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Berlin,
Treptowers, BKA-Einheit »Extremdelikte«, Büro Dr. Fred Abel,
Freitag, 1. August, 14:58 Uhr
A ls Abel am Morgen das Haus in Grünau verlassen hatte, schlief Lisa noch. Gestern Abend hatten sie sich auch nicht mehr im wachen Zustand gesehen, da er erst gegen 23 Uhr von Lars zurückgekehrt war. Abel fuhr inzwischen morgens noch früher los als sonst. Die Verkehrsstaus waren mittlerweile unerträglich geworden. Es schien, als würden auf jede abgeschlossene Baustelle in Berlin zwei neue folgen. Wie bei Hydra, dem Monstrum aus der griechischen Mythologie, bei dem aus dem Stumpf jedes abgeschlagenen Kopfes zwei neue herauswuchsen. Im Schneckentempo hatte sich auch heute Morgen die Blechkarawane der Pendler in die Stadt geschoben.
Sein Arbeitstag in der rechtsmedizinischen Abteilung »Extremdelikte« des BKA hatte unspektakulär begonnen und keine besonderen Herausforderungen für Abel bereitgehalten. Herzfeld hatte in der Frühbesprechung abgelenkt gewirkt, und Abel hatte den Falldarstellungen seines Chefs kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Die für diesen Tag geplanten Sektionen hörten sich nicht gerade spektakulär an, und Abel war froh gewesen, als er nicht für den Sektionssaal eingeteilt wurde. Er war nach den turbulenten Tagen für etwas Ruhe dankbar.
Nach der Frühbesprechung hatte er sich sofort in sein Büro zurückgezogen und zunächst vier Sektionsprotokolle von Todesfällen, die er in der vorangegangenen Woche untersucht hatte, sowie einen Leichenfundortbericht korrigiert. Außerdem hatte er zahlreiche Telefonate mit BKA-Kollegen in Wiesbaden und aus verschiedenen rechtsmedizinischen Instituten im deutschsprachigen Raum geführt, bei denen es um Qualitätsmanagement und die bevorstehende Akkreditierung ihrer Abteilung ging. Eine unliebsame Aufgabe, die Herzfeld seinem Stellvertreter gemeinsam mit Oberarzt Dr. Scherz überantwortet hatte.
Mit einer Tasse Kaffee richtete er sich jetzt vor seinem Rechner ein und startete den Livestream der Behörde – die Übertragung der Pressekonferenz der Generalstaatsanwaltschaft zum Tod von Amir Saad.
Auf dem Rechner erschien ein pulsierender Pfeil.
Bitte haben Sie noch einen Augenblick Geduld
Genau um 15:00 Uhr wechselte das Bild auf dem Monitor zur PK. Die fest montierte Kamera im Presseraum der Generalstaatsanwaltschaft fing einen langen Tisch ein, an dem sich hinter für den Zuschauer unlesbar kleinen Namensschildern die Behördenvertreter platzierten. Zwischen den Namensschildern waren die üblichen Mikrofontrauben der Presse postiert.
Sie haben Angst vor Journalisten und laden deshalb alle ein, ihnen unbequeme Fragen zu stellen. Na, herzlichen Glückwunsch, dachte Abel und trommelte mit den Fingern auf der Schreibtischplatte. Er erkannte die Berliner Polizeipräsidentin sowie einige Mitglieder ihres Stabes. Den Leiter des Landeskriminalamtes, flankiert vom Leiter des LKA 4, Organisierte Kriminalität, und dem stellvertretenden Leiter des LKA 1, »Delikte am Menschen«. Den Innensenator und seine Sprecherin. Den Ärztlichen Direktor der Charité, ein hagerer Marathon-Mann. Exzellenter Mediziner und gewiefter Manager. Als Letzter schob sich Generalstaatsanwalt Gabriel Fournier ungelenk und behäbig an seinen Platz in der Mitte der Gruppe. Er trug als Einziger auf dem Podium keine Krawatte. Fourniers Gesicht glänzte, in der Hand trug er einen Stapel Papiere, die er vor sich ablegte und dann nervös glatt strich.
Schon wieder etwas an Gewicht zugelegt, Herr Fournier?, frotzelte Abel innerlich. Es würde in diesem Leben sicherlich nicht mehr passieren, dass sie Freunde wurden. Seit Fournier von seinen Unterstützern aus der Politik auf seinem Posten als Generalstaatsanwalt inthronisiert worden war, war er Abel nicht sympathisch gewesen. Das beruhte auf Gegenseitigkeit. Fournier war Abel, aber auch Herzfeld, schon bei einigen Gelegenheiten auf die Füße getreten, hatte sich in rechtsmedizinische Fragen eingemischt und dabei mehrfach seine Kompetenzen überschritten. Man konnte manchmal die politischen Fäden, die Fournier wie eine willfährige Marionette zu steuern schienen, regelrecht mit bloßem Auge sehen.
Nun beugte sich Fournier nach vorn und justierte sein Mikro. Die Pressekonferenz begann.
»Meine Damen und Herren, ich begrüße Sie zur öffentlichen Erklärung betreffend die Vorfälle in der Rettungsstelle des Klinikums Benjamin Franklin der Charité in der Nacht vom dreißigsten auf den einunddreißigsten Juli und zu dem mutmaßlichen Tötungsdelikt eines in den frühen Morgenstunden des einunddreißigsten Juli verstorbenen staatenlosen Mannes libanesischer Herkunft«, leierte Fournier seinen Text herunter. »Wir werden Ihnen den Sachverhalt, so wie er sich uns bisher darstellt, in dieser Erklärung schildern, und stehen im Anschluss für Fragen zur Verfügung. Lassen Sie mich Ihnen aber gleich sagen, dass die möglichen Hintergründe der eigentlichen Tat, in deren Folge der junge Mann libanesischer Herkunft verstarb, nicht Gegenstand dieser Pressekonferenz sind. Hier wollen wir zunächst die Ermittler des Landeskriminalamtes ihre Arbeit machen lassen, ehe wir Ihnen die Ermittlungsergebnisse präsentieren. Im Vordergrund sollen deshalb heute die rechtsmedizinischen Erkenntnisse und die Aufarbeitung des Vorfalls in der Rettungsstelle der Charité stehen.«
Abel seufzte und nahm gerade einen Schluck aus seiner Kaffeetasse, als es an seiner Bürotür klopfte. Irritiert blickte er auf. Ungünstiger Zeitpunkt. » Ja, bitte«, sagte er laut und vernehmlich.
Die Tür öffnete sich, und Sabine Yao streckte zögerlich den Kopf herein.
»Darf ich?«, fragte sie.
Abel nickte. »Komm rein, Sabine. Ich verfolge gerade die PK der Generalstaatsanwaltschaft zum Fall Amir Saad. Bitte setz dich. Schau dir das mit an.«
Er deutete auf einen Besucherstuhl vor seinem Schreibtisch.
Sabine Yao ergriff den freien Stuhl und setzte sich neben Abel vor den Monitor.
Sie trug ihre glänzenden schwarzen Haare zu einem losen Zopf gebunden, allerdings war Abel in der Frühbesprechung bereits aufgefallen, dass sie müde aussah. Abwesend hatte sie während der Frühbesprechung in ihrem Tee gerührt. Ihre Wangen wirkten eingefallen, und die Blutgefäße ihrer Augenlider zeichneten sich wie blassblaue Fäden auf der bleichen Haut ab. Von der Vitalität des gestrigen Tages war nichts übrig geblieben, als hätte sie all ihren wiedergefundenen Elan schon aufgebraucht.
Sabine Yao stemmte die Ellbogen auf die Schreibtischplatte vor ihr, legte das Kinn in ihre Handflächen und verfolgte das Geschehen auf Abels Bildschirm.
Der Generalstaatsanwalt hatte gerade das Wort an die Polizeipräsidentin übergeben, die in kurzen, stakkatoartigen Sätzen von den Geschehnissen und dem Einsatz ihrer Beamten in der Rettungsstelle der Charité berichtete. Wobei sie wohlweislich das Wort Clan vermied, wie Abel feststellte.
Sabine Yao wirkte verloren, wie sie so auf den Monitor blickte. Als ob sie durch ihn hindurch ins Leere starrte.
Die Polizeipräsidentin deklinierte gerade die Anzahl der zur Anzeige gebrachten Straftaten gegen die zur Personenfeststellung vorläufig festgenommenen achtundfünfzig Personen herunter, als Abel seine Kollegin ansprach.
Sie zuckte zusammen, schien völlig abwesend zu sein.
»Die PK ist sicherlich bald vorbei, dann bin ich ganz bei dir. Wie geht es deiner Schwester?«, fragte er vorsichtig.
Sabine Yao sah zu Abel herüber.
»Ich hoffe besser?«, schob er noch nach.
»Sie will mich nicht sehen. Die Ärzte, das Pflegepersonal … Die haben Schwierigkeiten mit ihr«, erklärte sie mit brüchiger Stimme.
Abel nickte stumm.
In der Pressekonferenz hatte nun Generalstaatsanwalt Gabriel Fournier wieder das Wort.
»Die Generalstaatsanwaltschaft und die ermittelnden Polizeibehörden sehen die Ursache des Vorfalls in der Charité zweifellos in der Einlieferung eines staatenlosen Mannes, libanesischer Herkunft und seit frühester Jugend in Berlin ansässig, der dem direkten Umfeld der Organisierten Kriminalität zuzuordnen ist. Er verstarb wenige Stunden nach seiner Aufnahme an einer Schussverletzung. Bei dem Toten handelt es sich um Amir Saad.«
Sabine Yao stöhnte auf. Sie schien jetzt etwas gefasster und wieder im Hier und Jetzt angekommen zu sein.
»Da sind wir aber froh, dass wir das schon mal wissen«, sagte sie mit genervtem Unterton und deutete mit ihrem Kinn auf den Monitor.
Abel grinste. Ohne den Blick von ihr zu wenden, fragte er: »Aber du bist sicher nicht vorbeigekommen, um diesen Höhepunkt deutscher Justizgeschichte mit mir gemeinsam zu erleben, oder?«
Sabine Yao schüttelte den Kopf, während aus dem Rechner jetzt die Stimme des Berliner Innensenators drang, der die anwesenden Journalisten mit Plattitüden zum Kampf der hauptstädtischen Behörden gegen Banden- und Clan-Kriminalität überschüttete.
»Das ist richtig«, sagte Sabine Yao. »Ich möchte dich um deine Hilfe bitten, Fred.«
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