67
Berlin-Reinickendorf,
Weiße Stadt, Brückenhaus Aroser Allee,
Freitag, 1. August, 18:53 Uhr
D ie früher einmal grüne Wohnungstür, vor der die drei standen, hatte schon deutlich bessere Zeiten gesehen. Der Lack blätterte an diversen Stellen großflächig ab, so als würde sich die Tür häuten. Es war weder ein Namensschild noch ein anderer Hinweis auf den Bewohner zu sehen.
Drei Schlösser, hinter denen sich auf der anderen Seite der Tür wahrscheinlich gewaltige dazugehörige Querriegel befanden, waren in einer Reihe untereinander angebracht, sodass es selbst für denjenigen, der alle Schlüssel besaß, Logistik und eine gewisse Zeit erfordern würde, die Tür zu öffnen.
»Fred, willst du mir nicht endlich sagen, wen wir hier abholen? Wer ist diese Frau, die hier wohnt?«, fragte Sabine Yao in leicht genervtem Tonfall.
In den vergangenen vierzig Minuten waren sie durch die vom Feierabendverkehr verstopfte Innenstadt gefahren, und ihr war es sichtlich schwergefallen, sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass sich Moewig auf Abels Geheiß hin in ihre privaten Angelegenheiten einmischen sollte. Auch wenn sich der Privatermittler vom Beifahrersitz aus immer wieder zu ihr umgedreht hatte, um sie mit Anekdoten aus seiner langen Freundschaft zu Abel zu unterhalten und so das Eis zu brechen, war ihm das offenbar nicht wirklich gelungen.
Statt seiner Kollegin zu antworten, drückte Abel bereits zum dritten Mal auf den abgeschabten Klingelknopf neben der Wohnungstür. Aber nichts geschah.
»Deine Geheimwaffe hat wohl schon Feierabend«, spöttelte Moewig und erntete für diese Bemerkung ein müdes Lächeln von Sabine Yao.
»Doch, sie ist da«, erwiderte Abel leise und wandte sein Gesicht zu der Kamera, die, kaum größer als eine Zigarettenschachtel, in der oberen Ecke des Hausflurs hing. Sie war Moewig und Sabine Yao bis zu diesem Zeitpunkt entgangen. Doch Abel kannte das Gerät bereits und postierte sich gut sichtbar mit dem Gesicht zu der kleinen Linse.
»Hallo, Fred, deine Begleitung stellt sich bitte einmal vor«, schnarrte plötzlich eine elektronisch verzerrte Stimme aus einem winzigen Kasten unter der Kamera. Ein Mini-Lautsprecher. Ob die sprechende Stimme männlich oder weiblich war, ließ sich durch die Verfremdung nicht feststellen. Auch ein Roboter hätte die Identität der Gäste abfragen können.
Moewig und Sabine Yao blickten sich verunsichert an. Mit einer solchen Begrüßung hatten sie nicht gerechnet und waren zunächst sprachlos. Erst als Abel auffordernd mit der Hand in Richtung der Kamera deutete und sagte: »Das meint sie ernst«, war ihnen klar, dass sie ohne diese wunderliche Vorstellungsrunde wohl vor verschlossener Tür stehen bleiben würden.
Sabine Yao machte den Anfang. »Yao, Sabine. Rechtsmedizinerin. BKA, Abteilung für Extremdelikte.«
Dann schaute sie fragend zu Abel. »Reicht das, oder …«
Doch sie wurde von Moewig unterbrochen, der sich breitbeinig aufbaute und forsch nach oben schaute.
»Bond, James Bond. Doppel-Null-Agent beim MI6«, stellte er sich grinsend vor und wartete auf eine Reaktion.
Doch die kam nur von Abel, der ihm mit einem genervten Gesichtsausdruck einen sanften Klaps auf den Rücken gab.
Moewig zuckte zusammen, konnte jedoch trotzdem ein Lachen nicht unterdrücken.
Als Abel seinen Freund vorstellen wollte, meldete sich wieder die elektronisch verfremdete Stimme. »Lars Moewig. Zurzeit mit einer Ein-Mann-Firma als Privatermittler im Handelsregister eingetragen.«
Die Stimme aus dem Lautsprecher verstummte, und Moewig hielt den Atem an. Er schaute mit fragendem Blick zu Abel.
Jetzt war es Sabine Yao, die schmunzelte. Sie schien zu ahnen, dass sie hier genau an der richtigen Adresse waren, wenn es um Unterstützung für ihr Vorhaben ging.
»Ach ja«, schaltete sich die verfremdete Stimme noch einmal ein. »Sie fahren einen Lada Niva. Der TÜV läuft aber demnächst ab.«
Ehe Moewig darauf reagieren konnte, hörten sie, wie die Schlösser an der Innenseite der Wohnungstür von oben nach unten laut und vernehmlich klackten und sich schwere Riegel krachend zur Seite schoben.
Dann ging die Tür langsam auf.
Vor ihnen stand eine Frau mit leichtem Silberblick und lockigen braunen Haaren. Sie trug ein taubengraues Kostüm, das altmodisch geschnitten war. Zwischen ihren Beinen, die trotz der Sommerhitze in einer schwarzen Nylonstrumpfhose steckten, drückte sich eine Perserkatze hindurch, die scheinbar die Chance zur Flucht aus der Wohnung nutzen wollte.
»Kommt rein«, sagte die Frau, während sie die Katze sanft mit einem Fuß zurück in die Wohnung schob.
Sabine Yao streckte zögerlich ihre Hand aus, um die Frau zu begrüßen. Allerdings machte diese keinerlei Anstalten, sie zu ergreifen, sondern trat ein paar Schritte zurück.
»Darf ich euch …«, begann Abel, nachdem sie der Frau in den kleinen Wohnungsflur gefolgt waren.
Aber Moewig, der seine Fassung zurückgewonnen hatte, fiel ihm ins Wort. »Jede Wette, ich weiß, wen wir hier vor uns haben: Sara Wittstock. IT-Expertin beim BKA und Computerforensik-Genie. Richtig?«
»Richtig!«, sagte Abel anerkennend. »Ihr habt euch damals nicht persönlich kennengelernt, aber als Manon und Noah vor zwei Jahren Opfer einer Entführung wurden, war Sara maßgeblich daran beteiligt, dass ich meine Kinder unversehrt zurückbekommen habe. Ihr technisches Know-how, ihre Gesichtserkennungs- und Ortungssysteme haben für die rechtzeitige Entdeckung gesorgt. Und …«
»Und die technische Entwicklung pausiert nicht, Fred«, fiel ihm Sara Wittstock ins Wort. »Mit den heutigen Möglichkeiten der Biometrik stehen uns noch ganz andere Optionen bei der Gesichtserkennung zur Verfügung, und Spuren mit Tatrelevanz lassen sich digitalisiert viel schneller auswerten und zuordnen als damals. Polynomiale Optimierungsprobleme spielen kaum noch eine Rolle und …«
»Sara, wir sind hier, weil meine Kollegin Sabine ein Problem hat«, unterbrach Abel ihren Redefluss. »Ein Problem, für das du, wie du vorhin am Telefon sagtest, eine Lösung parat hast.«
Sara Wittstock bedeutete ihren Besuchern, ihr zu folgen. Es war, als bewegten sie sich in den Eingeweiden eines Computers. Etwa ein Dutzend nervös blinkende Servertürme standen links und rechts an den Wänden des Flurs und stellten zumindest in diesem Teil der Wohnung die einzige Inneneinrichtung dar. Auf dem Boden des Flurs verliefen mehrere armdicke Kabelbündel. Die Wärme absondernden elektronischen Geräte heizten die abgestandene Luft auf.
In dem Raum, der bei normaler Nutzung der Wohnung ein geräumiges Wohnzimmer dargestellt hätte und penetrant nach Katzenstreu und kalten Räucherstäbchen roch, stand direkt hinter der Türöffnung ein ramponierter Katzenbaum, auf dessen Spitze regungslos eine weitere Perserkatze thronte und abfällig maunzte, als die Besucher eintraten. Die Wohnzimmerfenster waren mit bodenlangen, lilafarbenen Vorhängen verdunkelt, die jeden Hinweis darauf abschirmten, ob draußen Tag oder Nacht herrschte.
Auf einem gigantischen Schreibtisch im Zentrum des Raumes war eine Mauer aus zwölf Monitoren errichtet – immer vier neben- und drei übereinander. Ein weiterer kleinerer und etwas abseits von den übrigen Monitoren postierter Bildschirm zeigte das im Moment unspektakuläre Livebild aus dem Hausflur, das von der dort installierten Überwachungskamera übertragen wurde.
Auf der Monitorwand, deren Bilder scheinbar von öffentlichen Überwachungskameras gespeist wurden, war in Ausschnitten das geschäftige Treiben auf öffentlichen Plätzen zu sehen. Ausschnitte des Alexanderplatzes und der Vorplatz des Berliner Hauptbahnhofs. Immer wieder zoomte eine unsichtbare Kamera auf Köpfe von Passanten, vergrößerte ihr Gesicht und unterlegte es mit einem Netzwerk dünner grüner Linien, die in einem Karomuster einzelne Gesichtsmerkmale scannten.
Moewig pfiff durch die Zähne. »Ich dachte immer, Big Data verletzt Menschenrechte? Was sagt denn der Berliner Datenschützer dazu?«
Sara Wittstock zuckte statt einer Antwort nur mit den Schultern.
»Also, das ist beeindruckend«, sagte Sabine Yao mit einem Blick auf die Monitore.
»Nichts im Vergleich zu ihrer alten Wohnung. Wann bist du aus dem Märkischen Viertel weggezogen?«, wollte Abel von Sara Wittstock wissen.
»Seit mein Ex vor einem knappen Jahr das Sorgerecht für unseren Sohn zugesprochen bekommen hat. Seitdem lebe und arbeite ich hier in meinem eigenen Rechenzentrum. Das BKA lässt mich durchgehend Homeoffice machen. In Amtshilfe bin ich immer mal wieder für den Staatsschutz tätig. Und seitdem ich regelmäßig mit meinem Therapeuten rede, kann ich es auch aussprechen: Ich kann die überwiegende Zeit des Tages besser ohne als mit anderen Menschen verbringen. Insofern ist das hier optimal für mich.« Für einen kurzen Moment wirkte sie verlegen, fast verletzlich.
»Also …« Sie rückte sich auf dem niedrigen Sitzhocker etwas zurecht, ehe sie fortfuhr. »Nachdem du mir vorhin berichtet hast, was deine Kollegin für ein Problem hat, habe ich mir überlegt, wie wir uns völlig unbemerkt ein Bild von dem angeblichen Spuk machen können. Im Prinzip braucht ihr mich dazu nicht. Ihr könnt das mit zwei Handys und einem Babyfon mit integrierter Kamera selbst machen, denn das ist im Grunde ja auch Spionagetechnik. Aber wo ihr schon mal hier seid, können wir es auch professionell angehen.«
Sara Wittstock trat auf die Monitorwand zu und zog aus den Schubladen in den Seitenteilen ihres riesigen Schreibtisches diverse Mini-Kameras, hauchdünne Kabel und weitere technische Spielereien hervor. Triumphierend hielt sie eine der Mini-Kameras, die nicht größer als eine Walnuss war und auch in etwa dieselbe Form hatte, ihren Besuchern hin und sagte stolz: »Die zeichnen bis zu 200 Stunden durchgehend auf einer internen Festplatte auf. Superview, 170-Grad-Bildwinkel, und das in 28-Megapixel-Auflösung. Und sogar in völliger Dunkelheit erkennt man alles, was sich vor der Linse abspielt, gestochen scharf. Parallel sendet das kleine Wunder das Material via WLAN hierher auf meine Rechnereinheit, falls jemand die Kamera mit der Festplatte entdeckt und verschwinden lässt. Moderne Mobilfunktechnologie macht’s möglich. Ich sagte ja schon, Fred, heute gibt es ganz andere Möglichkeiten als noch vor zwei Jahren.«
Die Besucher waren sprachlos.
Abel fand als Erster seine Sprache wieder. »Und wie bringen wir die Technik da rein? Lars könnte das machen …«
Sara Wittstock zog einen Schmollmund. »Ernsthaft? Bitte jetzt keine Anfängerfehler. Da marschiert plötzlich ein Muskelmann in Schonhaltung rein?«
Moewig plusterte sich sofort auf. »Ich habe gebrochene Rippen, dafür schone ich mich herzlich wenig«, sagte er ruppig und erntete ein Augenzwinkern von Sara Wittstock, was ihn sofort besänftigte.
»Ich denke, wenn zwei Frauen da reingehen, von denen sich eine besonders gut mit der Technik auskennt, sind wir schneller. Meint ihr nicht?«, fragte die IT-Expertin bestimmt und stopfte die Ausrüstung in eine übergroße Handtasche.
Wenn etwas Ungewöhnliches in der Wohnung von Sabines Schwester vorgeht, Sara wird es herausfinden, dachte Abel. Aber was, wenn die Wahrheit alles nur noch schlimmer macht?
☠ ☠ ☠