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Berlin, Marzahn-Hellersdorf,
Wohnung von Mailin Zhou,
Donnerstag, 31. Juli, 17:25 Uhr
S abine Yao hatte versucht, ihre Schwester in der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik zu besuchen. Sie hatte gehofft, dass sich – je nach Mailins psychischem Zustand – dabei die Gelegenheit für ein klärendes Gespräch ergeben würde. Auch darüber, wie sich Mailin ihre und die Zukunft ihrer kleinen Familie vorstellte. Aber dazu war es nicht gekommen. Nachdem sie sich für den Besuch auf der geschlossenen psychiatrischen Frauenstation angemeldet hatte, musste sie geschlagene vierzig Minuten warten, um dann zu erfahren, dass Mailin sie nicht sehen wollte – wie ihre Schwester mehrfach mit stummem Kopfschütteln einem Pfleger bedeutet hatte.
Eine Ärztin, die sich trotz der Hektik auf der Akutstation ein paar Minuten für sie Zeit nahm, berichtete ihr, dass sich Mailin unter dem Einfluss von starken Psychopharmaka zwar beruhigt hatte und keine autoaggressiven Tendenzen mehr zeigte, jedoch seit ihrer gestrigen Aufnahme in der Klinik kein Wort gesprochen hatte. Mit niemandem. Sie sei immer wieder phasenweise völlig stuporös, hatte die Psychiaterin gesagt, und Sabine Yao wusste, dass sich hinter diesem Fachbegriff auch ein Akutsymptom einer Schizophrenie verbergen konnte.
Sabine Yao hatte dann einem älteren Pfleger mit fahler Gesichtshaut, die von tiefen Aknenarben durchsetzt war, die Plastiktüte mit Mailins persönlichen Sachen ausgehändigt.
Anschließend war sie fassungslos und mit versteinerter Miene auf dem Besucherparkplatz in ihren Mini gestiegen und nach Neukölln in die Kriseneinrichtung gefahren, wo Mailins unverletzte Tochter zurzeit mit vier anderen Kindern in einer betreuten Wohngruppe in der Familie eines Sozialarbeiters lebte. Sina war zunächst sehr schüchtern gewesen und hatte diesmal zurückhaltend auf den Besuch ihrer Tante reagiert, war dann aber etwas aufgetaut, und gemeinsam hatten sie ein einfaches Holzpuzzle zusammengelegt. Sina war die ganze Zeit ihr gegenüber auffällig schweigsam gewesen, und als sie sich von der Kleinen verabschiedete, blieben die Tränen aus. Sabine Yao wusste nicht, was sich schlimmer anfühlte.
Auf der Fahrt nach Marzahn, wo sie Mailins Krankenkassenkarte holen wollte, die sie gestern in der Hektik vergessen hatte einzupacken, musste sie immer wieder an die kleine Sina denken. Schließlich hatte sie versucht, Mailins Anwältin telefonisch zu erreichen, um mit ihr das weitere Vorgehen zu besprechen, war aber von der fröhlich flötenden Stimme einer Sekretärin darüber informiert worden, dass die Anwältin bereits nicht mehr im Hause sei und sie es doch am nächsten Tag erneut versuchen solle.
Auf dem Weg durch den dichten, zähen Berufsverkehr war Sabine Yao in Gedanken noch einmal Schritt für Schritt die Obduktion des erschossenen Clan-Mitglieds Amir Saad durchgegangen und kam, als sie auf den Parkplatz vor Mailins Wohnblock fuhr, zu dem Schluss, dass sie und Abel alles richtig gemacht hatten.
Sie stellte den Motor ab, ergriff ihre Handtasche und verließ den Wagen. Mit eiligen Schritten stieg sie die Stufen zum Eingang hinauf. Im Hausflur des anonymen Hochhausblocks kam ihr eine Horde lärmender Kinder entgegen, die allerdings keine Notiz von ihr nahmen. Grölend rannten sie an ihr vorbei. Im Briefkasten ihrer Schwester war wieder keine Post. Sabine drückte auf den Fahrstuhlknopf nach oben.
Hoffentlich finde ich schnell die Karte … Und dann nichts wie ab nach Hause, dachte sie und trat in die enge Fahrstuhlkabine, in der die abgestandene Luft der letzten Sommertage zu stehen schien.
In der zwölften Etage angekommen, zog sie den Wohnungsschlüssel aus ihrer Handtasche und drehte den Schlüssel im Schloss. Mit einem Knacken sprang die Falle im Schloss zurück, und die Tür öffnete sich. Die Wohnungstür war nicht verschlossen gewesen.
Merkwürdig, dachte Sabine Yao. Ich könnte schwören, dass ich gestern Abend abgeschlossen habe.
Als sie die Wohnung betrat, befiel sie plötzlich ein seltsames Gefühl. Irgendetwas war anders. Als wäre die Luft über Nacht ausgetauscht worden, als hätte sich etwas in der Atmosphäre der Wohnung verändert.
»Hallo?«, sagte Sabine Yao vorsichtig und ärgerte sich im selben Moment über ihr Verhalten. Wer soll schon hier sein? Nur Mailin und ich besitzen einen Wohnungsschlüssel.
Sie drückte die Wohnungstür hinter sich zu und ging mit langsamen Schritten durch den schmalen Flur. Dort war nichts Ungewöhnliches festzustellen. Auch in der Küche war alles immer noch so, wie sie es am Vorabend hinterlassen hatte.
Sie ging zurück in den Flur. Auf dem Boden lag etwas. Sie bückte sich und hob das Foto auf. Es war das Familienbild, das Thanh, Mailin und ihre beiden Töchter bei ihrem Ausflug in den Spreewald zeigte. Das Foto aus glücklichen Tagen der Familie Zhou. Es war vom Spiegel herabgefallen. Langsam beugte sich Sabine Yao nach unten, griff nach der Aufnahme und hob sie auf. Doch sie schob das Foto nicht wieder an seinen ursprünglichen Platz, sondern steckte es in ihre Handtasche. Ich werde es Mailin mitbringen, bei meinem nächsten Besuch, beschloss sie. Hier wird es für längere Zeit niemand mehr anschauen.
Flüchtig sah sie ins Schlafzimmer. Es herrschte dort immer noch dasselbe Chaos: benutzte und frische Kleidung über das Bett verstreut, die eine Schranktür stand offen. Wie gestern.
Sabine ging weiter in das Wohnzimmer. Hier spürte sie es wieder. Ein Gefühl, das sie nicht richtig erfassen, nicht deuten konnte. Wie ein Widerstand in der Luft. Als würde sie durch eine hauchdünne Wand gehen. Etwas war anders. Da war sie sich jetzt sicher.
Sie steuerte auf die Couch zu, auf der sie am Abend zuvor vor Erschöpfung eingeschlafen war, und ließ sich in die Polster fallen. Vor ihr die große Schrankwand, in der vereinzelt ein paar Bücher, einige DVDs mit Kinderfilmen und ein Strauß Plastikblumen standen. Ihr Blick fiel auf den wuchtigen Sessel, auf dem Mailin gestern Morgen wie ein Häufchen Elend gesessen und bitterlich geweint hatte. Das schwere Möbelstück stand leicht schräg gegenüber der Couch, mit der Rückseite der breiten Lehne zur Schrankwand. Sie erinnerte sich, wie schwer das Mistding gewesen war, als sie es Montagmorgen, um den neuen Teppich auszulegen, und gestern Abend, um darunter Staub zu saugen, verschoben hatte.
Irgendwie ist das merkwürdig. Stand der Sessel gestern nicht anders? Irritiert runzelte Yao die Stirn. Sie machte zwei zaghafte Schritte auf das Möbelstück zu und befühlte den angenehm kühlen Kunstlederbezug. Der stand doch gestern viel weiter in der Mitte, nicht so weit links?
Ihr Blick fiel auf den neuen Sisalteppich.
Auf der Faserstruktur des Teppichs waren deutlich die Eindellungen zu sehen, die die Füße des schweren Sessels dort hinterlassen hatten. Doch daneben, etwa zwei Zentimeter entfernt, befanden sich jetzt weitere Eindrücke auf der Teppichoberfläche. Nicht ganz so tief. Aber deutlich zu erkennen. Sie wusste genau, dass sie gestern nach dem Staubsaugen den schweren Sessel an exakt den Ort zurückgewuchtet hatte, wo er sich zuvor befunden hatte. Dort, wo sich die Abdrücke im Teppich befanden.
»Was ist denn hier los?«, fragte sie sich selbst halblaut. Der Sessel wurde offensichtlich, nachdem ich hier war, noch einmal verschoben. Aber wie kann das sein?
Sie machte ein paar Schritte rückwärts, als müsse sie Abstand bekommen, um klare Gedanken fassen zu können.
Die offene Wohnungstür gestern, das herabgefallene Foto, der verschobene Sessel.
Sabine Yao zwang sich zu gedanklicher Disziplin. Was weiß ich, was ich gestern Abend im Zustand meiner völligen Erschöpfung hier gemacht habe. Meine Wahrnehmung spielt mir einen Streich. Hier war in den letzten vierundzwanzig Stunden niemand außer mir. Das ist unmöglich …
Sie betrachtete gedankenversunken die Schrankwand hinter dem Sessel.
Und entdeckte eine hellgraue Sporttasche. Sabine Yao zuckte zusammen, als hätte das Gepäckstück sie angesprungen. Die Sporttasche stand links neben der großen, fast die ganze Zimmerwand einnehmenden Schrankwand, als hätte ein Reisender sie dort abgestellt und dann vergessen.
Die Tasche. Sie war am Abend zuvor noch nicht da gewesen. Das wusste Sabine Yao ganz sicher, aber irgendwo hatte sie diese Sporttasche schon einmal gesehen.
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