74
Berlin, Charlottenburg-Westend,
Wohnhaus von Dr. Michael Heumann, Terrasse,
Samstag, 2. August, 10:10 Uhr
I
sabell Heumann liebte solche Tage. Die achtunddreißigjährige Ärztin saß im Schatten des riesigen Sonnenschirmes auf der weitläufigen Terrasse ihres Hauses auf einer champagnerfarbenen Rattancouch mit weißer Stoffauflage und blätterte sich durch einen Stapel Frauenmagazine, den sie am Vortag aus dem Wartezimmer ihrer Praxis mit ins Wochenende genommen hatte. Vor ihr auf dem Tisch standen eine Glaskaraffe mit Wasser und darin schwimmenden Zitronenscheiben sowie zwei Gläser.
Michael hatte Brötchen geholt, dann hatten sie gemeinsam gefrühstückt. Ihr Familienleben war perfekt. Trotz der kräftezehrenden Nachtdienste ihres Mannes war er nach wie vor ein liebevoller Ehemann und Familienvater. Auch wenn sie sich immer wieder fragte, wie er es schaffte, morgens als Erster aufzustehen. Sein Schlafdefizit musste immens groß sein.
Michael hatte bis eben noch mit ihrer Tochter Charlotte Boule gespielt – die Kinderversion mit kleineren und leichteren Kugeln – und war jetzt unterwegs, um die Bewässerungsanlage im Vorgarten zu überprüfen. Ihre fünfjährige Tochter spielte im Garten, weiter hinten bei den Rhododendren.
Isabell legte ihre nackten Beine übereinander und zog das weiße Leinenkleid zurecht. Was für ein schöner Sommertag,
dachte sie und hielt Ausschau nach Michael. Er war aber noch nicht wieder hinter
dem Haus aufgetaucht.
Isabell nahm sich die nächste Zeitschrift vor und begann darin zu blättern.
»Mama?«
Sie zuckte zusammen und ließ das Magazin sinken. Charlotte hatte sich von der Seite leise angeschlichen und stand jetzt direkt neben ihr.
»Na, kleine Maus? Was macht der Ponyhof?«, fragte Isabell. Sie wusste, dass sich ihre Tochter zwischen den Sträuchern eine Höhle gebaut hatte, in der ihre Ponys standen. Nur sie konnte die Ponys sehen. Und nur sie sie reiten.
»Den Ponys geht es gut. Ich habe alle gefüttert und gebürstet. Und ich hab jetzt auch einen Babyhund«, erzählte ihre Tochter aufgeregt und versuchte, sich ihr Trinkglas mit Wasser und Zitronenscheiben zu angeln.
Isabell nickte verständnisvoll. »Das ist gut, und jetzt haben die Ponys Durst? Und einen Babyhund gibt es auch auf deinem Reiterhof, sagst du?«
Die Kleine nickte und strich sich eine ihrer wilden dunklen Strähnen aus dem Gesicht. Sie hatte die kräftigen und wunderschönen Haare ihres Vaters geerbt.
»Ja, aber der hat sich ganz doll wehgetan. Jetzt muss er zum Tierarzt.«
»Und du bringst ihn hin? Das ist aber lieb von dir«, erwiderte Isabell und freute sich über die Fantasie ihrer Tochter.
»Der hat wirklich dolles Aua«, antwortete Charlotte geheimnisvoll, die inzwischen das Glas erreicht hatte und mit beiden Händen zum Mund führte. Als sie trank, fiel Isabells Blick auf die kleinen Hände ihrer Tochter. Sie waren schmutzig. Um ihre Fingernagelränder verliefen braune Rinnsale, die feucht glänzten.
Als Charlotte das Glas wieder abstellte, stockte Isabell der Atem.
Charlottes Finger hatten rote Abdrücke auf dem Trinkglas
hinterlassen.
Blut!
☠ ☠ ☠