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Berlin, Charlottenburg-Westend,
Wohnhaus von Dr. Michael Heumann, Gästebad, Freitag, 1. August, 23:44 Uhr
D erselbe Wagen. Da ist er wieder.
Heumann starrte gebannt aus dem kleinen Fenster des Gästebades in seinem stilvollen Einfamilienhaus im Berliner Westend, eine der teuersten Wohngegenden Berlins. Vor hier aus hatte er den besten Überblick auf die Straße. Sein Blick folgte dem schwarzen Mercedes Coupé, der im Schritttempo vor dem Haus entlangfuhr, durch die Dunkelheit.
Heumann war sich sicher, dass es innerhalb der letzten eineinhalb Stunden mehrfach derselbe Wagen gewesen war. Die Straße, in der Heumann mit seiner Familie lebte, war keine Durchfahrtsstraße für den Berufsverkehr, sondern eine verkehrsberuhigte Tempo-30-Zone. Man kam hier nicht zufällig vorbei.
Schon wieder. Wer ist das, verdammt …
Fahrer und Beifahrer waren durch die dunkel getönten Scheiben des Fahrzeugs nicht zu erkennen. Nachdem der schwarze Mercedes das Haus des Chirurgen passiert hatte, heulte der Motor auf, und der Wagen verschwand aus Heumanns Blickfeld. Langsam zog er die Finger aus dem Spalt zwischen Innenjalousie und Fensterrahmen.
Seine Frau Isabell war gegen 22 Uhr ins Bett gegangen. Er hatte ihr gesagt, er sei noch nicht müde, wolle noch ein bisschen fernsehen und dann nachkommen. Dann war ihm der Kegel der Scheinwerfer aufgefallen.
Sein Mund wurde trocken. Die Wirkung der letzten Tavor-Tablette, die er vor nicht einmal zwei Stunden eingeworfen hatte, ließ schon wieder nach.
Muss noch eine Tablette nehmen.
Da!
Irgendjemand ließ weiter oben in der Straße den Motor eines Autos aufheulen. Hastig schob Heumann wieder die Hand hinter die Jalousie, zog sie ein Stück von der Fensterscheibe fort. Lugte durch den Spalt nach draußen.
Nichts.
Der Chirurg trat ein paar Schritte zurück, nestelte einen Tablettenblister aus seiner vorderen Hosentasche. In einer Ecke seines Gehirns schlummerte schon seit einiger Zeit die Erkenntnis, dass er nichts anderes als ein Junkie war. Einer, der sich ständig nach dem nächsten chemischen Kick sehnte. Einer, der chemischen Support brauchte, wenn er das Gefühl hatte, die Situation um ihn herum würde seiner Kontrolle entgleiten. Ich bin abhängig von diesem Scheißzeug. Wenn das hier vorbei ist, muss ich davon runterkommen. Er wischte den Gedanken beiseite. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt für Selbstzweifel. Heumann drückte eine Tablette aus dem Blister und schluckte sie trocken herunter.
Einmal noch nachschauen. Ein letzter Blick vors Haus, dann ab ins Bett. Morgen den Tag genießen. Mit Lotte in den Garten. Gleich früh, wenn es noch nicht so heiß ist. Morgen Abend dann wieder in den Nachtdienst.
Plötzlich fühlte er sich müde, als hätte er tagelang keinen Schlaf bekommen. Eine tiefe, schmerzhafte Erschöpfung breitete sich in seinem Körper aus.
Wie ein Schlafwandler trat er erneut an das Badezimmerfenster, schob langsam die Hand zwischen Jalousie und Scheibe und spähte hinaus. Und zuckte augenblicklich zusammen.
Dort in der Auffahrt! Der Wagen!
Heumann erstarrte.
In diesem Moment schaltete der Fahrer des schwarzen Mercedes Coupés das Fernlicht ein. Die Xenon-Scheinwerfer fuhren langsam hoch. Immer höher an der Fassade von Heumanns Haus entlang, bis sie das kleine Bad hell erleuchteten.
Heumann hob die Hand schützend vor die Augen. Er war sich sicher, dass der Clan des toten Amir Saad ihn gesucht und gefunden hatte.
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