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Berlin-Neukölln,
Sonnenallee, Café Rayak,
Freitag, 1. August, 15:04 Uhr
D er Café-Eingang war auf den ersten Blick kaum auszumachen. Es war eher ein blinder Fleck in der grauen, in die Jahre gekommenen blättrigen Fassade des Hauses mit der Nummer 204. Das Hauptquartier der Saads wirkte wie einer der unzähligen arabischen Kulturvereine in Berlin, in denen Männer hinter zugezogenen Gardinen bis tief in die Nacht rauchten, Tee tranken und Karten spielten.
Das Äußere des Cafés war wirklich nicht besonders einladend: Das große Fenster zur Straße, gerade einmal drei Meter breit, war mit grauer Folie überklebt. Lediglich ein kleines Schild mit der Aufschrift »Café Rayak« in einer unteren Ecke der Scheibe war ein Hinweis darauf, dass sich im Inneren des Gebäudes so etwas wie ein gastronomischer Betrieb befand.
Wer hier nicht eingeladen ist, gehört hier auch nicht her, schlussfolgerte Moewig. Er blickte auf sein Handy. 15:04 Uhr. Er schaute kurz nach links und rechts und vergewisserte sich, dass er von niemandem beobachtet wurde. Dann aktivierte er mit mehreren Wischbewegungen über das Display die Aufnahmefunktion des Gerätes und überprüfte, dass die Aufnahme auch wirklich lief. Schließlich steckte er das Mobiltelefon in die Ärmeltasche seiner Fliegerjacke, die er einen Spaltbreit offen ließ, und stieg die vier Stufen zum Eingang hinauf. Vorsichtig.
Im gesplitterten äußeren Rahmen der Eingangstür war nachträglich eine Metallleiste angebracht worden, die ihn stabilisierte. Die Polizei hat also hier auch schon mal vorbeigeschaut, folgerte der Privatermittler. Die Spuren einer Ramme, wie sie unter anderem vom SEK eingesetzt wurde, waren an der Türverschalung unübersehbar.
Moewig drückte kräftig gegen die Eingangstür und rechnete eigentlich damit, dass sie verschlossen war. Doch sie schwang sofort auf, sodass er einen Ausfallschritt nach vorn machen musste, um nicht der Länge nach ins Innere des Raumes zu stolpern. Seine Rippen sendeten einen erneuten Schmerzimpuls aus. Moewig atmete tief ein und betrat das Café.
Das Innere war nicht geräumiger als ein großes Wohnzimmer. Er scannte die Szenerie. Drei kleine, runde Tische. Daran jeweils ein paar bunt zusammengewürfelte Stühle, die von ihrem Design und ihrer Farbe her weder zu den Tischen noch zueinander passten. Die Wände kahl, bis auf ein paar wellige, ausgeblichene Poster von felsigen Landschaften. Die vormals helle Tapete nikotingelb. Am Eingang, gleich neben Moewig, ein ausgeschalteter Spielautomat. Es roch nach kaltem Rauch, als wäre hier seit Jahren nicht mehr gelüftet worden. Darunter mischte sich allerdings der Duft von frischem Kaffee. Ein Hinweis darauf, dass sich sehr wahrscheinlich jemand in einem Nachbarraum aufhielt.
Vor der rechten Wand stand ein kleiner Tresen aus abgewetztem braunem Holz, hinter dem Moewig die leicht geöffnete Tür zu einer gekachelten Küche und eine weitere Tür sehen konnte.
Er atmete tief ein und aus. Verbrecherluft .
Doch immer noch war niemand zu sehen.
Moewig ging weiter in den Raum hinein, legte die Hand auf eine der Stuhllehnen und überlegte, ob er sich setzen oder sich lautstark bemerkbar machen sollte. Er wartete ab. Aber bevor er sich entscheiden konnte, öffnete sich schließlich die zweite Tür hinter dem Tresen.
Ein Mann von schmächtiger Figur erschien. Schmale Schulterpartie, aber drahtiger Körperbau. Obwohl er etwa fünfzig Jahre alt sein mochte, vielleicht sogar etwas älter, wirkten seine Bewegungen sehnig und geschmeidig. Seine kurzen Locken waren früher wohl pechschwarz gewesen, doch es hatte sich ein Grauschleier, wie verstaubte Spinnweben, darübergelegt. Der Mann trug ein weißes Leinenhemd, eine weite, hellbraune Leinenhose und ausgetretene Lederslipper. Er hatte tiefe Falten auf der Stirn und um die Mundwinkel, seine Gesichtshaut sah aus wie gegerbtes Leder. »Ich wusste doch, dass ich was gehört habe. Ist dir kalt, mein Freund? Bei der Hitze eine Jacke …«, sagte der südländisch wirkende Mann mit dem glatt rasierten Gesicht völlig akzentfrei.
Er war nicht unbedingt die Art von Typ, die Moewig erwartet hatte. Der Privatermittler war davon ausgegangen, in eine Räuberhöhle zu kommen – randvoll mit Schlägern und Messerstechern. Doch er ließ sich von dem Auftreten des Mannes weder beeindrucken noch täuschen. Er blieb weiter auf der Hut, in Alarmbereitschaft. Er hatte schließlich gerade erst einen Fehler gemacht, der drei gebrochene Rippen zur Folge hatte.
»Setz dich, wir machen zwar erst in einer Stunde offiziell auf, aber Kaffee kann ich dir schon anbieten. Zwei Euro, okay?«, sagte der Mann im Leinenhemd.
Moewig nickte und registrierte, dass von dem anderen etwas Melancholisches, eine Aura der Trauer ausging. Er zog den Stuhl, auf dessen Lehne immer noch seine Hand lag, nach hinten und setzte sich an den klebrigen Tisch. Dabei biss er die Zähne zusammen, denn die Stichschutzweste umschnürte seine kaputten Rippen bei jeder Bewegung wie ein Schraubstock.
Der schmächtige Mann verschwand in der Küche. Das geschäftige Klappern von Geschirr erklang, dann das tiefe Brummen einer Gastronomiekaffeemaschine.
Nach ein paar Minuten kehrte der Mann in den ausgetretenen Lederslippern mit federnden Schritten zurück, in der Hand ein Tablett mit einem kleinen Glas pechschwarzem Kaffee. Daneben eine verschnörkelte Zuckerdose aus Messing und ein kleiner Löffel. Klirrend stellte er das Tablett vor Moewig auf dem Tisch ab.
»Danke«, sagte dieser und blickte dem Mann nach, der wortlos wieder in der Küche verschwand. Er griff nach dem Glas, das durch die heiße Flüssigkeit beinahe zu schmelzen schien, setzte es an die Lippen, verbrühte sich die Zungenspitze und stellte es hastig wieder ab. »Fuck, euer Kaffee hat aber eine gute Temperatur!«, rief er Richtung Küche. Er musste mit dem Mann ins Gespräch kommen, herausfinden, was er wusste. Wo die Saad-Brüder waren. Wo Abdelkarim Saad, der Mann aus dem Görlitzer Park, war. Der Mann, der höchstwahrscheinlich für den Tod von Moritz Lübben verantwortlich war. Oder der ihm zumindest eine Spur zu Moritz’ Mörder liefern konnte.
Aus der Küche erklang wieder Geklapper. Dann erschien der schmächtige Mann mit einem weiteren dampfenden Kaffeeglas, das er vorsichtig zwischen den Fingerspitzen hielt.
»Ja, verbrenn dich nicht. Normalerweise serviert jemand anderes. Ich bin nur manchmal hier. Man darf sich im Leben nie verbrennen«, sagte er in beiläufigem Tonfall, nahm auf einem Hocker vor dem Tresen Platz und musterte Moewig für einen kurzen Augenblick mit einem durchdringenden Blick. Hinter dem Tresen erklang ein zweifacher, kurzer Piepton. Der Mann verlor augenblicklich das Interesse an seinem Gast, fischte mit einer schnellen Bewegung ein Handy hinter dem Tresen hervor und starrte auf das Display. Die Stille wurde lediglich durch das geräuschvolle Schlürfen des Mannes unterbrochen, dem der Kaffee offensichtlich nicht zu heiß war, und durch die klackenden Töne der Handytastatur, als der Mann eine Textnachricht absetzte.
Moewig wartete ab, auch wenn ihm das alles nicht gefiel. Von dem Mann schien zwar aktuell keine Bedrohung auszugehen, aber er war wachsam. Behielt alle Türen im Auge. Doch nichts geschah. Ich muss irgendwie weiterkommen.
»Entschuldigung?«, sagte Moewig und erhob sich langsam von seinem Stuhl.
Der Mann blickte von seinem Handy auf.
»Ich suche den Löwen.« Moewig musterte die Gesichtszüge des Mannes. Doch seine Worte ließen keine Regung, keine Reaktion erkennen.
Erst nach einer Weile seufzte sein Gegenüber und antwortete: »Wann hört das denn auf? Immer wieder erkundigen sich die Leute hier nach Asad Saad. Der Pate . Der große Al Capone. « Er machte eine abwehrende Handbewegung.
Moewig setzte ein künstliches Lächeln auf. »Aber wie man so hört, findet man ihn hier.«
»Und selbst wenn ich ihn kenne – ich bin hier nicht die Rezeption. Die Familie Saad ist Eigentümer dieses Cafés, genauer gesagt des ganzen Hauses. Aber was glauben die Leute eigentlich? Dass der Löwe hier wie Hugh Hefner in der Playboy-Mansion im Bademantel mit Zigarre auf der Couch liegt? Herr Saad ist Geschäftsmann, viel unterwegs. Und außerdem …«
In diesem Moment gab das Handy vor ihm wieder zwei abgehackte Piepstöne von sich. Er überflog erneut eine Nachricht auf dem Display. »Die Familie Saad ist in tiefer Trauer. Es gab einen Todesfall. Einen sehr tragischen Todesfall. Das sollte man respektieren.« Mit diesen Worten tippte er erneut etwas in das Handy.
Moewig legte den Kopf zur Seite. Mist, so komme ich nicht weiter. Sturer Bock, der Kerl. Natürlich weiß er genau, wo der Löwe steckt.
»Ich würde den Löwen aber gern sprechen. Ich habe etwas, worauf er scharf ist, und möchte mit ihm über die Modalitäten der Übergabe sprechen«, sagte Moewig, während er sich erhob und einige Schritte in Richtung Tresen machte.
Keine Reaktion bei dem anderen, der immer noch auf das Handy vor ihm blickte, es aber in der Hosentasche verschwinden ließ, als Moewig zu ihm trat.
»Ich wurde vorgestern von einem Bruder des Löwen, nämlich von Abdelkarim Saad, im Görli zusammengeschlagen – was ich zugegebenermaßen vielleicht etwas provoziert habe, das mag schon sein. Ich bin auch nicht nachtragend. Und ich weiß, dass ein anderer Bruder des Löwen, Amir Saad, gestern Abend von einem Mann namens Hermann Lübben erschossen wurde. Und es gibt noch etwas, was den Löwen interessieren wird: Ich war es, der Moritz Lübbens Leiche vor vier Tagen, eingenäht in einen Boxsack, in einem Kickboxstudio im Wedding gefunden hat.«
Okay, hoch gepokert. Aber es muss sein, dachte Moewig.
Der Mann mit den schmalen Schultern glitt geschmeidig von dem Hocker, fast als würden ihn die Worte seines Gastes von der Sitzfläche ziehen.
Er baute sich vor Moewig auf, der ihn um gut einen Kopf überragte, und sah ihm mit funkelndem Blick direkt in die Augen. »Du machst hier eine ganz schöne Welle, mein Freund«, sagte er und trat einen Schritt auf Moewig zu, woraufhin dieser instinktiv einen Schritt zurückwich. »Keine Angst, mein Freund. Wie du vielleicht siehst, bin ich dir körperlich nicht gewachsen. Und ich bin nur ein einfacher Mann in einem Café. Aber vielleicht kann ich dir doch weiterhelfen.« Er trat noch näher und schob mit ironischem Unterton hinterher: »Was hast du eigentlich unter deiner Jacke? Eine Waffe? Ein Mikrofon?«
Moewig fühlte sich, als sei er beim Klauen von Süßigkeiten erwischt worden, doch er ließ sich nichts anmerken.
»Eigentlich auch egal. Du wärst nicht der erste verdeckte Ermittler, der sich hier am Kaffee die Zunge verbrüht hat. Komm!«, forderte der Mann ihn auf, während er die Tür neben der Küche öffnete und im Raum dahinter verschwand. Was ist das hier für ein Spiel?, dachte Moewig und wurde schlagartig skeptisch. Der Typ gehört zu Saads Leuten, kein Zweifel. Aber dennoch wirkt er harmlos.
Plötzlich schob sich der ergraute Lockenkopf des Mannes wieder durch die Tür. » Willst du da noch lange rumstehen, oder kommst du? Hier drinnen können wir in Ruhe sprechen.«
Moewig bewegte sich langsam auf die halb offene Tür zu, hinter der der Mann jetzt wieder verschwunden war, und blickte sich erneut in alle Richtungen um. Der Eingang. Die Küche. Es war niemand zu sehen. Außerdem war der Laden klein.
Er wäre im Notfall schnell wieder draußen. Egal, was sich hinter der Tür verbarg oder wer dort vielleicht neben dem Mann mit den ergrauten Locken auf ihn wartete.
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