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Berlin,
Treptowers, BKA-Einheit »Extremdelikte«, Büro Dr. Fred Abel,
Freitag, 1. August, 15:27 Uhr
N
achdem Lisa weder auf ihrem Handy noch zu Hause auf dem Festnetztelefon zu erreichen war, schickte Abel ihr eine SMS.
SMS LISA
Kann dich nicht erreichen. Melde dich bitte, Fred.
Anschließend schrieb er eine Textnachricht an Lars. Sabine Yao kehrte aus der Teeküche der Abteilung mit einer Tasse Kaffee für Abel und einer Tasse Tee für sich selbst zurück.
»Tut mir leid, dass ich dich unterbrochen habe«, sagte er, während sie sich wieder auf den Stuhl neben ihm setzte.
»Aber dass ich möglicherweise demnächst auf der Abschussliste eines libanesischen Clans stehe, ist so ziemlich das Letzte, was ich im Moment gebrauchen kann. Also, was ist los? Was hast du gesagt, siehst du?«
»Gespenster«, antwortete Sabine Yao zögerlich. »Oder zumindest fühlt es sich so an.«
Abel beugte sich etwas vor, nahm einen Schluck Kaffee und ließ sich dann erklären, was sich in der Wohnung von Mailin Zhou ereignet hatte beziehungsweise was seiner Kollegin dort an Ungereimtheiten aufgefallen war. Sabine Yao erzählte, dass niemand einen weiteren Wohnungsschlüssel zur Wohnung ihrer Schwester besaß, und sprach
von ihrer Begegnung mit dem Mann, der ihr aus der Fahrstuhlkabine entgegenkam und der genau die graue Sporttasche, die sich tags darauf in Mailins Wohnzimmer fand, bei sich hatte.
Als sie ihren Bericht beendet hatte, kratzte sich Abel am Hinterkopf, als könne er dadurch abwegige Gedanken loswerden. »Wenn du es nicht wärst, wenn ich dich nicht kennen würde und deine Schilderung aus rein ärztlicher Sicht deuten sollte, dann würde ich sagen, das sind Halluzinationen als Ausdruck von Wahrnehmungsstörungen im Rahmen einer Psychose. Ich würde sagen, solche optischen Halluzinationen sind Anzeichen eines Delirs. Vielleicht würde ich auch an Pseudohalluzinationen im Rahmen eines Drogenrausches denken. Oder dass es gar keine Halluzinationen sind, sondern Illusionen, dass du unter dem Einfluss eines emotionalen Ausnahmezustands im Affekt reale Objekte einfach nur verfälscht wahrnimmst. Aber ich kenne dich. Du nimmst keine Drogen, du trinkst niemals Alkohol. Du bist strukturiert, wie wir es in unserem Beruf nun mal sein müssen. Du hast einen klaren Blick, den du erst gestern wieder bei der Sektion von Amir Saad bewiesen hast. Also bringt es dich nicht weiter, wenn ich jetzt hier alle möglichen psychopathologischen Differentialdiagnosen von Sinnestäuschungen aufzähle. Außerdem bin ich kein Psychiater. Als Rechtsmediziner bin ich Realist und Pragmatiker. Wenn du mir also sagst, dass niemand anderes außer dir und deiner Schwester, die nachweislich nicht in der Wohnung gewesen sein kann, einen Wohnungsschlüssel besitzt, und du sicher weißt, dass Veränderungen im Inneren der Wohnung vorgenommen wurden, dann entgegne ich dir: Da stimmt etwas ganz gewaltig nicht, und du solltest der Sache nachgehen. Nein, wir
müssen der Sache nachgehen!«
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