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Berlin-Grünau,
Wohnhaus von Dr. Fred Abel und Lisa Suttner, Wohnzimmer,
Samstag, 2. August, 10:14 Uhr
M oewig war so schnell zu Abel nach Grünau gefahren, wie er nur konnte. Sein Lada Niva kam auf der Auffahrt vor Abels Wohnhaus knatternd zum Stehen, und als er sich mühsam aus dem Auto quälte – seine schmerzenden Rippen machten ihm immer noch zu schaffen – und die Autotür zuschlug, öffnete sich bereits die Haustür.
»Hallo, Lars. Komm rein«, begrüßte ihn Abel in der Kleidung des Vortages. Seine grauen Haare waren völlig zerzaust, und die Bartstoppeln in seinem Gesicht ließen Moewig vermuten, dass er es an diesem Morgen offensichtlich noch nicht geschafft hatte, Zeit im Bad zu verbringen, oder dass er sich überhaupt nicht die Mühe gemacht hatte, auch nur einen Blick in den Spiegel zu werfen.
»Du machst es ja mal wieder spannend, Fred. Es muss ziemlich wichtig sein, wenn du mich am Wochenende vor dem Frühstück einbestellst. Ich habe nur leider die Brötchen vergessen«, sagte Moewig ironisch und hob entschuldigend die Hände.
Abel zog seinen Freund hastig ins Haus. »Das kannst du später gern Lisa erzählen, sie schläft noch. Du musst dir etwas ansehen. Wittstock hat etwas in der Wohnung von Mailin Zhou festgestellt. Ich habe auch schon versucht, Sabine anzurufen, aber sie geht nicht ran.«
Die beiden Männer betraten das Wohnzimmer im Erdgeschoss. Abels Laptop stand geöffnet auf dem großen Glastisch in der Mitte des Raumes.
»Da warst du aber noch deutlich jünger«, sagte Moewig schmunzelnd und deutete mit dem Finger auf das Foto von Lisa und Abel in dem silbernen Rahmen, das auf dem weiß lackierten Sideboard stand.
»Ja, und damals hatte ich auch noch deutlich weniger Probleme als momentan«, sagte Abel und bedeutete Moewig, neben ihm vor dem Laptop Platz zu nehmen.
Er aktivierte den im Ruhemodus befindlichen Bildschirm. »Sieh mal, was sich gestern in der Wohnung von Sabines Schwester ereignet hat. Das ist kaum zu glauben. Kam vorhin von Sara als E-Mail-Anhang.«
Abel startete die Videodatei, die aus unterschiedlichen Perspektiven die verschiedenen Räume der Wohnung von Mailin Zhou zeigte. Zunächst sahen sie, wie sich die Wohnungstür öffnete. Ein Mann betrat die Wohnung. Perspektivwechsel. Der Mann ging durch einen kleinen Flur, verschwand durch eine Zimmertür. Perspektivwechsel. Der Mann betrat ein Zimmer, wahrscheinlich das Wohnzimmer, blieb in der Mitte des Raumes zwischen einem riesigen Sessel und einer Schrankwand stehen und schien dort auf irgendetwas zu warten. Schließlich bewegte er die Lippen, als würde er mit jemandem sprechen. Perspektivwechsel. Das Nächste sahen sie aus dem Blickwinkel des Mannes, der der Kamera jetzt den Rücken zudrehte. Dann öffnete sich die untere Tür des Wandschranks, und ein Mann kroch heraus.
Moewig, der kaum glauben konnte, was er da gerade sah, verfolgte das etwa zweieinhalbminütige Video wortlos. Die letzte Sequenz war, wie die beiden Männer Mailin Zhous Wohnung gemeinsam verließen.
»Alter! Was zur Hölle …«, flüsterte Moewig.
»Ist dir was aufgefallen?«, fragte Abel.
»Du meinst, bis auf die Tatsache, dass offensichtlich ein Typ in einem Schrank in der Wohnung von Sabines Schwester lebt? Reicht das denn nicht?«
»Ich meinte eigentlich den anderen Mann. Den, der als Erster auf der Bildfläche erschien. Moment, Sara hat mir auch noch Standbilder gemailt. Sie hat Vergrößerungen der beiden Männer angefertigt«, sagte Abel und öffnete einen weiteren Ordner.
Das Foto eines Männergesichts – akkurat gestutzter, dunkler Vollbart, durchzogen von wenigen weiße Strähnen, ein Pflaster über einer prägnanten Nase, eng beieinanderstehende Augen – füllte jetzt den Bildschirm aus.
»Das gibt es doch nicht!«, stieß Moewig aus und rutschte dabei auf seinem Stuhl ein Stück weiter nach vorn. »Abdelkarim Saad! Fuck! Der Typ ist anscheinend überall.«
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