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Berlin-Neukölln,
Sonnenallee,
Freitag, 1. August, 14:51 Uhr
N eukölln hatte in den letzten Jahren konsequent jeglicher Veränderung getrotzt – im Gegensatz zu anderen Berliner Stadtteilen wie Kreuzberg oder Wedding, die früher den Ruf des Schmuddeligen und Verruchten gehabt hatten. Mittlerweile wurden diese Stadtteile von jungen Hipster-Familien bevölkert und machten durch immer neue Gastronomieerlebnisse von sich reden, ob vegane Soulfood-Restaurants oder vegetarische Dönerläden, die damit warben, dass sie ihr Geschirr mit mikroplastikfreiem Spülmittel reinigten. Neukölln hingegen war das geblieben, was es immer gewesen war: ein Problemkiez. Hohe Arbeitslosigkeit, Straßengangs, und in einigen Straßenzügen nicht nur nachts eine No-go-Area für Streifenwagen oder Fußstreifen uniformierter Polizeibeamter.
Moewig schlenderte die Sonnenallee entlang, die große Hauptverkehrsader Neuköllns, von vielen Berlinern auch die »arabische Straße« genannt. Die Sonnenallee war und blieb die Arterie einer Parallelkultur, vom Zeitgeist gemieden: Arabische Imbisse reihten sich an Handyshops, Eineuroshops, Shishabars, Gemüseläden und Spielotheken. Über neunzig Prozent der Geschäfte und Läden hier waren fest in arabischer Hand. In den Achtzigerjahren waren viele Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem Libanon nach Berlin gekommen und hatten im Westberliner Stadtteil Neukölln eine Heimat gefunden, dessen Erscheinungsbild sie nachhaltig prägten. Eine kleine Stadt mit ihrer eigenen Kultur innerhalb der deutschen Hauptstadt.
Es war brütend heiß, die warme Luft war zum Schneiden, es wehte kein Lufthauch. Moewig fühlte sich schlecht. Jeden Schritt auf dem in der Sonne glitzernden und mit Kaugummiresten gepflasterten Asphalt empfand er als Verrat an seinem Freund Fred. Wie zur Strafe schmerzte jede seiner Bewegungen. Die Wirkung der Handvoll Schmerztabletten, die er am Morgen eingeworfen hatte, ließ schon wieder nach. Die Qualen, die von seinen gebrochenen Rippen ausgingen, waren eigentlich Warnung genug, dass sein Vorhaben äußerst unvernünftig war. Aber er wischte diesen Gedanken schnell beiseite.
Fred war gestern Abend bei ihm in seiner kleinen Souterrainwohnung im Wedding gewesen und hatte ihm berichtet, was Dr. Fuchs’ Analyse und Recherche in der DNA-Datenbank ergeben hatten. Abdelkarim Saad – so hieß sein Angreifer aus dem Görlitzer Park.
Abel hatte ihn auch über die neuesten Entwicklungen im Mordfall Moritz Lübben unterrichtet. Dass Hermann Lübben zunächst Amir Saad, einen Bruder von Abdelkarim Saad, und dann sich selbst erschossen hatte. Moewig hatte sich von Abel die Todesumstände von Amir Saad und alles, was er über die Geschehnisse in Lübbens Wohnhaus am Schulzensee wusste, detailliert schildern lassen. Die Herkunft der Schusswaffe – eine Walther P99 – war für die Ermittler noch unklar. Ob der alte Lübben die nicht registrierte Waffe zu seinem Schutz im Haus gehabt hatte oder ob Amir Saad sie mitgebracht hatte und Lübben sie ihm hatte abnehmen können, lag für die Beamten der Mordkommission noch im Dunkeln. Jedoch nicht für Moewig. Er wusste, dass es sich nur um die Waffe aus dem schwarzen Reisekoffer im Kofferraum von Moritz Lübbens BMW handeln konnte. Er machte sich Vorwürfe, dass er sie nicht an sich genommen oder die Polizei direkt über seinen Fund informiert hatte.
Amir Saads Begleiter, der ihn nach eigenen Angaben zu Hermann Lübben an den Schulzensee gefahren hatte, hatte den vernehmenden Beamten gegenüber gesagt, dass Amir Saad ein Bekannter von Hermann Lübben gewesen sei. Amir Saad hätte Lübben spontan besuchen wollen.
Klar, ein Besuch unter Freunden, in den späten Abendstunden. Wenige Tage nach dem Mord an Moritz Lübben. Lächerlich, dachte Moewig verbittert.
Fred hatte ihn abschließend noch über die neuesten beunruhigenden Details über Abdelkarim Saad als Anführer des Mobs in der Rettungsstelle der Charité informiert.
Alle Ereignisse der letzten beiden Tage mündeten in diesem einen Familiennamen: Saad.
Abel hatte ihn eindringlich gewarnt, sich nicht weiter mit den falschen Leuten anzulegen und die Polizei und Bundesbehörden ihre Arbeit machen zu lassen. Schließlich war die offensichtliche Verwicklung der Saads in den gewaltsamen Tod von Moritz Lübben und den Vorfall in Groß Köris, der mit dem Tod von Amir Saad und Hermann Lübben endete, mehr als offensichtlich. Und es war auch offensichtlich, dass die Saads nicht davor zurückschreckten, unliebsame Zeitgenossen umzubringen.
Moewig schwitzte unter der grünen Bomberjacke. Er hatte seinen Lada in einer Nebenstraße vor einer der Neuköllner Hinterhof-Moscheen geparkt und sich von dort aus zu Fuß zu seinem Ziel aufgemacht. Die viel zu warme Fliegerjacke war ein notwendiges Übel, denn nur so ließ sich die Stichschutzweste, die er darunter trug, verbergen. Die Stichschutzweste hatte ihm ein befreundeter Bereitschaftspolizist geschenkt. Bei Schüssen würde sie ihm zwar kaum helfen, aber die Chance, eine Messerattacke zu überleben, stieg durch das Tragen der Weste ungemein.
Ich muss das tun. Ich muss zu Ende bringen, was ich Hermann Lübben versprochen habe, versuchte Moewig seine Zweifel zu zerstreuen und beschleunigte seine Schritte, soweit es die Schmerzen im Brustkorb zuließen.
Mein Treffen mit dem Patron am Schulzensee – ein Treffen von zwei Vätern. Zwei Väter, die ihre Kinder verloren haben. Zwei Väter, von denen jetzt – zwei Tage später – nur noch einer am Leben ist … Im Freitod seines früheren Förderers und Mentors Hermann Lübben erkannte sich Moewig wieder. Auch er war nach dem Tod seiner Tochter Lilly an diesen Punkt gekommen und hatte sich nur langsam wieder aus dem Morast der Suizidgedanken herauskämpfen können. Hermann Lübben hatte sich jedoch für den anderen Weg entschieden. Sein gutes Recht, dachte Moewig. Aber es ist auch mein Recht, zu hinterfragen, wie es dazu gekommen ist. Wieso es gerade an dem Abend, als Amir Saad bei ihm war, dazu gekommen ist, dass sich Hermann Lübben das Leben nahm. Und es ist meine Aufgabe, für Gerechtigkeit zu sorgen. Das bin ich dem Patron schuldig.
Der ehemalige Fremdenlegionär passierte gedankenversunken die Geschäfte, Shishabars und Cafés der Sonnenallee, die an diesem heißen Sommertag wie ausgestorben dalagen.
Noch zwei Blocks, dann müsste ich da sein.
Er blickte im Vorbeigehen in ein Schaufenster eines afrikanischen Friseurs: Dreadlocks, Perücken, Haarverlängerungen, Haarglättung.
Ein weiteres Mal liege ich nicht vor euch im Dreck, dachte er entschlossen.
Er ging weiter, verlangsamte seine Schritte.
Noch ein Block.
Moewig wirkte auf unbeteiligte Beobachter nicht wie ein Mann, der über Leben und Tod sinnierte, sondern eher wie ein schlendernder Spaziergänger, der in diese Ecke der Stadt gehörte.
Es hatte ihn nur einen Anruf bei einem Bekannten, der ihm noch einen Gefallen schuldig gewesen war, gekostet, um herauszufinden, wo sich die Schaltzentrale des Saad-Clans in Berlin befand.
Da, das da ist es. Das Café Rayak. Sonnenallee 204.
Die Höhle des Löwen.
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