auf das Clan-Mitglied geschossen hat?«
»Auf Amir Saad wurde, wie schon gesagt, in einem Privathaus in Groß Köris in Brandenburg geschossen. Ein Begleiter von ihm verständigte gegen 21:10 Uhr den Notruf. Das Haus, in dem Saad dann schwer verletzt aufgefunden wurde, gehört einem ehemaligen Boxpromoter. Hermann Lübben, falls der Name hier noch jemandem etwas sagt.«
»Den kennen wir doch, Herr Abel«, stieß Scherz, an Abel gewandt, im Flüsterton hervor.
Auch Abel war mittlerweile hellwach, bedeutete seinem Kollegen Scherz aber mit einem energischen Kopfschütteln, die gestrige Sektion von Moritz Lübben und die Informationen, die sie von Okyar über Hermann Lübben, den Vater des im Boxsack zu Tode geprügelten Mannes, am Sektionstisch erfahren hatten, nicht in dieser Runde zur Sprache zu bringen. Er musste unbedingt Moewig über diese neuen Entwicklungen im Fall Lübben informieren.
Markwitz, der Scherz’ Bemerkung entweder nicht gehört hatte oder ihr zumindest keine weitere Bedeutung beimaß, fuhr unbeirrt fort: »Der ehemalige Boxpromoter Hermann Lübben ist auch derjenige, bei dem es sich nach unseren ersten Erkenntnissen um den Schützen handelt. Er hat sich kurz darauf mit derselben Waffe, aus der auch auf Amir Saad geschossen wurde, das Leben genommen. Hermann Lübbens Sohn war offensichtlich in kriminelle Machenschaften mit der Familie Saad verstrickt. Was genau da lief und wie es dann dazu kam, dass Amir Saad und Lübben senior aufeinandertrafen, müssen wir nun ermitteln.«
Abel durchfuhr das eben Gehörte wie eine Schockwelle.
»Übrigens werden wir Lübben nicht auf unseren Sektionstisch
bekommen. Aufgrund seines Todesortes in Brandenburg sind die Kollegen vom Landesinstitut in Potsdam für die Untersuchung seines Leichnams zuständig«, schaltete sich Herzfeld wieder ein.
»Für Sie ein kleiner Exkurs zum Lagebild«, nahm Hauptkommissar Markwitz jetzt den Faden wieder auf. »Berlin hat vier Probleme – alle beginnen mit einem A und heißen mit Nachnamen Saad. Die vier Saad-Brüder haben sich, nachdem sie als Kinder aus dem Libanon nach Berlin gekommen sind, hier in den Folgejahren ganz gut zurechtgefunden. Asad, Abdelkarim, Abadi und Amir – der jetzt das Zeitliche gesegnet hat. Jeder ein Könner auf seinem Gebiet. Gemeinsam machen sie in Drogenhandel, Prostitution, Diebstahl, Hehlerei und sind auch in der Türsteherszene aktiv. Der Mann fürs Grobe, der hinter den anderen Saads aufräumt, ist wie gesagt Abdelkarim Saad, der gestern Abend in der Rettungsstelle der Charité vorläufig festgenommen wurde. Asad Saad, der älteste der vier Brüder, ist das Oberhaupt der Familie, die hier in Berlin allein etwa dreihundert Mitglieder zählt. Die Bremer und Duisburger Ableger nicht mitgerechnet. Der Spitzname von Clan-Chef Asad Saad ist ›der Löwe‹.« Markwitz schnaufte verächtlich. »›Der Schakal‹ oder ›die Natter‹ wäre allerdings wohl passender«, schob er nach.
Der Löwe! Verdammt. Hier schließen sich einige Kreise, oder vielmehr tun sich einige Abgründe neu auf – je nachdem, aus welcher Perspektive man es betrachtet,
befand Abel bei dem Gedanken an den kunstvoll gravierten Löwenkopf auf der Klinge des Dolchs, den er am Vortag dem toten ghanaischen Dealer aus dem Kopf gezogen hatte.
»Asad Saad ist bisher – im Gegensatz zu seinen drei jüngeren Brüdern oder der übrigen Verwandtschaft – nie strafrechtlich in Erscheinung getreten. Aber er ist unstrittig das Oberhaupt der Familie. Sein erklärtes Ziel ist es, den aus dem ehemaligen Ostblock stammenden Banden und den afrikanischen Dealern in Berlin ihre Gebiete abzunehmen, um dort den Drogenhandel zu dominieren.«
Das deckt sich mit dem, was Murau mir gestern im Sektionssaal erzählt hat,
überlegte Abel.
Markwitz wandte sich jetzt direkt an ihn. »Ich kenne Ihren gestrigen Bericht zu dem Dolch mit der Löwen-Gravur, der im Kopf des Ghanaers aus dem Engelbecken steckte, Herr Abel. So grüßt der Löwe die afrikanischen Straßendealer, die ihren Bereich nicht freiwillig verlassen. Aber das zu beweisen …«
Markwitz brachte den Satz nicht zu Ende, stattdessen zuckte er nur resigniert mit den Schultern. Auch die Mitarbeiter des LKA 4 schienen noch keine Möglichkeit gefunden zu haben, eine direkte Verbindung zwischen dem in Berlin tobenden Drogenkrieg und dem Löwen herzustellen. Zumindest keine so belastbare Verbindung, dass sie nicht von den hochbezahlten Staranwälten der Saads vor Gericht in der Luft zerpflückt wurde.
Herzfeld sagte: »Was uns nun zu unserem Problem bringt. Die Berliner Ermittlungsbehörden fürchten einen Krieg in der Unterwelt, der innerhalb kürzester Zeit aus einem Schwelbrand einen Flächenbrand machen könnte, sollte die Situation weiter eskalieren. Und das über die Berliner Landesgrenzen hinaus. Denn da ist noch etwas. Herr Markwitz, bitte berichten Sie uns jetzt auch noch von dem weiteren Ereignis in der vergangenen Nacht.« Mit einer Geste bedeutete der Chef der »Extremdelikte« dem Ermittler, fortzufahren.
Marktwitz räusperte sich. »Einem Cousin zweiten Grades der Saad-Brüder wurde heute in den frühen Morgenstunden in einem Gefängnis in Detmold von einem Mitinsassen ein Auge herausgestochen, Tatwerkzeug eine angespitzte Zahnbürste. Kein Zufall, nehmen wir bei der OK an. Falls das in keinem direkten Zusammenhang mit dem toten Dealer aus Ghana steht, so hat dieser Angriff zumindest etwas mit unserem Berliner Drogenkrieg zu tun, denn der Mann, der den Cousin der Saads zum Zyklopen gemacht hat, stammt ebenfalls aus Ghana.«
»Was uns hier in Berlin angeht, war der Angriff auf die Mitarbeiter
und Patienten der Charité im Benjamin-Franklin-Klinikum nur die erste Eskalationsstufe. Ein Anwalt der Familie Saad hat bereits heute Morgen im Büro des Generalstaatsanwalts angekündigt, dass er den Notarzt, der in Groß Köris den später verstorbenen Amir Saad versorgte, die gesamte Besatzung des Rettungshubschraubers, die gesamte Nachtschicht der Rettungsstelle sowie die Geschäftsführung der Charité mit Klagen wegen fahrlässiger Körperverletzung und Beihilfe zum Mord durch Unterlassen überziehen wird. Deshalb werden Sie, Frau Kollegin Yao, und du, Fred, direkt im Anschluss an unsere Besprechung die Leiche von Amir Saad speziell unter diesem Gesichtspunkt obduzieren. Waren die von den einzelnen Notärzten ergriffenen medizinischen Maßnahmen adäquat? Hätte man, wenn eine andere Art der medizinischen Versorgung oder ein anderes operatives Vorgehen in der Rettungsstelle der Charité gewählt worden wäre, von einem Überleben oder zumindest einer längeren Überlebenszeit von Amir Saad ausgehen können?«, sagte Herzfeld.
Sabine Yao nickte kaum merklich und zog die Augenbrauen hoch. Das Ergebnis würde durchaus politische Tragweite haben.
Herzfeld atmete schnaufend aus. »Die Generalstaatsanwaltschaft wird uns sicherlich heute noch auf die Füße treten und erste Resultate verlangen. Herr Markwitz, danke für Ihren Besuch und die wichtigen Hintergrundinformationen, die Sie uns gegeben haben.«
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Nachdem Markwitz, von Renate Hübner begleitet, den Besprechungsraum verlassen hatte, wandte sich Herzfeld an seine Mitarbeiter.
»Es warten noch zwei weitere Fälle auf uns. Aber zunächst will ich Ihnen eine Information nicht vorenthalten, die ich gestern Abend von den Kollegen vom LKA per E-Mail erhalten habe. Es geht um die komplett mumifizierten Toten aus dem alten Hindutempel von Anfang
der Woche. Die beiden sind mittlerweile über ihre DNA identifiziert worden. Es handelt sich um das Hausmeisterehepaar, das früher für den Tempel verantwortlich war und wenige Wochen nach Schließung des Tempels spurlos verschwand. Das war vor knapp vier Jahren. Die genaueren Umstände des Verschwindens der beiden älteren Herrschaften – sie waren wohl Ende sechzig – sind derzeit noch Gegenstand der Ermittlungen der Kollegen vom LKA. Wobei man mittlerweile nicht mehr von einem Kapitaldelikt, sondern von einer Familientragödie ausgeht. Dazu passt auch das von den Kollegen Roth und Murau festgestellte Fehlen jeglicher äußerer Verletzungen, was trotz der fortgeschrittenen Mumifikation ja noch gut nachweisbar war. Jetzige Arbeitshypothese ist ein gemeinsamer Suizid. Die Toxikologie bei Kollege Fuchs läuft noch. »Gut, Herrschaften. Was haben wir noch für heute?« Herzfeld betätigte die Fernbedienung, und auf der Leinwand verschwand das Foto des toten Amir Saad, der die Anwesenden die ganze Zeit über weiterhin grimmig angestarrt hatte, und es erschien das Foto einer Air-France-Passagiermaschine, das Herzfeld allerdings nur wenige Sekunden stehen ließ. Er betätigte die Fernbedienung erneut, und auf dem nächsten Foto war ein dunkelhäutiger Jugendlicher in gelben Shorts, einem blauen T-Shirt und ohne Schuhe in eigenartig gekrümmter Lage in der Öffnung des Flugzeugbauches zu sehen, oberhalb des ausgefahrenen Fahrwerks. »Dieser noch nicht identifizierte Jugendliche wurde gestern Morgen von Bodentechnikern in Schönefeld im Fahrgestellkasten eines aus Tunis kommenden Air-France-Fluges entdeckt. Erfroren.«
»In der üblichen Reisehöhe von 10000 Metern bei Passagierflugzeugen herrschen minus 50 Grad Celsius. Vom Sauerstoffmangel mal abgesehen, kann ein Mensch bei derartigen Umgebungstemperaturen höchstens …«, schaltete sich Murau ein.
»Danke, Herr Kollege Murau. Hier ist die dazugehörige Akte«, unterbrach Herzfeld den Österreicher barsch und schob ihm einen
korallenroten Schnellhefter über den Tisch. »Sie sind genau der Richtige für diesen Fall. Frau Roth, Sie unterstützen unseren Thermoregulationsfachmann bitte bei der Obduktion. Und wir machen direkt weiter.«
Herzfeld schien es jetzt eilig zu haben. Er klickte die nächsten Bilder, die den toten blinden Passagier in verschiedenen Übersichts- und Detailaufnahmen und nach seiner Bergung aus dem Fahrgestell auf dem Boden des Flughafengeländes in einem noch nicht geschlossenen Leichensack zeigten, direkt weiter, bis ein Röntgenbild aus dem Computertomografen der Abteilung »Extremdelikte« zu sehen war.
Abel hörte nur noch mit einem Ohr zu. Er würde von Herzfeld zu keinem dieser beiden Fälle eingeteilt werden und hielt es für geboten, Moewig so schnell wie möglich über die neuesten Entwicklungen im Fall Lübben, nämlich über den Tod seines Mentors aus Jugendzeiten, zu informieren. Ohne das Geschehen um ihn herum im Besprechungssaal weiter zu verfolgen, tippte er eine kurze SMS in sein Blackberry. Moewig hatte ihm am Abend zuvor, als er sich in Abels Büro eines von dessen Hemden ausgeborgt hatte, kurz über sein früheres Verhältnis zu Hermann Lübben und auch über sein Wiedersehen mit dem alten Förderer am gestrigen Vormittag unterrichtet.
»Der dritte Fall für heute: Bauschaum, rektal appliziert«, referierte Herzfeld ungerührt weiter und registrierte anscheinend amüsiert die fragenden Gesichter seiner Mitarbeiter.
»Die CT-Bilder liegen schon vor, Herr Vogel hat den Leichnam heute Morgen durch den Computertomografen geschoben.« Er betätigte die Fernbedienung erneut. Auf der Leinwand erkannte Abel jetzt das Röntgenbild eines Magen-Darm-Trakts in Großaufnahme. Nur dass das, was sich den anwesenden Medizinern jetzt darstellte, sehr deutlich von einem Normalbefund abwich.
»Irgendjemand hat diesem Neuköllner Rentner, der vermutlich im Strichermilieu verkehrte und Jungs vom Schwulenstrich mit nach Hause nahm, den Enddarm und die sich daran anschließenden Dickdarmanteile mit Bauschaum austamponiert«, erklärte Paul Herzfeld das Röntgenbild. »Das LKA tappt noch ziemlich im Dunkeln, aber dass es Fremdeinwirkung war, daran ergibt sich aufgrund des Spurenbildes in seiner Wohnung kein Zweifel. Genauer gesagt ist sein Rektum vom Schließmuskel an austamponiert mit …« – Herzfeld nahm die vor ihm liegende Akte zur Hand und las laut daraus vor – »… mit Einkomponenten-Montageschaum, bestehend aus Isocyanat und Polyol. Dass unser Opfer nicht an einem Darmverschluss verstorben ist, liegt wohl auf der Hand. Woran er gestorben ist, finden Sie, Frau Rath und Sie, Kollege Scherz, bitte heraus. Hier ist die Akte. Kollege Tomski ist auf Stand-by, falls es eine Sofortobduktion gibt. Auf geht’s, an die Arbeit.«
Abel sah von seinem Blackberry auf, als sich die Kollegen erhoben und ihre Stühle dabei geräuschvoll nach hinten schoben.
Er hatte nur vier kurze Sätze an Moewig geschrieben und die Nachricht soeben abgeschickt. Alles Weitere würde er seinem Freund persönlich berichten.
Der Löwe hat gebrüllt. Hermann Lübben ist tot.
Sei vorsichtig. Saad-Clan.
Dann verließ er mit seinen Kollegen den Besprechungsraum und eilte zum Sektionssaal.
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