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Berlin,
Treptowers, BKA-Einheit »Extremdelikte«, Büro Dr. Fred Abel,
Donnerstag, 31. Juli, 16:03 Uhr
A bel las das von dem neuen automatischen Spracherkennungssystem der Abteilung generierte Sektionsprotokoll von Amir Saad, das er im Sektionssaal am Vormittag in das digitale Aufnahmegerät diktiert hatte, bereits zum dritten Mal an dem Monitor seines PCs im Korrekturmodus. Er wusste, dass er jeden Satz auf die Goldwaage legen musste, insbesondere in seiner gutachterlichen Würdigung betreffend die Todesumstände von Amir Saad in der Rettungsstelle, ehe das Protokoll an die Ermittlungsbehörden rausging.
Generalstaatsanwalt Gabriel Fournier hatte Herzfeld übermitteln lassen, dass der Rechtsmediziner, der die Obduktion von Amir Saad federführend leitete, sich vor Abfassen des Sektionsprotokolls persönlich bei ihm melden sollte. Herzfeld hatte das strikt abgelehnt, wohl wissend, dass Fournier damit Einfluss auf das Obduktionsergebnis nehmen konnte. Daraufhin hatte der Generalstaatsanwalt Herzfeld angerufen und Druck auf ihn ausgeübt, was jedoch an dem geradlinigen Leiter der »Extremdelikte«, der nicht nur in Berliner Justizkreisen, sondern auch in der Bundespolitik sehr gut vernetzt war, abprallte. Allerdings hatte Herzfeld dem Generalstaatsanwalt zugesichert, dass er noch am heutigen Tag das Sektionsprotokoll von dem federführenden ersten Obduzenten vorab per Mail erhalten würde.
Gut, dass Herzfeld hier den Puffer gibt und sich wie immer schützend vor seine Leute stellt, dachte Abel. Auch er wusste, was der Generalstaatsanwalt mit seinem Anruf bei Herzfeld bezweckt hatte: Fournier wollte sich im Vorfeld absichern, dass der finale Obduktionsbericht keinerlei Überraschungen für ihn bereithielt. Denn für den morgigen Tag war um 15:00 Uhr eine Pressekonferenz zum Tod von Amir Saad angesetzt worden.
Abels Gedanken schweiften zu Sabine Yao. Sie hatte Abel nicht nur tatkräftig bei der Präparation des Operationssitus und der Rekonstruktion des – durch den chirurgischen Eingriff modifizierten – Schusskanals unterstützt. Sie hatte im richtigen Moment auch die entscheidenden kausalen Zusammenhänge aufgezeigt, die für die Beantwortung der zentralen Frage nach einem ärztlichen Behandlungsfehler bei Amir Saad essenziell waren.
Die Spannungen zwischen ihnen hatten ihn mehr mitgenommen, als er sich eingestehen wollte. Und auch der wenige Schlaf der vergangenen Nacht steckte ihm noch in den Knochen.
Deshalb hatte er ihre fachlichen Überlegungen dankbar akzeptiert und ihren konstruktiven Austausch im Sektionssaal als sehr hilfreich empfunden. Von dem gestrigen Tag im Familiengericht oder von Mailin Zhou war zunächst überhaupt keine Rede gewesen.
Ein weiterer Umstand, für den Abel dankbar war. Während der Obduktion hatte es sich angefühlt, als hätte es nie einen Vorfall gegeben.
Erst bei der Verabschiedung im Sektionssaal hatte sich Sabine Yao nicht länger zurückhalten können.
»Fred, das, was du gestern im Familiengericht miterlebt hast, war noch nicht alles. Meine Schwester ist in Bonnies Ranch eingefahren. Sie hat noch in der Gefangenensammelstelle randaliert, wollte sich dann selbst verletzen.« Sabine Yao unterbrach sich.
Abel runzelte die Stirn.
»Sie hat immer wieder den Kopf gegen die Zellenwand geschlagen. Dann ist sie per richterlichem Beschluss in einer der geschlossenen psychiatrischen Frauenstationen in der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik untergebracht worden.«
Abel fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. »Das tut mir leid«, flüsterte er, als wäre das alles seine Schuld.
Sabine Yao legte ihre Hand auf seine, sodass Abel ein ungewohntes Gefühl von Nähe überkam.
Sie schaute ihn ernst an. »Fred, dir muss nicht leidtun, dass dein Gutachten richtig war. Wir bewerten, was wir sehen. Das weiß ich doch auch. Aber es ist meine Schwester. Meine Familie. Und du hättest mir sagen müssen, dass du überhaupt dieses Gutachten angefertigt hast. Dass du es nicht getan hast, hat mich getroffen.« Sie schluckte. »Wir konnten uns immer aufeinander verlassen.«
Abel räusperte sich. »Das können wir auch immer noch. Ich wusste nicht … also … Ich meine, wir …«
Sabine Yao sah, wie ihr langjähriger Kollege sich schuldbewusst unter ihren Blicken wand. Dann erlöste sie ihn. »Wir können es jetzt nicht mehr ändern. Es ist geschehen. Wir sollten ein wenig Zeit vergehen lassen. Es ist gerade alles etwas viel.«
Während Abel noch über das, was er da gehört hatte, nachdachte, war seine Kollegin schon grußlos aus dem Sektionssaal verschwunden. Abel hatte keine Anstalten gemacht, ihr hinterherzulaufen. Er hätte ihren Erklärungen auch gar nichts hinzufügen können, da ihm in diesem Moment schlichtweg nichts einfiel, womit er seine Kollegin hätte trösten und ihr irgendwie Mut hätte zusprechen können.
Abel versuchte jetzt, sein schlechtes Gewissen zu verdrängen und sich wieder auf das Sektionsprotokoll auf dem Monitor zu konzentrieren, aber seine Gedanken schweiften schon wieder ab. Diesmal zu Lars. Sein alter Freund hatte sich auf seine SMS zum Tod von Hermann Lübben immer noch nicht gemeldet. Abel hoffte inständig, dass es ihm gut ging und er nicht schon wieder in irgendeinem irrsinnigen Alleingang an die falschen Leute geraten war. Aber darum würde er sich später kümmern. Jetzt musste er das Sektionsprotokoll beenden und wie mit Herzfeld abgesprochen an Fournier schicken.
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Etwa vierzig Minuten später war Abel mit dem Resultat zufrieden. Er speicherte das Sektionsprotokoll in dem dafür vorgesehenen Ordner auf dem Desktop. Dann öffnete er sein E-Mail-Programm und verfasste eine Nachricht an Gabriel Fournier. In Kopie setzte er Herzfeld und Sabine Yao. Aber keineswegs nur, um die Kollegen zu informieren. Er wollte sich absichern. Nachdem er in der Betreffzeile
Todesermittlungsverfahren zum Nachteil Amir Saad
vermerkt hatte, schrieb er:
Sehr geehrter Herr Generalstaatsanwalt,
die Sektion des am heutigen Tag um 01:02 Uhr im Klinikum Benjamin Franklin der Charité auf der dortigen Rettungsstelle verstorbenen Amir Saad hat als Todesursache einen Bruststeckschuss ergeben.
Der Einschuss fand sich 158 Zentimeter oberhalb Fußsohlenniveau an der rechten Brustkorbvorderseite, vier Zentimeter oberhalb der rechten Brustwarze und elf Zentimeter rechts der Körpermittellinie. Der Schusskanalverlauf stellte sich bei der Obduktion geradlinig, annähernd horizontal, dar. Im Verlauf des Schusskanals wurde der rechte Lungenoberlappen von dem Projektil perforiert sowie die rechte Arteria subclavia großflächig eröffnet (s. u.), bevor es an der Innenseite des rechten Schulterblattes, das eine Trümmerfraktur aufwies, zur Projektilendlage kam. Für Einzelheiten sei auf das im Anhang befindliche Sektionsprotokoll verwiesen.
Der Verstorbene zeigte, trotz Gabe von vierundzwanzig Blutkonserven im Operationssaal, Zeichen eines massiven Blutverlustes mit ausgesprochen spärlichen Leichenflecken, Blässe der inneren Organe und Verblutungsblutungen unter der Herzinnenhaut der linken Herzkammer. Ursache für den Blutverlust war im Wesentlichen die fast vollständige Zerreißung der rechtsseitigen Arteria subclavia . Es fanden sich in der rechten Brusthöhle insgesamt 4,4 Liter flüssiges Blut.
Es kamen bei der Obduktion ferner Zeichen intensivmedizinischer Maßnahmen und eines gefäßchirurgischen Eingriffes an der rechten Arteria subclavia mit Übernähung des Gefäßwanddefektes durch ein Kunststoffpatch zur Darstellung (für weitere Einzelheiten sei auf die detaillierte Beschreibung unter den Ziffern 55 ff. im Sektionsprotokoll verwiesen).
Andere Zeichen einer äußeren Gewalteinwirkung, abgesehen von den oben beschriebenen Folgen der Schusseinwirkung, fanden sich am Körper des Saad nicht .
Was die Frage nach einem ärztlichen Behandlungsfehler anbelangt, kann festgestellt werden, dass sich aufgrund der Obduktionsbefunde aus rechtsmedizinischer Sicht keine Hinweise auf einen solchen ableiten lassen.
Auch wenn die Krankenunterlagen des Saad den Obduzenten zum Zeitpunkt der Sektion nur auszugsweise vorlagen und auch lediglich der vorläufige Operationsbericht, ist zu konstatieren, dass es sich bei einer fast vollständigen traumatischen Durchtrennung der Arteria subclavia , wie im gegenständlichen Fall durch die Schussverletzung, um eine nicht mit dem Leben zu vereinbarende Verletzung handelt. Auch bei sehr frühzeitig einsetzender notfallmedizinischer Versorgung und sich direkt anschließender intensivmedizinischer und operativer Versorgung in einem Krankenhaus der Maximalversorgung liegt die Letalität bei dieser Art von Verletzung bei über 90 Prozent.
Im vorliegenden Fall ist aus rechtsmedizinischer Sicht festzustellen, dass die notärztliche Versorgung (sowohl am Einsatzort als auch während des Hubschraubertransports des Schwerverletzten) sowie die nachfolgende Behandlung des Saad in der Rettungsstelle der Charité zu jeder Zeit adäquat war und sich keinerlei Versäumnisse der behandelnden Ärzte feststellen lassen. Alle zur Behandlung des Patienten eingesetzten Maßnahmen entsprachen den aktuellen medizinischen Standards. Ebenso haben sich keine Anhaltspunkte für ein Unterlassen ergeben.
Insofern kann den behandelnden Ärzten nach hiesiger Einschätzung kein Behandlungsfehlervorwurf gemacht werden.
Als Nachtrag sei hier noch angemerkt, dass sich kein Schmauchnachweis im Bereich des Einschusses oder andere Nahschusszeichen nachweisen ließen. Zur Position des Schützen in Relation zur Position des Saad zum Zeitpunkt der Schussabgabe können derzeit noch keine Aussagen getroffen werden; dies ist einer ballistischen Rekonstruktion vorbehalten. Auch zum Waffentyp und der verwendeten Munition wird auf den späteren Bericht der Ballistik verwiesen.
Chemisch-toxikologische Untersuchungen von Körperflüssigkeiten und Proben aus den inneren Organen des Saad wurden eingeleitet, über deren Ergebnis zu einem späteren Zeitpunkt gesondert nachberichtet wird.
Mit freundlichen Grüßen
ABEL
Dr. med. Fred Abel
Stellv. Abteilungsleiter
Rechtsmedizin des Bundeskriminalamtes, Abt. für Extremdelikte
Das Sektionsprotokoll mit seiner elektronischen Signatur hängte Abel an seine Mail an.
Keine fünf Minuten später klingelte das Telefon in Abels Büro. Er sah auf das Display. Herzfeld.
»Fred, danke, dass du das so rasch erledigt hast.«
»Kein Problem.«
»Fournier sollte damit gut arbeiten können. Du hast ja ein eindeutiges und mehr als klares Statement bezüglich der Frage nach einem Behandlungsfehler von dem Clan-Spross abgegeben – insbesondere unter den Vorzeichen, dass die Saads einen Anwalt in den Ring geschickt haben, der angekündigt hat, die beteiligten Ärzte mit Klagen wegen fahrlässiger Körperverletzung und Beihilfe zum Mord durch Unterlassen zu überziehen.«
»Genau«, erwiderte Abel und wollte das Gespräch beenden.
»Fred, da ist noch etwas …«
»Ja?«
»Hast du dir den vorläufigen Operationsbericht zu Amir Saad angeschaut?«
»Ja, warum?«
»Hast du gesehen, wer einer der Operateure war?«
»Nein, ich weiß nicht, was du meinst«, erwiderte Abel und suchte in der Ermittlungsakte Saad den OP-Bericht.
»Dr. Michael Heumann«, kam Herzfeld seinem Stellvertreter zuvor. »Der Kollege, der uns auch schon wegen der Toten aus dem Leichenschauhaus beschäftigt, die dann auf wundersame Weise wieder zum Leben erwachte. Heumann war einer der Operateure, unter dessen Händen Amir Saad starb. In der Haut dieses Mannes möchte ich jetzt wirklich nicht stecken. Aber wahrscheinlich ist das alles nur ein blöder Zufall.«
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