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Berlin, Charlottenburg-Westend,
Wohnhaus von Dr. Michael Heumann, Küche,
Samstag, 2. August, 9:15 Uhr
H
eumann hatte mit einer Regel gebrochen, die er sich selbst auferlegt hatte. Damals, als das mit den Tabletten, zunächst mit Ephedrin, angefangen hatte: Keine Pillen zu Hause einnehmen. Doch heute hatte er es getan. Wie auf Watte war er nach unten gegangen, wo Isabell bereits mit dem Frühstück wartete.
Ich werde ihr nichts sagen. Erst mal. Schließlich kann ich jetzt keinen weiteren Stressfaktor gebrauchen,
dachte Heumann, fest überzeugt, alles im Griff zu haben. Irgendwie.
Gegenüber seiner Frau hatte er nur das Nötigste von dem Vorfall in der Rettungsstelle berichtet.
»Was guckst du eigentlich ständig nach draußen? Haben wir eine hübsche neue Nachbarin?«, fragte Isabell scherzhaft, als Heumann zum wiederholten Male an diesem Morgen an das Küchenfenster trat und hinausspähte, und schenkte ihm ein Lächeln. Ein liebevolles Lächeln, eingerahmt von ihren langen blonden Haaren. Auch Heumann lächelte.
Sie hat nicht die geringste Ahnung, was ich alles auf die Reihe bekommen muss.
Behutsam, als könnten seine Hände etwas kaputt machen, strich Heumann seiner Frau über die Haare. Sie fühlten sich weich und warm an.
Sie drehte sich um, wollte ihn umarmen, doch er wandte sich abrupt von ihr ab, ergriff schnell ein Geschirrhandtuch und nahm die
Weingläser aus der Spülmaschine.
Sie ist so gut und aufrichtig. Sie hat Normalität verdient, darf nichts merken.
Sein Nervensystem schaltete langsam wieder einige Gänge runter. Doch verschwinden wollten die Gedanken an den Mann nicht, der ihm in der Notaufnahme gedroht hatte und ihm jetzt wohl nachstellte.
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