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Berlin-Neukölln,
Sonnenallee, Café Rayak,
Freitag, 1. August, 15:32 Uhr
W ohin führt das? Ist der Typ ein Wichtigtuer? Oder weiß er wirklich was? Wird er mir etwas sagen?
»Angst, dass dir hier jemand was antun könnte?«, fragte der Mann, der das Handy jetzt locker in seiner linken Hand wiegte und mit der glühenden Zigarette auf Moewigs Stichschutzweste zeigte.
»Nein, das ist jetzt modern. Also, wo finde ich Asad Saad?«
»Na hier.«
»Wann ist er hier?«
»Ich sagte doch, er ist viel unterwegs.«
»Wann kommt er wieder?«
Umständlich schüttelte der Mann sein Handgelenk, sodass eine große, schwere Uhr mit Edelstahlarmband aus der Ärmelöffnung des weißen Leinenhemdes rutschte. Er blickte auf das Ziffernblatt. »In drei Sekunden ist er hier.«
Moewig konnte sich keinen Reim darauf machen, was für ein Spiel er mit ihm spielte.
»Eins, zwei …«, begann der schmächtige Mann zu zählen.
Moewigs Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Sein Puls ging augenblicklich in die Höhe, und sein Blick sprang zwischen der Türöffnung und dem Mann hin und her.
»Drei«, sagte der schmächtige Mann und ließ blitzartig seine Hand hinter den Rücken schnellen.
Eine Sekunde später starrte Moewig in den Lauf einer kleinen, schwarz lackierten Pistole, die sein Gegenüber sehr wahrscheinlich aus dem rückwärtigen Bund der weiten Leinenhose hervorgezogen hatte. Ein Profi. Nicht schlecht!
»Ich bin Asad Saad. Und du, Moewig, gehst mir langsam gehörig auf die Nerven.« Der Mann spie die Worte nur so aus.
Moewig spürte das Adrenalin in seinen Adern, das zu einem Kribbeln seiner Haut führte, seinen Mund austrocknete, seinen Puls noch stärker rasen ließ.
»Wichser!«, entfuhr es ihm, er blieb jedoch völlig ruhig auf seinem Stuhl sitzen. Die nur etwa eine Armlänge vor seinem Gesicht entfernte Waffenmündung ließ ihn abrupte Bewegungen tunlichst vermeiden, womöglich hätten sie Asad Saads Zeigefinger am Abzug zu einer nervösen Zuckung verleitet. Asad Saad sprang mit einer geschmeidigen Bewegung und vorgehaltener Waffe, die Moewig als Makarow 9 mm identifizierte, von seinem Stuhl auf, und sein rechter Fuß schnellte nach vorn. Der Tritt traf den sitzenden Moewig völlig unerwartet auf Höhe seines Brustbeins. Ein Feuerstoß explodierte in seinem Oberkörper, als seine gebrochenen Rippen innerhalb weniger Millisekunden das neuerliche Trauma über ihre mittlerweile hochgradig sensibilisierten Schmerzrezeptoren an sein Gehirn meldeten.
Moewig kippte samt Stuhl nach hinten um und schlug mit Rücken und Hinterkopf auf dem harten Betonboden auf. Mit schmerzverzerrtem Gesicht drehte er sich auf den Bauch, um sich aufzurappeln. Da spürte er die harte Mündung des kurzen Laufes der Makarow an seinem Hinterkopf, wodurch seine Stirn auf den rauen Fußboden gedrückt wurde.
Die Stimme des Mannes klang jetzt völlig verändert. Schneidend. Scharf. Hasserfüllt.
»Du wirst dein Maul halten. Kein Wort mehr. Du bist zu weit gegangen. Das Geld und die Drogen von Lübben, dem kleinen Wichser, sind mir scheißegal. Und deshalb bist du auch nicht hier. Du willst mich verarschen, aber keiner verarscht Asad Saad.«
Die Worte fielen aus ihm heraus wie Münzen aus einem Automaten. Kalt und abgehackt.
Ich hatte recht mit meiner Vermutung, er ist ein guter Schauspieler.
Dann spürte Moewig den heißen Schmerz der Zigarettenglut hinter seinem linken Ohr. Es fühlte sich an, als fresse sich die Hitze durch die dünne Haut und das darunter gelegene Weichgewebe bis auf seinen Schädelknochen durch, als Asad Saad die Zigarette in seinem Nacken ausdrückte.
Moewig presste die Kiefer so heftig aufeinander, dass er das Gefühl hatte, seine Zähne würden brechen. Er verbrennt mich, dieses Arschloch … Durchhalten … Ein gurgelnder Laut entfuhr seiner Kehle, ein Laut, der sich für ihn selbst völlig fremd anhörte.
»Und jetzt hör mir genau zu«, sagte Asad Saad.
Moewig vernahm die abgehackt klingende, hasserfüllte Stimme direkt neben seinem linken Ohr. »Du wirst jetzt diesem BKA-Arzt, der die Leiche meines Bruders untersucht hat, sagen, dass er seine Meinung ändern soll. Sie haben Amir sterben lassen im Krankenhaus, diese Hurensöhne. Genau das wird er aufschreiben.«
»Welcher BKA-Arzt? Wovon redest du?«, presste Moewig hervor, dem bereits Böses schwante. Die Zigarette war von seinem Hinterkopf verschwunden, zurück blieb ein stechend heißer Schmerz hinter dem Ohr.
»Dein Freund, Dr. Fred Abel. Wir wissen Bescheid. Wir wissen, dass er den Mord an meinem Bruder vertuschen will. Mein Anwalt hat den ganzen Scheiß schwarz auf weiß vorliegen.«
Dann wanderte die Mündung der Pistole von Moewigs Hinterkopf in seinen Nacken. Hart und unerbittlich hinterließ sie eine schmerzhafte Druckspur auf Moewigs kahl rasiertem Kopf. Er stöhnte vor Schmerz laut auf.
Woher kennt der Kerl Freds Namen? Woher weiß er, dass Fred seinen Bruder obduziert hat? Und wie kommt ein Anwalt der Saads so schnell … Wie kommt der überhaupt an diese Informationen?, überlegte Moewig fieberhaft.
»Ich werde … mit ihm sprechen …«, keuchte er. Seine Lippen berührten beim Reden den staubigen Betonboden, der Dreck blieb an seinem Mund kleben.
Asad Saad lachte verächtlich auf. »Das würde ich dir auch raten. Zum zweiten Mal bist du den Saads in die Quere gekommen. Abdelkarim hätte dich im Görli umbringen sollen. Dass er es nicht getan hat, war ein Fehler.«
Als Moewig etwas erwidern wollte, irgendetwas, nur um Zeit zum Nachdenken zu gewinnen, hörte er hinter sich Geräusche. Doch es war ihm unmöglich, den Kopf zu wenden, er hätte seine Nase und Wangenknochen an dem harten Betonuntergrund aufgerissen.
»Unten bleiben!«, befahl Asad Saad.
Moewig spürte einen leichten Luftzug. Jemand schien in den Raum getreten zu sein. Der Druck der Waffe in Moewigs Nacken verstärkte sich noch einmal.
Mehrere Hände tasteten plötzlich seinen Oberkörper und seine Gesäßtaschen ab, blieben schließlich an der Ärmeltasche seiner Fliegerjacke hängen. Mit einem leisen Geräusch wurde der Reißverschluss der Ärmeltasche aufgezogen, und mit einem schnellen Griff verschwand sein Mobiltelefon. Moewig hörte einen metallenen Aufschlag auf dem Betonboden und danach ein Knirschen.
Fred anzurufen, kann ich wohl vergessen, dachte er resigniert, dann ertönte auch schon wieder die Stimme des Löwen.
»Du denkst, du bist ein ganz Schlauer, oder, du Kaffer? Schneidest unser Gespräch hier mit und denkst, ich bin so blöd und merke das nicht? Aber was will man auch von einem Loser, der mit einer Stichschutzweste zu einer Schießerei kommt, erwarten?« Asad Saad lachte verächtlich auf. »Du kannst froh sein, dass du nicht sofort stirbst. Ich nehme jetzt die Waffe von deinem Nacken und gehe ein Stück zurück. Du wirst gleich ganz langsam aufstehen und verschwinden. Und dann richtest du deinem Arzt-Freund aus, was ich dir aufgetragen habe. Er wird den Mord an meinem Bruder bestätigen und es meinem Anwalt schriftlich geben.«
Der Druck der Waffenmündung in Moewigs Nacken war plötzlich verschwunden. Moewig atmete schwer aus und wirbelte dabei eine Staubschicht auf, die sich beim nächsten Atemzug in seinen Nasenlöchern verfing. Er strengte sich an, nicht zu niesen, und wartete noch einen Atemzug ab. »Kann ich aufstehen?«
»Überleg dir gut, was du jetzt tust. Wenn du meinst, gleich den Helden spielen zu müssen – bist du tot. Wenn ich dich jemals wiedersehen muss oder wenn auch nur ein Bulle hier auftaucht – bist du tot. Wenn du deinen Doktor nicht in die Spur bringst – bist du tot. Wir wissen, wer du bist, Moewig.«
Langsam drehte Moewig sich um, so als würde er auf einer dünnen Glasplatte liegen, die bei der kleinsten hektischen Bewegung zerbersten könnte. Er rollte sich auf den Rücken und sah hoch. Der Löwe und zwei weitere Männer, beide etwa Anfang zwanzig, mit schwarzen Vollbärten und tief ins Gesicht gezogenen Basecaps, musterten ihn wie Jäger ihre waidwunde Beute. Abwartend, lauernd.
Moewig rappelte sich mühsam auf. Wie schon nach der ersten Begegnung mit den Saads vor fast genau 48 Stunden schmerzte sein Körper auch jetzt wieder bis in die kleinste Faser. Mit unsicheren Schritten verließ er wortlos und ohne sich umzusehen das Hinterzimmer und durchquerte den Gastraum. Hier saßen zwei weitere Männer am Tresen, die mit finsteren Blicken jeden seiner Schritte wachsam verfolgten.
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Moewig stand im strahlenden Sonnenschein auf der Sonnenallee und klopfte sich den Staub des Betonbodens von Hosenbeinen und Jacke. Hinter ihm schlug die Eingangstür des Café Rayak krachend ins Schloss.
Hier draußen schien er plötzlich in einer anderen Welt zu sein. Die Bürgersteige hatten sich mit Menschen gefüllt, er hörte ihr Stimmengewirr. Es roch nach gebratenem Lammfleisch und orientalischen Gewürzen. Autos hupten, Kinder lärmten. Die Wirklichkeit umhüllte Moewig, er war zurück im Leben.
Verdammt, jetzt steht es schon zwei zu null. Ich werde anscheinend langsam zu alt für diesen Scheiß, dachte Moewig und trat mühsam seinen Rückweg an.
Er konnte noch keinen klaren Gedanken fassen, war benommen von den stechenden Schmerzen, die seine gebrochenen Rippen und die verbrannte Stelle hinter dem Ohr aussandten. Seine Hände zitterten.
Dann, nach etwa fünfzig Metern, ebbte sein Adrenalinspiegel langsam wieder ab. Moewig betastete seinen Hinterkopf, mit dem er hart aufgeschlagen war. Die Beule fühlte sich an, als würde ihm dort ein zweiter Kopf wachsen. Nach weiteren fünfzig Metern gewann er seine Fassung zurück. Die Gedanken in seinem Gehirn nahmen wieder Konturen an.
Er hatte den Angriff des Löwen überlebt. Sehr wahrscheinlich konnten das nicht viele von sich behaupten. Aber Moewig machte sich nichts vor. Dass er noch lebte, war allein den pragmatischen Überlegungen des Löwen geschuldet. Asad Saad hatte für ihn noch einen Auftrag.
Mit schneller werdenden Schritten näherte er sich seinem Wagen.
Er musste dringend ein Telefon finden und Fred warnen.
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