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Berlin, Marzahn-Hellersdorf,
Wohnung von Mailin Zhou, Wohnzimmer,
Donnerstag, 31. Juli, 17:44 Uhr
S
abine Yao betrachtete die Sporttasche: Nylonoberfläche, kein Markenname oder irgendein anderer Schriftzug an der Außenseite. Sehr wahrscheinlich ein günstiges Modell. Mit einem zaghaften Griff hob sie die Tasche an und prüfte ihr Gewicht. Sie schien leer zu sein. Sabine stellte sie auf den wackeligen Couchtisch und zog den Reißverschluss an der Oberseite mit einem surrenden Geräusch auf. Tatsächlich, die Tasche war völlig leer. Dennoch begann ihr Herz zu klopfen. Sie überlegte fieberhaft. Ich habe das Teil schon einmal irgendwo gesehen. Nur wo? Und bei welcher Gelegenheit?
Sabine Yao ließ sich wieder auf die Couch sinken. Sie zermarterte sich ihr Gehirn. Wo habe ich diese Tasche schon einmal gesehen?
Und dann meldete sich ihr Gedächtnis. Der Typ im Hausflur! Gestern Abend, als ich die Wohnung verließ. Der Mann mit dem Vollbart, der mir aus dem Fahrstuhl entgegenkam. Graue Jogginghose, T-Shirt, Sneakers. Er hatte etwas in der Hand. In seiner linken Hand hatte er …
Sabine Yao hielt inne. Die Bilder vor ihrem geistigen Auge wurden klarer. Sehr viel klarer.
Er hatte diese Tasche bei sich!
Ihr wurde schwindelig.
Was geht hier vor? Was macht dieser Typ in Mailins Wohnung? Und wie ist er überhaupt reingekommen?
Das ergab alles keinen Sinn.
Sie stellte die Sporttasche fast wie in Zeitlupe wieder neben die Schrankwand.
Die Wohnung ihrer Schwester machte ihr auf einmal Angst. Sie brauchte Hilfe. Jemand musste von außen mit frischem Blick auf die Ereignisse schauen. Sie brauchte einen Vertrauten.
Und sie wusste auch, an wen sie sich wenden würde. Es war sowieso höchste Zeit, dass sie wieder zu der Einheit wurden, die sie in beruflicher Hinsicht vor Siaras Verletzung immer gewesen waren.
Eilig verließ sie die Wohnung.
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