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Berlin, Marzahn-Hellersdorf,
Wohnung von Mailin Zhou,
Freitag, 1. August, 20:41 Uhr
S
abine Yao verfolgte staunend, wie Sara Wittstock einem Fährtenhund gleich durch die Wohnung ihrer Schwester streifte. Langsam und mit Bedacht schritt sie durch jedes Zimmer, kontrollierte immer wieder prüfend die Decke und Zimmerecken, untersuchte Möbelstücke, öffnete Schränke. Nach einer Weile verschwand Sabine Yao im Schlafzimmer und räumte die herumliegenden Kleidungsstücke zusammen. Sie hörte, wie Sara Wittstock nun in der Küche Schranktüren und Schubladen öffnete und geräuschvoll wieder schloss.
Dann erschien sie in der Schlafzimmertür. »Seit wann trinkt deine Schwester?«, fragte sie.
Sabine Yao wurde nervös. Fühlte sich plötzlich unwohl. Woher will sie das denn wissen? Ich habe doch die ganzen leeren Weinflaschen entsorgt,
fragte sie sich.
»Keine Sorge, ich verfüge nicht über telepathische Fähigkeiten. Ich habe diverse Korkenzieher gefunden, aber keine einzige Weinflasche. Mit den Mundwassern im Badezimmer und in den Küchenschubladen könnte deine Schwester einen Drogeriemarkt eröffnen. Und die Aspirin- und Paracetamol-Sammlung im Bad ist beachtlich. Ach ja, und der Apfelsaft im Kühlschrank ist übrigens mit Wodka versetzt, falls du das noch nicht gemerkt hast …«
»Ich weiß nicht, wann genau Mailin wieder angefangen hat zu
trinken. Bis vor Kurzem dachte ich noch, dieses Kapitel wäre Geschichte«, räumte Sabine, nicht unbeeindruckt von Sara Wittstocks Beobachtungs- und Kombinationsgabe, ein. Und wieder einmal musste sie zugeben, dass sie nur wenig über ihre jüngere Schwester wusste. Wie sehr sie sich zwischen dem Glauben an deren Unschuld, was Siaras Verletzungen betraf, und den Tatsachen, die sich ihr in den letzten Tagen offenbart hatten, hin- und hergerissen fühlte!
Sara Wittstock kratzte sich verlegen am Hinterkopf. »Entschuldigung, ist auch nicht wirklich von Relevanz für unser Vorhaben. Ich dachte, fragen schadet nicht.« Ehe Sabine Yao darauf etwas entgegnen konnte, schaltete Sara Wittstock wieder in ihren kriminalistischen Betriebsmodus und sagte: »Ich lege jetzt los, dann sind wir hier in spätestens dreißig Minuten wieder raus.«
Sabine Yao nickte. »Was kann ich tun?«
»Mir mal eine kleine Leiter holen. Ein Stuhl aus der Küche tut es sonst auch, die sehen recht stabil aus. Ich muss ein bisschen klettern.« Sie holte ihre große Handtasche, die sie im Eingangsbereich auf dem Boden abgestellt hatte. Als Sabine Yao mit einem Stuhl ins Wohnzimmer zurückkehrte, sah sie, wie die IT-Expertin ein Dutzend ihrer kleinen Kameras auf dem Boden verteilte.
»Damit werden wir alles sehen, was hier passiert. Also, wenn
etwas passiert. Weißt du, wer sonst noch hier im Haus wohnt? Würde ich sonst mal checken. Vielleicht ist ein Einbrecherkönig, ein polizeibekannter Spanner oder ein perverser Höschensammler dabei. Nichts für ungut, aber das ist wichtig für das Gesamtbild. Ziehe ich mir aber später aus dem Computer. Hältst du bitte den Stuhl fest, ich muss hier hoch …«, sagte sie, nahm eine der Kameras in die Hand und stieg auf die Sitzfläche des Küchenstuhls, um das Gerät oben auf der Schrankwand im Wohnzimmer anzubringen.
»Ich kenne keinen der Bewohner. Ich weiß nicht einmal, wer die direkten Nachbarn sind«, sagte Yao ratlos und stemmte sich auf die
Stuhllehne.
Die IT-Expertin stellte sich auf die Zehenspitzen, hantierte auf der Oberseite der Schrankwand herum, die bis etwa zehn Zentimeter unter die Decke reichte, und stieg kurz darauf mit einer geschmeidigen Bewegung wieder herab. »So, das wäre schon mal erledigt. Wir platzieren zwei Kameras in jedem Raum, dasselbe auch draußen im Flur, Blickrichtung Fahrstuhl inklusive Wohnungstür. Dann können wir jeden sehen, der sich auf der Etage bewegt, und alles, was in der Wohnung vor sich geht.«
Sabine Yao überlegte für einen kurzen Moment, ob es wirklich richtig gewesen war, Abel und damit auch Sara Wittstock in ihre Beobachtungen einzuweihen. Sollte diese ganze Überwachungsaktion fruchtlos und ohne Resultat verlaufen, würde das schlichtweg bedeuten, dass sie nervlich am Ende war – etwas, was sie sich selbst weder ein- noch zugestehen wollte.
Während Sabine Yao noch darüber nachgrübelte, beobachtete sie, wie Sara Wittstock weitere Mini-Kameras in den verschiedenen Zimmern der Wohnung montierte: mithilfe von doppelseitigem Klebeband verschwanden sie in oder auf Möbelstücken, in Lampen oder zwischen Haushaltsgegenständen.
Die Rechtsmedizinerin wusste nicht, was sie sich mehr wünschte: dass die Kameras etwas in der Wohnung aufzeichneten oder dass nichts dergleichen passieren würde.
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