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Berlin-Neukölln,
Sonnenallee, Café Rayak,
Freitag, 1. August, 15:21 Uhr
D as Zimmer neben der Küche war eine kleine Abstellkammer. Abgestandene Luft. Staubiger, unverputzter Betonboden. Kanister mit Reinigungsmitteln. Ein Regal mit Geschirr. Vorräte für das Café. Gegenüber der Tür befand sich ein vergittertes Fenster zum Hinterhof. In der Mitte des Raumes standen sich zwei Klappstühle gegenüber. Auf dem Boden davor ein übervoller Aschenbecher.
Auf einem der beiden Stühle, mit dem Rücken zu dem vergitterten Hinterhoffenster, saß der schmächtige Mann. Er zündete sich gerade mit flinken Bewegungen eine Zigarette an. Moewig blieb in der Tür stehen. Der Mann blies den Rauch nach oben in Richtung Zimmerdecke und ließ das alte Zippo-Feuerzeug mit einem metallischen Klicken zuschnappen. In der anderen Hand hielt er das Handy, auf das Moewig jetzt zum ersten Mal einen genaueren Blick werfen konnte. Billiges Modell. Sehr wahrscheinlich immer wechselnde Prepaidkarten und somit einer Telefonüberwachung entzogen und seinem Benutzer nicht zuzuordnen, wenn es um Funkzellenabfragen ging, kombinierte Moewig.
»Komm rein!«, forderte der Mann ihn auf. »Hier haben wir unsere Ruhe. Setz dich.« Er deutete auf den freien Klappstuhl vor sich.
Moewig blickte sich um. Wenn ich mit dem Rücken zur Tür sitze, sehe ich nicht, wenn sich jemand von hinten anschleicht. Offensichtlich eine beliebte Saad-Taktik, hatte ich ja gerade erst im Görli, überlegte er.
Der Mann in der weiten Leinenhose blies einen Zug seiner Zigarette zur Seite, der dichte Rauch löste sich rasch auf und verschwand dann vollends durch das Gitter vor dem offenen Fenster.
»Ich würde lieber dort sitzen«, forderte Moewig trocken und deutete auf den Platz seines Gastgebers, der daraufhin den Mund zu einer dünnen Linie zusammenkniff, sodass alle Farbe aus seinen Lippen wich. »Okay. Wenn du deine Jacke aufmachst und ich einen Blick darauf werfen kann, was du darunter verbirgst«, entgegnete er mit einem grimmigen Lächeln.
Moewig sah ihm in die Augen. Sehr dunkle, sehr wache Augen. Er nickte langsam und zog den Reißverschluss seiner Jacke auf. Zentimeter für Zentimeter kam die Weste zum Vorschein.
Der Rauchende nickte anerkennend. »Ah, ein Profi. Aber du bist kein Polizist. Dann würden da noch die Kabel vom Mikrofon dranhängen. Nun, egal«, sagte er. »Die Arme hoch, beide. Ich will sehen, ob du einen Schultergurt hast.« Moewig tat, wie ihm geheißen. »Jetzt zeig mir deinen Rücken und Hosenbund, Jacke anheben und einmal komplett umdrehen«, kommandierte der Mann.
Moewig gehorchte erneut.
»Alles klar. Dann …«, begann der Mann, wurde aber in diesem Moment von seinem Handy mit einem weiteren zweifachen Piepton unterbrochen.
Moewig registrierte, dass sich die Miene des Mannes, während er die Textnachricht las, zunehmend verfinsterte. Dann hob er das Handy ans Ohr, wartete stirnrunzelnd auf eine Verbindung. Plötzlich bellte er: »Ja, ich kümmere mich!«, und beendete sichtlich verärgert den Anruf. Doch die Verärgerung hielt nur kurz an, denn als er sich erhob und Moewig seinen Platz mit geradezu einladender Geste anbot, wirkte er fast unbeteiligt.
Vielleicht ist er einfach ein guter Schauspieler, ging es Moewig durch den Kopf.
»Setz dich!«
Moewig ließ sich auf den Stuhl sinken, das vergitterte Hoffenster jetzt im Rücken, die offen stehende Tür zum Gastraum vor ihm fest im Blick.
Der Mann setzte sich ihm gegenüber, nur etwa einen halben Meter von dem Privatermittler entfernt, und blies ihm seinen Zigarettenrauch ins Gesicht.
Moewig wurde langsam ungeduldig.
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