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Berlin-Grünau,
Wohnhaus von Dr. Fred Abel und Lisa Suttner, Schlafzimmer,
Samstag, 2. August, 9:07 Uhr
A bel hatte wie ein Stein geschlafen. Als er gestern Abend nach Hause gekommen war – noch vor 21 Uhr, wie er es Lisa versprochen hatte –, hatte sie ihn mit einer ordentlichen Portion seiner heiß geliebten Spaghetti Carbonara empfangen.
Doch wirklich entspannt war der Abend nicht gewesen. Die Bedrohung, die von den Saads ausging, war nicht zu unterschätzen. In regelmäßigen Abständen waren Streifenwagen vor ihrem Haus aufgetaucht, und sowohl Herzfeld als auch der Dienststellenleiter des für ihre Wohngegend zuständigen Polizeireviers hatten sich mehrfach telefonisch nach dem Rechten erkundigt. Es war zwar für Lisa und ihn beruhigend zu wissen, dass man die Angelegenheit ernst nahm, von einem gelösten Miteinander waren Abel und seine Lebensgefährtin jedoch weit entfernt gewesen.
»Hier ist unser Zuhause, Freddy«, hatte Lisa mehrfach gesagt, als müsste sie sich selbst immer wieder bestätigen, dass die von ihnen zunächst diskutierte, dann aber wieder verworfene Möglichkeit, in ein Hotel zu ziehen oder sogar in ein Safe House des BKA, nicht die richtige Antwort auf die Bedrohung durch den Saad-Clan war.
»Am liebsten würde ich die verdammten Saads zu Fournier nach Hause schicken«, hatte Abel verbittert gemurmelt. Und später am Abend hatten Lisa und er sich dann mit Schwärmereien über ihren nächsten Griechenlandurlaub abgelenkt. Doch daran, dass sich Lisa noch eine gefühlte Ewigkeit neben ihm im Bett hin und her warf, konnte Abel festmachen, dass die Aussicht auf den bevorstehenden Sommerurlaub seine Lebensgefährtin nicht wirklich beruhigt hatte.
Schließlich war Abel irgendwann nach Mitternacht in einen bleiernen Schlaf gefallen.
Nun lag er, seitdem er vor etwa zehn Minuten aus einem wilden Traum aufgeschreckt war und nicht mehr einschlafen konnte, mehr oder weniger wach in ihrem gemeinsamen Doppelbett. Lisa schlief noch tief und fest. Auch an diesem Morgen wurde Abel jenes Gefühl nicht los, das ihn schon am gestrigen Abend beschlichen hatte: dass Lisa irgendwie verändert war, dass irgendetwas zwischen ihnen stand. Irgendetwas, das mit der Bedrohung durch die Saads nichts zu tun hatte.
Er stand schließlich auf, verließ geräuschlos das Schlafzimmer und ging in das angrenzende Badezimmer, wo er gestern Abend, völlig erschöpft, vor dem Zubettgehen förmlich aus seiner Kleidung gefallen war. Er sammelte Hose, Hemd und Strümpfe auf. Sein Blackberry steckte noch in der Hosentasche. Abel zog das Gerät heraus und checkte das Display: vier Nachrichten.
SMS SABINE YAO
Danke! Deine Geheimwaffe ist überragend.
Bin gespannt, was sie herausfindet. Sabine
SMS SABINE YAO
PS: Ich hoffe, sie findet was heraus,
sonst sehe ich tatsächlich Gespenster!
Die dritte Textnachricht war von Sara Wittstock und fiel deutlich knapper aus. Sie hatte, im Gegensatz zu Sabine Yao, deren Nachrichten am späten Abend eingetroffen waren, mitten in der Nacht um 02:35 Uhr geschrieben.
SMS SARA WITTSTOCK (IT)
Melden!
Die vierte Nachricht war ebenfalls von Sara Wittstock und nur wenige Minuten nach ihrer ersten SMS gesendet worden. Es war ein Foto, von einem Bildschirm abfotografiert und einen Mann zeigend, der in einem Wohnzimmer stand. Auch wenn Abel noch nie dort gewesen war, war ihm augenblicklich klar, wo das Foto entstanden sein musste. Mailin Zhous Wohnung! Auf einen Schlag war Abel hellwach.
Er schloss leise die Badezimmertür, ging im Menü seines Blackberrys durch die Anrufliste des vorherigen Tages und wählte dann die Nummer von Sara Wittstock. Als sie das Gespräch annahm, klang die Stimme der IT-Expertin aufgekratzt und hellwach, auch wenn sie sicherlich in dieser Nacht nur wenig Schlaf bekommen hatte.
»Sehr gut, sieben Stunden nach der entscheidenden Nachricht ist der Herr der Leichen auch schon wach«, spöttelte sie am anderen Ende der Leitung. Im Hintergrund gurgelte eine Kaffeemaschine.
»Sorry, hab mein Handy gerade erst gecheckt. Und heute ist Wochenende für alle, die nicht durchgehend im Homeoffice arbeiten so wie du«, erwiderte Abel kleinlaut. »Aber jetzt bin ich ganz Ohr. Was hat es mit dem Foto auf sich?«
»Heute Nacht habe ich schon mal das bisherige Material von allen Kameras, die ich in der Wohnung von Sabines Schwester installiert hatte, gesichtet. Und jetzt gibt es ein Rätsel für dich. Eine Black Story. Um kurz nach 22 Uhr betritt ein Mann die Wohnung von Mailin Zhou. Mit einem Schlüssel. Genau einundzwanzig Minuten später gehen zwei Männer wieder aus der Wohnung raus. Was ist passiert?«
Abel überlegte kurz, ob er sich auf das in Anbetracht des Ernstes der Lage eher zweifelhafte Vergnügen eines Ratespiels einlassen sollte. Dann fragte er: »Es war jemand in der Wohnung?«
»O ja!«
»Zwei Männer?«
»Ich sagte doch, einer ging rein, zwei gingen raus.«
»Ich möchte nicht raten, glaube ich«, flüsterte Abel nervös und versuchte zeitgleich, an der Badezimmertür zu lauschen, ob er vielleicht Lisa im Schlafzimmer durch sein Telefonat geweckt hatte.
»Also gut, ich sende dir gleich per E-Mail eine Videodatei, in der ich die entscheidenden Sequenzen zusammengeschnitten habe: Ein Mann betritt die Wohnung. Kein Einbruch. Er hat einen Schlüssel, er kennt sich aus. Geht zielstrebig ins Wohnzimmer. Die anderen Räume interessieren ihn nicht. Die betritt er nicht mal. Und im Wohnzimmer, da passiert dann etwas wirklich – na ja, Kurioses.«
»Was denn?«, fragte Abel ungeduldig.
Sara Wittstock machte eine Pause, als würde sie noch einmal durch das Material spulen, damit sie auch wirklich keine falsche Information weitergab, was Abels Spannung schier ins Unendliche steigerte.
»Da kriecht ein zweiter Kerl aus dem Wohnzimmerschrank.«
»Sag das bitte noch mal.«
»Ich habe dir eben die Videodatei geschickt, da siehst du alles. Und Fotos der beiden Typen, Ganzkörperaufnahmen und Bildausschnitte, die Gesichter vergrößert«, berichtete Sara Wittstock. »Der zweite Mann ist aus der Schrankwand im Wohnzimmer gekrochen. Einfach so. Ich weiß nicht, wie er da reingekommen ist. Jedenfalls nicht, seitdem meine Kameras ab 21:04 Uhr aufgezeichnet haben, das kann ich mit Sicherheit sagen. Das bedeutet: Er war schon die ganze Zeit da drin. Er war in dem verdammten Schrank, als ich mit Sabine gestern Abend in der Wohnung war!«
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