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Berlin,
Treptowers, BKA-Einheit »Extremdelikte«, Kriminaltechnisches Labor,
Donnerstag, 31. Juli, 17:34 Uhr
N
ach dem Telefonat mit Herzfeld hatte Abel einige Zeit in seinem Büro vor sich auf die Schreibtischplatte gestarrt, in der Hoffnung, irgendeinen Zusammenhang zwischen den beiden Todesfällen zu erkennen, in die Dr. Michael Heumann involviert gewesen war. Aber er konnte kein Muster darin entdecken.
Dann hatte er spontan beschlossen, Fuchs die versprochene Flasche Wein im Labor vorbeizubringen und in den klimatisierten Laborräumen nicht nur Abkühlung, sondern auch Ablenkung zu suchen. Möglicherweise hatte Fuchs bereits ein Ergebnis für das DNA-Profil von Lars’ Angreifer aus dem Görlitzer Park.
Als Abel im DNA-Labor ankam, bestückte Fuchs gerade einen DNA-Sequenzierautomaten mit neuen Proben. Er drehte sich um und nickte Abel mit ernster Miene zu. Noch nicht einmal die Flasche hochpreisigen italienischen Rotweins, die Abel ihm hinhielt, konnte seine Stimmung aufhellen.
»Fred, gut, dass du gekommen bist, ich hätte dich sowieso gleich angerufen. Lass mich das hier kurz fertig machen, dann reden wir«, sagte er. »Und danke für die Flasche. Du weißt, dass das nicht nötig gewesen wäre«, schob er noch hinterher.
Abel zog sich einen der Drehhocker heran, die seitlich vor dem Gerätepark in dem schlauchförmigen Laborraum standen, und setzte
sich.
»Kein Stress, Henry.«
Nach der Bestückung des Sequenzierautomaten startete Fuchs das Gerät über einen danebenstehenden PC und ließ seine Hände demonstrativ in den Taschen seines Kittels verschwinden, als würde er einen Zaubertrick aufführen wollen. »Ich habe die Untersuchung des Hemdes von deinem alten Bundeswehrspezi abgeschlossen«, sagte er.
»Und?«, fragte Abel angespannt.
Fuchs zog mit ausladender Handbewegung, als würde er ein Kaninchen aus einem Zylinder hervorzaubern, aus der rechten Kitteltasche einen kleinen weißen Notizzettel und hielt ihn Abel vor die Nase. Darauf stand handschriftlich in Druckbuchstaben ein Name.
ABDELKARIM SAAD
»Das ist der Herr, der sich spurenmäßig auf dem Textil von Herrn Moewig verewigt hat«, erklärte Fuchs mit seiner tiefen Stimme und ließ den Zettel wieder in der Kitteltasche verschwinden.
Abel war sprachlos. Ich muss sofort Lars informieren.
»Der Name Saad war mir bis vorhin kein Begriff, aber ich habe mal recherchiert …«, hob Fuchs an, wurde aber von Abel, der seine Sprache wiedergefunden hatte, unterbrochen.
»Verdammt. Hier treffen gerade sehr viele Ereignisse zusammen, die möglicherweise in irgendeinem Zusammenhang stehen. Denn ein anderer Saad, vermutlich der Bruder von Moewigs Sparringspartner aus dem Görli, ein Amir Saad, liegt unten in einem unserer Kühlfächer. Erschossen.«
Fuchs sah Abel völlig entgeistert an. »Moewig?«
»Hat nichts damit zu tun«, erwiderte Abel eilig. »So viel ist sicher. Der Schütze ist bekannt. Er hat sich danach selbst erschossen. Aber der Fall ist problematisch. Fournier wird morgen zu der Sache eine
Pressekonferenz geben.«
Fuchs spitzte die Lippen. »Was ich vorhin sagen wollte: Ich habe mich, als der Name Abdelkarim Saad auftauchte, mal schlaugemacht, was das für ein Früchtchen ist. Dank des Zugangs in die Datenbanken unserer und anderer Behörden weiß ich jetzt ziemlich genau, wer die Saads sind. Und sie sind mit allen Wassern gewaschen. Herr Moewig sollte sich unbedingt von denen fernhalten, aber das weißt du sicher schon. Man muss wahrscheinlich in dieser Stadt lange suchen, bis man noch größere und gefährlichere Typen findet.«
Abel nickte. Ja, das stimmt. Ich muss dringend mit Lars sprechen. Und ich wünschte, ich wüsste es besser, aber leider kenne ich Lars zu gut. Wenn der sich erst mal in eine Sache verbissen hat, ist er wie ein Pitbull, der nicht mehr loslässt
. Er erhob sich.
Lisa würde heute Abend wieder ohne ihn auskommen müssen. Er hatte soeben beschlossen, zu Lars zu fahren, um ihn eindringlich vor weiteren Alleingängen zu warnen. Auf seine Nachricht hatte er sich schließlich immer noch nicht gemeldet.
»Vielen Dank, Henry«, sagte Abel.
»Wofür?«
Fuchs war schon wieder derart in seine Arbeit an einem anderen Laborgerät vertieft, als wären die vergangenen Minuten wie eine Szene aus einem Film herausgeschnitten worden und hätten niemals stattgefunden.
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