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Berlin,
Treptowers, BKA-Einheit »Extremdelikte«, Büro Dr. Fred Abel,
Freitag, 1. August, 15:13 Uhr
I
ch möchte dich um deine Hilfe bitten, Fred.« Dieser Satz von Sabine Yao hallte immer noch in Abels Ohren nach. Er hatte mit vielem gerechnet, damit aber nicht. Er war zwar einerseits froh, dass sie zu ihm gekommen war, um seine Hilfe zu erbitten – wobei auch immer –, andererseits konnte er kaum glauben, dass sie sich nach den Ereignissen der letzten zehn Tage ausgerechnet an ihn wandte. Erstaunlich, nachdem Sabine bisher ja offensichtlich fest davon überzeugt war, dass ich derjenige bin, der ihrer Schwester unrecht tut, sie fälschlicherweise der Misshandlung ihrer Tochter bezichtigt – auch wenn ich das nie so konkret formuliert habe,
überlegte Abel verdutzt. Aber egal, das kommt einem Friedensangebot gleich. Und nur das zählt im Moment.
In diesem Augenblick verspürte er eine unendliche Erleichterung, dass das Vertrauen zwischen ihm und seiner Kollegin scheinbar nicht völlig zerstört war. Mittels einiger Mausklicks verringerte er die Lautstärke seines PCs.
»Natürlich helfe ich dir. Gern …«, sagte er hastig, denn er hatte plötzlich Angst, dass die Chance zur Versöhnung ebenso überraschend wieder verschwinden könnte, wie sie gekommen war. Dann wandte er vollends den Blick von dem Monitor ab, ließ den Innensenator weiter seine Allgemeinplätze herunterspulen und
blickte seine Kollegin an. »Was ist los?«
Sabine Yao rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. Sie zog die Unterlippe zwischen ihre Zähne, kaute leicht darauf herum, als müsse sie die richtigen Worte erst noch finden.
»Ich glaube, ich sehe langsam Gespenster«, begann sie unsicher. Dann schwieg sie wieder.
»Geht es um deine Schwester?«, fragte Abel sie.
Sabine Yao schüttelte den Kopf. »Nein, oder … eigentlich doch. Vielmehr um seltsame Dinge, die in ihrer Wohnung passieren. Ich fürchte, ich fange an zu spinnen. Ich sehe Dinge, die es gar nicht gibt. Oder vielmehr Dinge, für die es keine rationale Erklärung gibt.«
Bevor Abel nachfragen konnte, was sie damit genau meinte, hörte er mit einem Ohr, dass die Pressekonferenz nun an den Punkt gekommen war, an dem die anwesenden Journalisten ihre Fragen stellen durften. Der Generalstaatsanwalt schaute regungslos in die versammelte Runde der Hauptstadtpresse, bereit, mögliche Fragen sofort abzuwehren. Sein Gesicht glänzte jetzt. Die erste Frage eines Journalisten verlor sich im Raum. Abel wusste, dass jetzt der entscheidende Moment gekommen war, in dem es auch um Schuld oder Unschuld der behandelnden Ärzte gehen würde.
»Sabine, sorry. Lass mich das eben anhören, dann reden wir weiter.« Mit diesen Worten regelte Abel die Lautstärke wieder höher. Gerade rechtzeitig, um die Antwort des Generalstaatsanwalts zu hören: »Ja, uns ist bekannt, dass der Anwalt der Familie des Getöteten angekündigt hat, rechtliche Schritte gegen die behandelnden Ärzte der Charité einzuleiten. Aber dazu besteht kein Anlass, beziehungsweise ein solches Verfahren wäre zum Scheitern verurteilt. Denn aufgrund der Obduktionsergebnisse, die in der rechtsmedizinischen Abteilung des Bundeskriminalamtes erhoben wurden und die uns schriftlich vorliegen, ist ein ärztliches Fehlverhalten nicht feststellbar. Die Schussverletzung war zu
gravierend.« Fournier blätterte in seinen Unterlagen und zog eine Seite daraus hervor. »Ich habe hier ein Statement des federführenden Obduzenten Dr. Fred Abel, einem der renommiertesten Rechtsmediziner des BKA, zum Tod von Amir Saad, das ich Ihnen gern wortwörtlich vortragen möchte.«
Abel stockte der Atem. Dieser Idiot! Das ist doch wohl nicht sein Ernst! Mein Name hat doch im Zusammenhang mit diesem Fall überhaupt nichts in der Öffentlichkeit zu suchen,
dröhnte es in seinem Kopf.
Er schlug seine flache Hand auf die Tischplatte, dass es krachte und der Monitor einen kleinen Satz machte. Sabine Yao zuckte erschrocken zusammen.
»Dieses Arschloch Fournier! Der spinnt wohl!«, rief Abel und sprang von seinem Bürostuhl auf. Aus den Augenwinkeln sah er, wie der Generalstaatsanwalt triumphierend in die Runde der anwesenden Journalisten schaute, während neben ihm die Polizeipräsidentin und der Ärztliche Direktor der Charité flüsternd die Köpfe zusammensteckten und einander immer wieder zunickten.
»Was ist passiert?«, fragte Sabine Yao, die anscheinend so in Gedanken über ihre eigenen Probleme versunken gewesen war, dass sie überhaupt nicht zugehört hatte, was Fourniers Stimme verkündete.
»Ich hätte es wissen müssen! Ich hätte wissen müssen, dass diese ganze Sache totale Scheiße ist. Jetzt hat Fournier, dieser Schwachkopf, vor der versammelten Pressemeute meinen Namen rausposaunt, mich den Saads quasi auf dem Silbertablett präsentiert. So, wie die ticken, werden die mich jetzt zum Sündenbock machen und ihren Frust und ihre Aggression auf mich projizieren. Scheiße! Ich muss Herzfeld anrufen«, antwortete Abel hektisch.
Er nahm den Hörer seines Schreibtischtelefons auf und drückte auf eine der Kurzwahltasten.
Sabine Yao stöhnte auf.
Herzfeld ging bereits nach dem ersten Klingeln ans Telefon.
»Gesehen?«, stieß Abel hervor.
Herzfelds Antwort fiel deutlich länger aus. »Ja, habe ich. Ich weiß, dass das ein riesiger Haufen Mist ist, den Fournier gerade über dich und die Abteilung ausgekippt hat. Aber das ist noch nicht mal alles. Im Rahmen ›absoluter Transparenz‹, wie Fournier es genannt hat, hat er sich entschlossen, alle Unterlagen, sprich dein Obduktionsprotokoll und andere bisher vorliegende Dokumente einschließlich des vorläufigen Operationsberichts, dem Anwalt der Saads zu übergeben.«
Abel konnte kaum glauben, was er da hörte. »Kannst du das noch verhindern, Paul?«
»Zu spät! Als ich das vorhin aus dem Büro des Innensenators erfahren habe, habe ich alles versucht, aber die Mail samt Anhängen von der Generalstaatsanwaltschaft war schon raus. Der Anwalt hat seit heute Mittag alle unsere Unterlagen vorliegen.«
»Ist mein Name als federführender Obduzent und der des Operateurs in den übersandten Unterlagen wenigstens geschwärzt?«, wollte Abel wissen.
»Davon gehe ich nicht aus.«
Nicht nur mein Name, auch Heumann als verantwortlicher Operateur findet sich namentlich in den Unterlagen. Shit, ich glaub’s nicht,
fluchte Abel stumm. Dann wandte er sich wieder an Herzfeld: »Ich habe keine Lust, mit diesen Leuten in Kontakt zu kommen oder dass diese Typen persönlichen Kontakt zu mir suchen. Ich kann mir denken, was bei denen gerade im Kopf herumgeht. Die gehen davon aus, man habe ihren Bruder in der Charité vorsätzlich sterben lassen. Und ich bin in ihren Augen der, der die verantwortlichen Mediziner, insbesondere Heumann, jetzt deckt. Nach dem Motto: Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus, und so ein Schwachsinn. Paul,
kannst du dich bitte darum kümmern, dass ab sofort mein Zuhause von der Polizei bestreift wird? Lisa ist allein zu Hause, und ich habe nicht die geringste Lust, dass plötzlich Angehörige einer trauernden libanesischen Mafia-Familie bei uns vor der Tür stehen. Wir haben zwar alle eine behördliche Meldesperre bei den verschiedenen Ämtern in unseren Personendaten, und eigentlich sollte niemand unsere Privatadressen herausfinden können. Aber diesen Saads ist, nach dem, was wir gestern in der Frühbesprechung von Markwitz gehört haben, wohl alles zuzutrauen. Vielleicht haben die sogar einen Maulwurf in einer der Behörden oder Ämter. Ich bitte dich nicht um Personenschutz, nur darum, dass bei uns zu Hause öfter mal Streifenwagen vorbeifahren und die Kollegen von der Schutzpolizei auch mal vor dem Haus anhalten und sich dort zeigen, falls jemand unser Zuhause im Fokus hat«, appellierte Abel an Herzfeld.
Diesmal fiel Herzfelds Antwort deutlich kürzer aus. »Ich kümmere mich sofort darum. Ich leg jetzt auf.«
Abel knallte den Hörer auf den Apparat.
Sabine Yao ließ einige Sekunden verstreichen. Sie traute sich erst, Abel anzusprechen, als er mit einem Mausklick das Fenster mit dem Livestream geschlossen hatte.
»Und?«, fragte sie vorsichtig.
»Für Schadensbegrenzung ist es zu spät, aber Paul kümmert sich um Polizeipräsenz vor meinem Haus. Das war genau das, was nicht passieren sollte«, antwortete Abel gedämpft und spielte gleichzeitig weiter alle Eventualitäten im Kopf durch.
Vielleicht würde überhaupt nichts passieren. Vielleicht war der Clan aber so rachsüchtig, wie er befürchtete. Dann würden die Mitglieder Heumann, den sie höchstwahrscheinlich für den Tod von Amir Saad verantwortlich machten, und ihn, der Heumann in den Augen des Clans deckte, in die Zange nehmen. Auf welche Art auch immer – mit einem juristischen Nachspiel oder mit brachialer Gewalt.
Hinzu kam, dass auch Lars inzwischen viel zu tief mit in dieser Sache hing.
Abel atmete tief ein und stieß die Luft mit einem Seufzen wieder aus. »Ich rufe Lisa kurz an. Das wird ihr gar nicht gefallen.«
Abel nahm sein Blackberry und wählte die Nummer seiner Lebensgefährtin.
Doch Lisa nahm den Anruf nicht entgegen.
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